Modern Times

…a practical device which automatically feeds your men while at work. Don’t stop for lunch. Be ahead of your competitor…the feeding machine will eliminate the lunch hour, increase your production, and decrease your overhead.

Mit diesen Worten wird in Charlie Chaplins Satirefilm Modern Times Werbung für eine Maschine gemacht, die die Produktivität der Arbeiter steigern soll. Ein Zeitgeist der Hektik und des Leistungsdrucks war Chaplin schon 1936 bewusst. Chaplin, und sicherlich auch einigen seiner Zeitgenossen war bewusst, dass der Traum der Automatisierung, die den Menschen Arbeit abnimmt und ihnen mehr Freizeit und einen komfortableren Lebensstandard beschafft, sich zu einem stressigen Albtraum stumpfsinniger Fließbandarbeit und harter Konkurrenz entwickelt hatte. Der Begriff Burnout ist seit den 1960ern in aller Munde; modernere Statistiken deuten auf immer mehr von dem Erschöpfungssyndrom betroffene Menschen hin.

Burnout statt Fortschritt?

In einer technischen Vorlesung, in der es um Automatisierung ging, erzählte der Dozent von einem südländischen Bauarbeiter, den er beobachtet hatte. Dieser stand neben einer Betonrührmaschine im Schatten und rauchte eine Zigarette- man merkte ihm an, dass er genoss, dass diese Maschine die Arbeit für ihn erledigte, und in der Zeit, als die Maschine lief, ruhte er.
Ein typischer Büroarbeitstag sieht nicht so aus. Ich selbst werde beispielweise ungeduldig, wenn mein Computer für mehr als 30 Sekunden einen Ladebalken anzeigt, versuche in der Zwischenzeit etwas anderes zu erledigen oder lese schnell auf meinem Smartphone die Mails, die ich in den letzten 10 Minuten bekommen habe. Im Zug und in der Straßenbahn sieht man immer weniger Menschen, die einfach nur aus dem Fenster schauen: die meisten surfen auf ihren mobilen Geräten oder hören Musik. Neulich wurde ich auf einen teuer gekleideten Mann mit Aktentasche aufmerksam, der gleichzeitig ein geschäftliches Telefonat führte und in einem Taschenbuch mit dem Titel “Stressfrei leben” las.

Der Mythos von der Automatisierung, die uns Arbeit abnimmt, scheitert meist daran, dass wir diese Automatisierung sofort als selbstverständlich annehmen, und die gewonnene Zeit mit mehr Arbeit füllen. Das mag daran liegen, dass wir psychologisch Sklaven eines unglaublich schnellen Lebensrythmus geworden sind, oder auch daran, dass der Wettbewerb und unser soziales Umfeld uns dazu zwingen.
War das ursprüngliche Ziel des Fortschritts- weniger Arbeit- aufgrund der menschlichen Psyche schon immer utopisch? Wir scheinen Fortschritt zum Selbstzweck zu betreiben, und dessen Früchte nicht oder nur wenig zu genießen (geschweige denn, die Früchte gleichmäßig zu verteilen).

Aus der Sicht des Einzelnen ist es durchaus verständlich, eine gute Karriere erreichen zu wollen, finanziell abgesichert zu sein und sich von hart erarbeitetem Geld ein bisschen Luxus und vielleicht auch ein paar Statussymbole leisten zu können.
Gesellschaftlich betrachtet ist es nicht ganz so klar: Warum fallen in einer so automatisierten und fortschrittlichen Zeit in Deutschland noch immer Menschen durchs Raster, die als Arbeitslose an der Armutsgrenze leben oder gar obdachlos sind? Warum können wir uns scheinbar immer noch nicht leisten, jedem Einzelnen einen angenehmen, wenn auch nicht luxuriösen Lebensstandard zu garantieren?

Lösungsvorschlag: bedingungsloses Grundeinkommen

Der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens liegt seit einiger Zeit auf dem Tisch. Ich habe mir einige Argumentationen hierzu durchgelesen, die meist von der politisch linken Seite kamen, und bin zu dem Schluss gekommen, dass die größten Gegenargumente entkräftet sind:

  1. “Es gibt dann keinen Anreiz mehr zu arbeiten”… Das Grundeinkommen würde nicht luxuriös ausfallen und lediglich die Grundbedürfnisse abdecken (fairer und besser als Hartz IV). Hat man nur das Grundeinkommen zur Verfügung und viel freie Zeit, so möchte man sich in dieser Zeit auch etwas kaufen können. Es lohnt sich also, für ein besseres Gehalt arbeiten zu gehen, gleichzeitig wird die allgemeine Kaufkraft der Büger gesteigert.
  2. “Es ist nicht finanzierbar“… Dieses Argument wird oft und gerne gegen Vorschläge angewendet, die sich auf eine sozialere Politik beziehen. Ignoriert wird dabei, dass eine bessere Finanzlage der Allgemeinheit den Staat an vielen anderen Stellen entlasten würde: z.B. durch weniger Hartz-bezogene Bürokratie, durch Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten, und durch eine erhöhte Geburtenrate durch die Stärkung der Familien

Leseempfehlung: Götz Werner

Obwohl das bedingungslose Grundeinkommen sogar parteiübergreifend von vielen befürwortet wird, mache ich oft die Erfahrung, dass es als linkes idealistisches Geschwätz abgetan wird.
Ich war also erfreut, über einen sehr wirtschaftsaffinen Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens zu erfahren, von dem ich bislang nicht gehört hatte: Götz Werner. Als Gründer der dm-Drogeriemarktkette und Aufsichtsratsmitglied der GLS Gemeinschaftsbank kann man ihn sicherlich als kompetenten Ökonomen bezeichnen. Was der Mann auf seiner Homepage und in Interviews sagt, klingt keineswegs links, sondern ökonomisch pragmatisch.
Lest mal rein und bildet euch eine Meinung. Ich jedenfalls hoffe, dass die Debatte über das Grundeinkommen wieder belebt wird und möglichst ideologiefrei weitergeführt wird.

Frage: Als Außenminister Guido Westerwelle im Februar in einem viel zitierten Artikel davor warnte, “dem Volk anstrengungslosen Wohlstand zu versprechen” – fühlten Sie sich da von ihm angesprochen?
Werner: Das sind Verallgemeinerungen, die der Realität nicht gerecht werden. Beim bedingungslosen Grundeinkommen geht es nicht um anstrengungslosen Wohlstand, sondern um die Sicherung einer bescheidenen, aber menschenwürdigen Existenz. Anstrengungslosen Wohlstand erlebt man im Jetset, das hat mit bedingungslosem Grundeinkommen gar nichts zu tun. Wer ein Grundeinkommen hat, der kann zeigen, was in ihm steckt, denn er muss sich nicht an einen unbefristeten Arbeitsvertrag festklammern, er kann Risiken eingehen.

(aus dem Interview)

“In dem Maße, wie die Arbeit als Produktionsfaktor ersetzt wird, muss sie auch als Einkommensfaktor ersetzt werden, wenn nicht die Verarmung der arbeitslosen Einkommenslosen die Folge sein soll. Durch ein Grundeinkommen können die Menschen nicht nur die verbleibende „alte Arbeit“ selbstbestimmt unter sich aufteilen. Auch und gerade die „Neue Arbeit“, die Kulturarbeit im weitesten Sinne (von der Familien- und Erziehungsarbeit, Bildung, Wissenschaft, Forschung, bis zur Medizin, der Pflege und den Künsten) können sie auf der Basis des Grundeinkommens ergreifen (auch trotz der heute noch chronischen Mittelknappheit in all diesen Bereichen).”

(von der Homepage)

Grüße aus dem Equilibrium

Eine Entschuldigung

Es ist still geworden auf diesem Blog, und da es (überraschenderweise) so einige gibt, die dennoch hier Artikel lesen, möchte ich mich entschuldigen.

Ich mag das Internet, das die Bühne für eine so bunte Mischung von Meinungen und Informationen bietet, wie man sie sonst leider kaum findet. In letzter Zeit beschränkt sich mein Internetkonsum jedoch auf ein das Lesen von Mails im Büro, ein bisschen Facebook unterwegs auf meinem Smartphone, und vielleicht noch mein BBC-Schlagzeilen des Tages. Kurzum: ich bin in jene berüchtigte Stressfalle geraten, die dazu führt, dass man theoretisch zwar die Zeit, aber nicht die Hirnkapazitäten hat, über die Poltik und die Welt nachzudenken.

Ich bin politisch träge geworden und der Nachrichten, die ich morgens in der S-Bahn lese auch irgendwie überdrüssig. Die Grenze zwischen (aktiver) Empörung und stumpfsinniger Resignation scheint bei mir schmal- sie ist überschritten, sobald ich von einem Tag lernen und arbeiten zu ermüdet bin, um noch über das Weltgeschehen nachzudenken. Es ändert sich ja doch nichts, nicht wahr?

Eine kleine Veranschaulichung

Freilich kann ich sagen, dass ich in letzter Zeit, wenn auch nicht auf diesem Blog, produktiv war. Ich habe zum Beispiel viel gelernt, darunter auch über Game Theory, jene wirtschaftlich-mathematische Disziplin, die sich mit dem Finden der gewinnbringendsten Strategie in halbwegs berechenbaren Szenarien befasst. Game Theory handelt ebenso von spaßigen Kinderspielen wie auch von Börsenspekulation und politischem Kalkül. Das Fach ist spannend und wer ein bisschen Geduld hat, kann sich auf dieser Seite einen Kurs dazu ansehen.
Wie dem auch sei: hier skizzenhaft ein Beispiel aus dem Kurs, das mein politisches Engagement begründen könnte:

Zwei Bürger (Spieler) haben die Wahl, an einer Revolte gegen ein fieses Regime teilzunehmen, oder auch nicht. Wir nehmen an, dass beide eine Strategie finden wollen, die für sie möglichst gut endet.

  • Szenario A: Nehmen sie beide teil, sind sie wahrscheinlich erfolgreich und freuen sich riesig (Gewinn für beide: 10 Gummipunkte).
  • Szenario B: Nimmt keiner teil, bleibt alles wie gewohnt (Gewinn für beide: 0 Gummipunkte).
  • Szenario C: Geht jedoch einer der beiden auf die Straße, während der andere wie gehabt zur Arbeit geht, so wird der Rebell von einem Polizisten ein blaues Auge verpasst bekommen (Gewinn: -3 Gummipunkte) wohingegen sich für den anderen nichts ändert (Gewinn: 0 Gummipunkte)

Es stellt sich heraus, dass Szenario C ein sogenanntes Equilibrium ist: beide Spieler können davon ausgehen, dass sie, ganz gleich wofür sich ihr Mitspieler entscheidet, keine Verluste machen werden.
Berechtigter Einwand: man könnte in Szenario A mehr erreichen. Wir gehen aber davon aus, dass die Situation im Moment noch friedlich ist- es wird nicht protestiert. Geht ein Bürger auf die Straße, so muss er damit rechnen, dass der andere seine bisherige Strategie (nicht protestieren) beibehält. Er muss also mit Verlusten rechnen. Da wir von wenigstens ein bisschen egoistischen Spielern ausgegangen sind, die keine verlustbehafteten Strategien möchten, bleibt es also für alle in dem suboptimalen, aber stabilen Equilibrium.

Es gibt eine weitere Auflösung des Dilemnas: wir verwerfen die Annahme, dass Bürger Einzelspieler sind und stellen anstelle dessen eine Kosten-Nutzenrechnung für das Team “Volk” auf. Dann sieht die gewinnbringendste Strategie in jedem Fall so aus, dass gegen Missstände protestiert werden muss. Wie wahrscheinlich das ist, sei zur Diskussion dahingestellt…

Der Mythos vom Tauschhandel (Buchempfehlung)

Ich lese gerade das Buch Debt: the first 5000 years von David Graeber. (Ich hatte es mir auf diese Rezension hin zu Weihnachten gewünscht, und bereue schon, es erst jetzt zu lesen). Während es mir noch schwer fällt, Graeber politisch einzuordnen (der Anthropologe bezeichnet sich selbst als Anarchisten und ist in der Occupy-Bewegung aktiv), schafft es Debt auf den ersten Seiten, für mich völlig neue Aspekte zum Ursprung von Geld, Märkten und Schulden aufzudecken.

Es geht (im ersten Kapitel des Buches) um den Mythos vom Tauschhandel, eingeführt vom schottischen Ökonomen Adam Smith, der seither wegweisend für die Wirtschafts- und Finanztheorie ist. Die Idee, dass zunächst Geld, und später dann ein komplexeres Kreditsystem, aus dem Tauschhandel hervorgegangen seine, erscheint intuitiv logisch. Die traditionelle Tauschhandels-Argumentation liest sich (mit meinen Worten wiedergegeben) etwa so:

Man stelle sich ein Dorf vor, in dem es bereits eine Arbeitsteilung (also einen Metzger, einen Schreiner etc.) gibt, aber noch kein Geld. In diesem Dorf wird Tauschhandel betrieben: wenn Bäcker Fred neue Schuhe erwerben möchte, dann geht er mit drei Laib Brot zum Schuster Hans und bietet ihm einen Tausch an. Wenn Hans zufällig gerade Brot gebrauchen kann, sind beide Parteien zufrieden- doch was ist, wenn Hans genug Brot hat, aber Käse braucht?
Also haben sich schlaue Menschen irgendwann ein Geldsystem ausgedacht: Einheiten kostbarer Metalle (Geldmünzen) vereinfachen den Tauschhandel und stellen sicher, dass es einen Gegenstand gibt, an dem jeder interessiert ist: Geld.
Geld und Währungen sind somit eine logische Schlussfolgerung aus effizienterer Arbeitsteilung. Irgendwann war es praktisch, Geld auch verleihen zu können- und damit der Gläubiger einen Anreiz dazu hat, entwickelten sich so Kredite, Zinsen und Schulden.

Insgesamt ist der freie Markt und das Geldsystem, wie wir es heute kennen, also eine Ausprägung der menschlichen Natur, Dinge zu tauschen und zu handeln. Der Staat hat hiermit direkt nichts zu tun und sollte die freien Märkte (als eine natürliche Handelsform, die zum größtmöglichen Fortschritt führt) nicht einschränken, sondern fördern.

Graeber widerspricht dieser Argumentation entschlossen und weist darauf hin, dass diese Annahme, unser heutiges Finanzsystem sei nur aus dem Tauschhandel erwachsen, historisch nicht belegbar ist. Eine Gesellschaft, die ähnlich zu unserer aufgebaut ist (in dem Sinne, dass es eine Arbeitsteilung und  europäisch-mittelalterlich strukturierte Dorfgemeinschaften gibt), der das Prinzip von Geld noch völlig fremd ist, und die es neu entwickelt, habe es nie gegeben.
Graeber beleuchtet in seinem Buch vielmehr, dass Geld aus einem bereits existierenden System von Schulden erwachsen sei: Geld sei kein Mittel zur Vereinfachung von Tauschhandel, sondern eine abstrakte Maßeinheit für Schulden. Und die Vorstellung, dass ein Mensch einem anderen etwas Schulden kann, und dass Schulden sogar übertragbar sind, ist so alt wie menschliche Zivilisation selbst. Es werden Beispiele aus dem indischen Brahmanentum genannt, in denen bereits ein ausgeprägtes Kreditsystem existierte- gestützt durch das religiöse Dogma, der Mensch werde mit einer Schuld gegenüber dem Göttlichen geboren, die er erst mit seinem Tod abbezahlen kann.

Wo aber kommen dann Währungen her? Graeber argumentiert, dass Währungen und Marktwirtschaften historisch immer von oben herab eingeführt wurden: durch den Staat.

Staaten haben angefangen, Steuern einzutreiben, um davon beispielsweise Armeen zu finanzieren. Zunächst wurde hierzu einfach Zahlung in Form von landwirtschaftlichen Produkten o.Ä. eingefordert. Da sich hiermit jedoch schlecht kalkulieren lässt, und sich die Bürger nicht sicher sein konnten, welche Form von Steuern akzeptiert werden würde, musste eine messbare Einheit her. Man hat Geld gedruckt (oder geprägt). Der Wert des Geldes wurde also nicht durch einen hohen Goldwert garantiert (wie heute oft argumentiert wird), sondern druch das Versprechen, dass man mittels Geld Steuern zahlen, also Schulden gegenüber dem Staat abgleichen kann.
Der freie Markt, der entstand, sobald mit einer verlässlichen abstrakten Währung gehandelt werden konnte, ist eine absichtliche Erfindung des Staates.

Tauschhandelsgesellschaften gab es historisch- jedoch nur in Zeiten, zu denen Geld bereits “erfunden” und in dem Denken der Menschen integriert war: in Gefängislagern, Nachkriegszeiten, und in einem eingeschränkten Maße informal noch in der heutigen modernen Gesellschaft. Der Tauschhandel funktioniert anders als ein festes Währungssystem so, dass es Sphären von Gütern gibt, innerhalb deren getauscht werden kann: man kann eine Kuh gegen zwei Schweine tauschen, nicht jedoch einen Laib Brot gegen eine Goldkette, da die Goldkette sich in einer ganz anderen “Wertesphäre” befinden würde. Tauschhandel ist nicht logische Grundlage für den freien Markt gewesen, er kann unabhängig von ihm oder gar parallel zu ihm existieren.

Gegenübergestellt werden kurzum diese “Entwicklungsreihenfolgen” unseres Finanzsystems: Nach Adam Smith und Co:

  1. Primitive Bauerngesellschaft
  2. Primitive Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Tauschhandel (freier Markt)
  3. Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Geld als Tauschmittel (freier Markt)
  4. Moderne kapitalistische Gesellschaft mit Börsen, Krediten und freiem Markt

Nach Graeber und seinen zitierten Anthropologen:

  1. Primitive Gesellschaft, die aber nichtsdestotrotz ein System von “A schuldet B etwas” hat. Die Sicherheit, dass Schulden abbezahlt werden, wird meist durch Religiosität gewährleistet.
  2. Herausbildung von Staaten
  3. Staaten führen von oben herab Währungen und Märkte ein, um ihre Authorität sicherzustellen und Steuern einzutreiben.

Wir wissen heute nicht mehr genau, wie sich unser Finanzsystem entwickelt hat. Mir erscheint Graebers Erklärungsansatz ebenso gut wie der traditionelle. Doch wozu die Gedankenexperimente? Der Punkt ist, dass man aus den beiden Erklärungen ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen muss, was das Zusammenspiel von Staat und Markt angeht.
Mit Smith mag man argumentieren, dass freie Märkte eine stärkere treibende Kraft für den Fortschritt sind, als es Staaten jemals sein können, und dass sie sich ferner natürlich entwickelt haben und damit inhärent “gut” sind. Glaubt man hingegen Graeber, so gibt es historische Indizien, dass eine Trennung von staatlicher Gewalt und dem Markt nicht gewollt oder jedenfalls noch nie üblich war. Man zweifelt viel eher an, dass wirtschaftliche Freiheit ein natürlicherweise erstrebenswertes Ziel sei.
Ich finde, dass diese Debatte gerade jetzt geführt werden müsste. Weshalb ist Graebers Buch der einzige Vorstoß in diese Richtung, von dem ich gehört habe? Selbst wenn Graeber Humbug schreibt, zeigt das Buch für mich, dass man durchaus sinnvolle Standpunkte vertreten kann, die der vorherrschenden Meinung über den natürlich entstandenen Markt widersprechen.

Abschließend ein Ausflug in die Geschichte Madagaskars (ich verlasse mich auf die Informationen des Autors): Während der französischen Kolonialzeit wurde die Währung Franc auf der Insel eingeführt, um die Einwohner kulturell zu assimilieren. Steuern (“impôts moralisateur”- erzieherische Steuern) mussten in dieser Währung an die Franzosen gezahlt werden, Gehälter wurden in der neuen Währung gezahlt. Die Kolonialherren bauten auch Geschäfte, in denen neuartige Konsumgüter wie Kosmetika und Mode angeboten wurden. Dennoch beschreibt Graeber, wie sich die Einwohner Madagaskars anfangs gegen diese Währung wehrten: sie gaben ihr Geld nicht in den verlockenden neuen Geschäften aus, sondern kauften davon Vieh, das sie ihren alten Göttern opferten. Könnte es sein, dass dieser Gesellschaft von oben herab ein freier Markt aufgezwungen wurde, obgleich die Bürger es aktiv nicht wollten?
Madagaskar zahlt wegen der für beide Seiten sehr blutigen Aufstände in den 50ern bis heute Reparationskosten an Frankreich. Der Staatshaushalt leidet darunter so sehr, dass bei der letzten Malariawelle nicht genügend Impfstoff bezahlt werden konnte…

Die Piraten und Demokratie: empfehlenswerte Rede von Christpher Lauer

Ich habe die Erfolge der Piratenpartei stets mit gemischten Gefühlen betrachtet: Sie vertreten hinsichtlich Technologie und Internet Standpunkte, die ich voll und ganz teil- auf der anderen Seite werfe ich ihnen (unter anderem, weil sie ausschließlich aus einer Internetbewegung hervorgegangen sind) vor, andere wichtige Themen wie Umweltschutz, Bildungs- und Sozialpolitik u.s.w. zu vernachlässigen.

Eine Rede von Christopher Lauer (eine Mitschrift findet ihr hier) im Berliner Abgeordnetenhaus zeigt jedoch, dass die Piraten für mehr stehen als Informationsfreiheit. Lauer kritisiert in der Rede Wowereits neueste Regierungserklärung in einer Form, die ganz grundsätzliche Fragen zu dem demokratischen Prozess aufwirft und sehr interessante Aspekte beleuchtet. Beispielsweise wird darauf hingewiesen, wie Demokratie, Transparenz, und auch das Vertrauen der Wählerschaft geschädigt werden, wenn Politiker ausschließlich im Interesse ihrer Partei handeln und die Gesetzesentwürfe nicht mehr selbst schreiben, sondern von Referenten erstellen lassen.

Im Wahlkampf hatten wir ein Plakat „Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht doch eh nicht wählen?“ Analog dazu könnte man über dieses Rednerpult eins mit der Inschrift „Warum rede ich hier eigentlich, ich weiß doch eh, wie ihr abstimmt“ hängen. Der Erfolg der Piratenpartei ist auch das Ergebnis einer Vertrauenskrise in unser repräsentatives, parlamentarisches System. Die Bürgerinnen und Bürger Berlins kämen doch nicht auf die Idee nach mehr Beteiligung zu verlangen, wenn sie das Gefühl hätten, dass sie hier im Sinne einer Volksvertretung vertreten werden. Hat sich hier noch nie jemand die Frage gestellt, warum sich Menschen, für die Strom aus der Steckdose und Geld aus dem Automaten kommt auf einmal Interesse daran haben, sich politisch zu beteiligen?

Mindestens in dem gleichen Maß, wie mich Lauers Argumentation beeindruckt hat, schockte mich das Desinteresse und Unverständnis des Publikums. Nicht nur wurde während den 10 Minuten Redezeit laut geredet und unhöflich durch (viele!) Zwischenrufe gestört- Christopher Lauer wurde gar ausgelacht, als er sagte (dieser Satz ist klischeebehaftet, aber nicht unwahr):

Mit den Piraten haben doch nicht die Klassenlieblinge die politische Bühne betreten, sondern die Nerds, die Außenseiter, diejenigen, die in der Schule nicht zu den Parties eingeladen worden sind, diejenigen, die nicht in der Mitte der Gesellschaft standen. Wir mussten uns unsere eigene Gesellschaft suchen und haben sie im Internet gefunden.

Das Video zeichnet ein Bild des Abgeordnetenhaus, dass mich wieder einmal das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand unserer Politiker verlieren lässt. Beinahe zähle ich mich selbst zu den von Lauer genannten Nerds, die mehr aus Verzweiflung denn aus Spaß politisch interessiert geworden sind.

Die Erfolge der Piratenpartei sind, wie ihre Vertreter sogar selbst betonen, ein Indiz für tiefliegende Probleme in unserer Demokratie. Wäre die Politik so transparent, solidarisch und offen, wie sie sein sollte (und behauptet zu sein), dann kämen Computernerds nicht auf die Idee, in ihrer Freizeit Konzepte wie Liquid Feedback (lesenswert!) zu entwerfen, sondern würden lieber programmieren.

Für mich war dies lange ein Grund, besagte “Nerds” auch nicht zu wählen… so wie ich mir selbst nicht zutrauen würde, politisch große Verantwortung zu übernehmen. Nun aber habe ich den Eindruck, dass eben jene Außenseiter aus der Piratenpartei die einzigen sind, die noch provozieren und hinterfragen. Immer wieder grunddemokratische Fragen zu stellen, und den Entscheidungsprozess zu überdenken, ist in meinen Augen zentral für eine gesunde Demokratie.
Ja, ich habe fast den Eindruck, dass die Piratenpartei angesichts der mangelhaften Alternativen (festgefahrener, lobbygetriebener politischer Einheitsbrei) wählbar geworden ist…

Wir haben es satt

An alle Berliner:

Nächste Woche findet in Berlin wieder die Wir haben es satt-Demo statt. Dabei geht es diesmal nicht nur um allgemeine Kritik an der rein gewinnorientierten, rücksichtlosen Nahrungsmittelindustrie: es werden demnächst ganz konkret EU-Beschlüsse für die Agrarpolitik bis 2020 gefällt. Es gilt also, vorher ein Zeichen für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit zu setzen. Geht hin, wenn ihr das gutheißt!

An alle anderen:

Viel effektiver als eine jährliche Demonstration ist meiner Ansicht nach immer noch unser Konsumverhalten und die Tatsache, dass wir darüber nachdenken, was auf unserem Teller landet, und dass wir uns beim nächsten Einkauf dann hoffentlich nachhaltiger entscheiden.

Wenn ich meine Meinung zu McDonalds, Billigfleisch und Discountern äußere, bekomme ich immer noch oft Dinge wie “Hast du etwa Mitleid mit den armen Tieren?” zu hören. Ich habe in der Tat Mitleid (es ist nicht so, dass ich besonders tierlieb wäre- bei der Fleischproduktion existiert eine so horrende Grausamkeit, dass man eigentlich nicht wissend und mitleidsfrei zugleich sein kann!)- aber das ist für mich nur ein untergeordneter Aspekt. Ich ernähre mich nicht vegetarisch und habe mit dem Wissen, dass für mein Steak eine Kuh gestorben ist, auch kein Problem (schon eher damit, wie sie gestorben ist…).

Wer kritischen Konsum mit Vegetarismus gleichsetzt, und  Vegetarismus damit gleichsetzt, “übertrieben” tierlieb zu sein, hat nicht weit genug gedacht. Es gibt wesentlich mehr (egoistische, pragmatische) Gründe gegen eine Lebensmittelindustrie, die schnelle, billige und profitable Produktion von Nahrung zum einzigen Ziel auserkoren hat! Jeder einzelne ist es meiner Meinung nach wert, auf die Straße zu gehen.
Um nur ein paar genannt zu haben:

  • Wir (in der privilegierten ersten Welt) können unseren Ernährungsstandard für eine längere Zeit aufrechterhalten. Und damit meine ich nicht Billigfleisch zu unschlagbar günstigen Preisen! sondern vielmehr genug, abwechslungsreich, und in Maßen Nahrung essen zu können, auf deren Qualität wir uns verlassen können.
    Ich habe den Eindruck, dass sogar in Deutschland dieses Privileg immer weniger Menschen zuteil wird. Nachhaltig produzierende Bauern werden durch die aggressive Preisdrückungsstrategie der Lebensmitteldiscounter vom Markt verdrängt- und sind immer seltener vorzufinden, selbst für Menschen, die bereit und fähig sind, wesentlich mehr Geld für Bio-Essen auszugeben.
  • Dank fortgeschrittener Technologie wäre es möglich, auf nachhaltige Weise mehr Nahrung zu produzieren als zuvor, und diese gerechter zu verteilen. Das geschieht jedoch ganz vorsätzlich nicht!
    In Asien wird Soja in Massen angebaut, die wir uns vor einiger Zeit nicht hätten träumen lassen. Dieser Soja wird dann allerdings nicht etwa dazu verwendet, hungerleidenden Menschen den Magen zu füllen, sondern einmal um den Globus transportiert, um an Tiere verfüttert zu werden und als billiges Hackfleisch auf unseren Tellern zu landen. Die Teile des Tiers, die wir Reichen nicht ganz so gerne essen, werden entweder in Afrika Menschen aufgezwungen- äh-verkauft…oder weggeworfen. Insgesamt eine riesige, ungerechte Energieverschwendung, die zwar profitabel, aber nicht nachhaltig ist.
  • Wir können die gesundheitlichen Folgen von Gentechnik, Pestiziden und medikamentengetriebener Massentierhaltung nicht abschätzen. Allergien und medikamentenresistente Krankheitserreger nehmen zu, und der kausale Zusammenhang zu unserer Ernährung scheint zu existieren, wie genau, ist jedoch unklar. Wer vorsichtiger essen möchte, wird außerdem nicht hinreichend informiert:
    Wer kann schon die Inhaltsangaben, die auf Lebensmitteln in Schriftgröße 5 abgedruckt sind, entziffern? Und kann Max Mustermann dann aus ein paar kryptischen chemischen Bezeichnern schlussfolgern, ob das Nahrungsmittel gut für ihn ist?
    Warum werden wir nicht darüber aufgeklärt, wo und wie unser Essen produziert wurde? Erst dann könnten wir uns als Verbraucher wirklich frei entscheiden.

Zum schottischen Referendum

Meinen ersten Abend eines längeren Aufenthaltes in Schottland verbrachte ich im Pub mit Kollegen. Durch einen halben Pint Ale hatte ich den Mut gewonnen, mich in das Gespräch einzumischen, und so müssen mir die Worte “You English people…” herausgerutscht sein. Die Reaktion war keine freundliche. Seitdem weiß ich: die Schotten haben ihren eigenen Stolz.

Nicht ohne Grund gab es lange und blutige Kämpfe (angeführt von schottischem Adel, und auch Proletariat) gegen die englische Herrschaft, die noch heute in Geschichten und Heldensagen weiterleben. Kulturell gibt es einiges, das sie von dem Rest des Vereinigten Königreiches abtrennt: ein anderer Akzent, ein viel beharrlicherer Alkoholkonsum, ja sogar unterschiedliche Pfundnoten (auf denen unter anderem schottische Freiheitskämpfer abgebildet sind).
Dieser schottische “National-”stolz ist mehr ein nostalgisches Überbleibsel, er beschränkt sich nicht nur auf historische Ereignisse.
Junge Menschen fiebern bei eigentlich allen Sportereignissen für das schottische und gegen das englische Team und schwören auf schottische Biere, Musik, sogar auf das Wetter.

Insbesondere ist ein Unterschied in der politischen Einstellung feststellbar. Mein Eindruck war, dass Schotten zwar selten demonstrieren gehen, und von blutigen Racheaktionen im Namen eines Clans schon vor 300 Jahren abgesehen haben- sie sind (wenigstens in ehemaligen Industriestädten wie Glasgow) insgesamt jedoch viel weniger obrigkeitshörig und für die Interessen der “kleinen Leute”.
Die meisten sind nicht für eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich- doch sie sind auch nicht der Meinung, dass das Königreich das Größte ist: die meisten akzeptieren das Königshaus, befürworten es jedoch nicht aktiv- ganz anders als im Süden Englands.

Als David Cameron in der Euro-Krise den Euro-Ländern seine Unterstützung vorenthielt, wurde ich von meinen schottischen Freunden überrascht, die mir nahe legten, dass sie nicht hinter Cameros Politik stünden, und (ich wusste nicht, wie reagieren) Merkel unterstützten. Mir wurde gesagt, ich solle aus der Politik Camerons keine Schlüsse über die Bürger ziehen, denn man schäme sich für den Premierminister.

Nun wird wieder einmal über ein Referendum zur schottischen Unabhängigkeit diskutiert. Es ist nicht die erste solche Diskussion- angesichts der Krise jedoch eine besonders interessante. Ich habe bereits jetzt, da die genauen Konditionen des Referendums unklar erscheinen, von Schotten Unmut über den starken Einfluss gehört, den Cameron zu nehmen scheint.
Dass sich Schottland dadurch abspaltet, erscheint unwahrscheinlich: die Nationale Partei macht dort stets stärkere und schwächere Phasen durch, war jedoch noch nie stark genug, um bei einer Volksabstimmung eine absolute Mehrheit zu erzielen. Höchstens wird das Ergebnis, wenn es denn knapp ausfällt, also ein Indiz sein, das die englischen Politiker nachdenklich stimmen sollte. Cameron will das Ergebnis des Referendums ausschließlich als “Beratung” wahrnehmen. Es wird sich nicht viel ändern- außer vielleicht, dass sich die Schotten durch dieses Demokratiespektakel nochmals in ihrem Stolz getroffen fühlen.
Was haben beide Parteien davon? Die Londoner Torys können für die nächsten Jahre jede Diskussion über schottische Unabhängigkeit mit Verweis auf das Referendum abwinken. Die schottischen Nationalisten werden über die undemokratische, konservative Vorgehensweise herziehen und ein paar Sympathisanten gewinnen. No big deal.

Hilfe, es weihnachtet sehr

Was ich mir zu Weihnachten wünsche? Sicherlich bin ich nicht die Einzige, die diesen Satzes längst überdrüssig ist.
Leider gebe ich nie die Antwort, die mir auf diese Frage auf der Zunge brennt. Die würde nämlich lauten: Ich wünsche mir, mal ein Weihnachten keine Geschenke einkaufen zu müssen und keinen Schrott geschenkt zu bekommen! oder Ich habe materiell alles, was ich brauche- und was ich noch nicht habe, das kannst du dir ohnehin nicht leisten.
Leider mische ich mich auch dieses Jahr wieder unter die grimmigen Massen, die in den letzten Tagen vor Heiligabend durch Geschäfte rennen, auf der Suche nach einem originellen, persönlichen, von Herzen kommenden und zugleich günstigen Geschenk- um dann in letzter Minute ein fertig verpacktes Kosmetik-Set zu erstehen. (In Mode sind auch nicht-ganz-materielle Geschenke, wie Erlebnistage von Jochen Schweizer. Uns mangelt es nicht an Gegenständen, sondern an Erlebnissen.)
Leider sehe ich mir immer noch diese Nachrichtensendungen an, in denen über die Leistung des Einzelhandels in der Vorweihnachtszeit berichtet wird. Als gebe es keinen Hunger, keine Arbeits- und Chancenlosigkeit, keine Gewalt, keine Probleme außer der deutschen Konjunktur. Als sei ich persönlich für das Schicksal des Einzelhandels verantwortlich, als ginge die Welt unter, würden wir nicht (weihnachtlich gestimmt selbstverständlich) konsumieren, so viel wir uns erlauben können (oder auch nicht).
Leider glaube ich nicht mehr an das Christkind, sondern an die nüchterne Wahrheit, dass der Dezember jeden Jahres vor allem durch einen verschärften Konsumwahn, erhöhte Selbstmordraten, noch unglücklichere Gesichter in den Einkaufsstraßen und noch leerere Geldbeutel gekennzeichnet ist.

Auch werde ich auch nicht mehr an Nächstenliebe glauben, wenn ich lese, wie viele Obdachlose in diesem Jahr wieder erforen sind. Nicht einmal an zeitlich beschränkte, kausal direkt und ausschließlich mit dem Weihnachtsfest zusammenhängende Nächstenliebe…
Was das angeht, glaube ich ebenso wenig an “von Herzen kommende” Geschenke:
Ich wollte zwei jüngeren Kindern (Leopardenfans) zu Weihnachten eine Tierpatenschaft schenken und recherchierte im Internet nach Möglichkeiten.
In einem Forum hatte jemand genau mein Problem gehabt. Perfekt! Er hatte nach einer guten Institution für solche Patenschaften gefragt, und als Antwort erhalten, er solle doch lieber eine Kinderpatenschaft kaufen, Menschen seien schließlich wichtiger als Tiere und es gebe so viele leidende Kinder.
Ich suchte daraufhin nach Möglichkeiten für Kinderpatenschaften. Diese würden ein etwas weniger hübsches Geschenk abgeben: von WWF bekommt man einen Plüschleoparden zugeschickt…  vom SOS Kinderdorf jedoch sicherlich kein Plüsch-Kind.  Die Internetseiten von Organisationen, die Kinderpatenschaften anbieten, sind sehr informativ: dort bekommt man auf den ersten Blick neben Slogans à la “Schenken Sie Ihren Lieben ein gutes Gewissen” sofort Hinweise, wie man Patenschaften steuerlich als Spenden absetzen kann. Schenken, dabei etwas Gutes tun, und steuerlich profitieren. Dass ich mir diesen Luxus leisten kann! Den Luxus des Gutseins ganz ohne Schmerzen… ein Kind für eine nicht definierte Weile finanzieren, ohne Verpflichtungen und ohne ihm gegenüber stehen zu müssen, und sein Leid sehen zu müssen…
Ich kaufte keine Patenschaft. Stattdessen ging ich in einen Spielwarenladen und kaufte zwei Schneemänner aus Plüsch ein, die vermutlich von armen Kindern, die niemals eine sorgenfreie Kindheit mit Schneemännern hatten, in schneefernen Regionen dieser Welt zusammengenäht worden waren.

Ich bin nicht immer Weihnachtsmuffel gewesen! Das kindliche Konzept von Weihnachten (Gemütlichkeit und familiäre Geborgenheit) liebte ich- sobald man diesem jedoch, mehr oder weniger gezwungenermaßen, entrinnt (oder dieses nie erlebt hat), ist es vorbei.
In einer Welt, in der ethischer Konsum kaum möglich erscheint, und Weihnachten beinahe auf ein Konsumfest reduziert worden ist, kommt mir die Geschichte vom Jesuskind, das sich für die Menschheit geopfert hat, zunehmend wie eine Farce vor.

An Heiligabend werde ich, zusammen mit den anderen U-Boot-Christen, in der Christmette “auftauchen” und Macht Hoch die Tür singen. Anschließend werde ich irgend ein antibiotikavollgepumptes und grausam geschlachtetes Geflügeltier essen und Menschen, die mir etwas bedeuten, Plüschtiere und Kosmetik-Sets bescheren…
Warum? Weil es die einzige Auszeit nach wochenlangem Arbeits- und Einkaufsstress ist. Weil Weihnachten, obgleich es wie die Satire einer einst glücklichen Tradition erscheint, eine der wenigen Gelegenheiten zum gemütlichen Beisammensein mit Familie bietet. Weil es sonst keine Möglichkeiten gibt, Menschen durch ein Geschenk zu zeigen, dass sie wenigstens so präsent sind, dass man sich verpflichtet fühlte, ihnen etwas zu schenken… und weil ich wirklich sehr gerne schokolierte Lebkuchen mag!

Frohes Fest!

Im Bildungszoo (Leseempfehlung)

Eine originelle Ideen hatten in dieser Woche russische Demonstranten – sie zeigten Plakate, die eine statistische Gegenüberstellung zeigten:
Die (angebliche) Verteilung der Wahlbeteiligungen in verschiedenen Lokalen (mit einem erstaunlich hohen Anteil hoher Beteiligungen) verglichen mit der erwarteten normalverteilten Gausskurve. Die russischen Demonstranten haben zweifelsohne Recht, was die Dubiosität des Wahlergebnisses angeht- und verwenden das statistische Argument einer gaussschen Normalverteilung korrekt.

Jedes Mal, dass mir etwas mit der berüchtigten Glockenkurve erklärt wird, werde ich dennoch leicht nervös. Das liegt einerseits daran, dass Statistik in der Mathematik nie zu meinen Stärken gehörte. Es gibt jedoch einen zweiten Grund: Glockenkurven werden vielerorts als Entschuldigung für “alternativlose” unbeliebte Entscheidungen verwendet: von Dozenten beispielsweise, die sich so ihre Klausurnoten zurechtbiegen…
Oder, auf einer höheren Ebene, in unserer Bildungspolitik. Wenn das deutsche Bildungssystem einen klugen Jungen wie Gauss hervorbringen konnte, so scheint die Annahme zu lauten, dann kann man seine Erkenntnisse bei jedem noch so unpassenden Anlass zitieren. Etwa so, zum Thema Bildungsungleichheit: “Intelligenz ist nun einmal gaussverteilt, da muss es Unterschiede geben”.

Ich bin vor kurzen auf einen Artikel von Torsten Bultmann gestoßen, der auf den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Ungleichheit und Bildungsungleichheit (und einiges mehr) eingeht. Der Artikel ist sehr lesenswert (!!) und eine Goldgrube an Erkenntnissen – ich möchte hier nur kurz Ausschnitte zitieren, weil er meine Meinung in vielerlei Hinsicht so treffend auf den Punkt bringt:

“Merke: Wenn das Gleichgewicht zwischen wachsendem gesellschaftlichen Bildungsniveau und Begrenztheit privilegierter Arbeitsplätze erheblich gestört ist und wenn dadurch möglicherweise noch ein zusätzlicher Demokratisierungs- und Legitimationsdruck im Hinblick auf gehobene soziale Positionen entsteht, ändert sich im Regelfall die politische Gefechtslage: das Chancengleichheitsmotiv wird als bidungspolitischer Impuls abgewertet, statt dessen heißt es nun “Mut zur Erziehung!” (1978), “Mehr Elitenförderung!”, “Mehr Wettbewerb!”.”

“Die anti-pädagogische Fragestellung, wieviel an Bildungsinvestition sich in welchen Menschentyp “lohne”, beschreibt eine – meines Erachtens in dieser Intensität neuartige – Synthese aus betriebswirtschaftlichem Rentabilitätskalkül und erbbiologischen Aftertheorien über “natürliche” Ungleichheit (s.u.). Gegenwärtig sind etwa alle Bildungseinrichtungen, Schulen und Hochschulen, einem gigantischen Kostensenkungsdruck bei wachsender gesellschaftlicher Beanspruchung ausgesetzt. Der dadurch begünstige Übergang von traditionellen (Selbst-)Verwaltungsstrukturen zu betriebswirtschaftlich ausgerichteten sog. “neuen Steuerungsmodellen” (Bultmann 1999) produziert strukturbedingt einen selektiven Blickwinkel auf die Bildungsobjekte.”

“Mit anderen Worten: Es ist mal wieder soweit. Immer wenn neue einschneidende Sparmaßnahmen an den staatlichen Bildungsetats ins Haus stehen, werden die verbliebenen Ansätze einer integrativen Bildungspolitik, die sich um eine bessere Bildung für alle bemüht, durch “Begabtenforschung” und “Begabtenförderung” verdrängt. (Ulmann 1991, 134). In solchen Zeiten wird (mal wieder) der Elitenbegriff “enttabuisiert” (Forschung und Lehre 4/1997; DUZ 14/1998)2 und wendige Mainstream-PsychologInnen entwickeln Meßinstrumente, die eine frühzeitige Selektion unterschiedlicher Lebenschancen ermöglichen sollen. Nicht alle Menschen möglichst gut zu bilden, ist dann angesagt, “sondern diejenigen auszuwählen und zu fördern, bei denen ‘es lohnt’” .”

Torsten Bultmann, Die Eliten und die Massen. Kritik eines bildungspolitischen Stereotyps.

No disconnect!

Karl-Theodor zu Guttenberg wird nun EU-Berater in Sachen Internet. Als ich diese Nachricht las, war meine erste Reaktion Erleichterung und ein wenig Erheiterung (wen nehmen die in der EU eigentlich nicht auf?).
Ich war erleichtert, da Brüssel von meinem Zuhause weiter entfernt ist als Berlin, und auch die Möglichkeit einer neuen rechten Partei unter Guttenberg wird, wenn nicht eliminiert, so doch wenigstens auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Außerdem besteht Angesichts der Eurokrise die Moeglichkeit, dass der Gute seinen Job bald wieder verliert… In der EU, neben Oettinger und Stoiber- da kann der Freiherr nicht mehr viel Übel anrichten. Oder?

Guttenberg, so Vizepräsidentin Neelie Kroes, wurde aufgrund seines “Talents” und seiner “internationalen Weitsicht” für den Job ausgewählt. Dass ich persoenlich seine Talente (abgesehen von dem Einsatz von Suchmaschinen) anzweifle, sei hier außen vor gelassen. Ich würde sogar anzweifeln, dass Frau Kroes Guttenberg tatsächlich wegen seiner Qualifikation auserkoren hat. Guttenberg mag für Aussenpolitik berühmt und berüchtigt sein, er hat jedoch sicherlich keinen Expertenruf, was digitale Medien angeht. Warum also ausgerechnet er?

Die erste Erklärung: B-Vitamine. Nicht unwahrscheinlich, und es wäre nichts Neues- auch wenn ich spontan keine Belege oder transparente Hinweise auf die Beziehungen finden kann, die eine Rolle gespielt haben koennten.

Die zweite Erklärung also: Guttenberg ist Repräsentant der angestrebten Internetpolitik. Hier lohnt es sich, einen genaueren Blick auf jene EU-Agenda zu werfen, welcher Guttenberg beratend beihelfen soll. Sie trägt den klangvollen Namen No disconnect. Was genau das heissen soll? Ich habe nicht den blassesten Schimmer.

“Diese (Guttenbergs) Ernennung ist Schlüsselelement einer neuen „No disconnect“-Strategie, mit der sich die EU weiterhin dafür einsetzen wird, dass die Menschenrechte und Grundfreiheiten sowohl online als auch offline gewahrt werden und das Internet und andere Elemente der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) treibende Kräfte zugunsten politischer Freiheit, demokratischer Entwicklung und wirtschaftlichen Wachstums bleiben können.”

Menschenrechte und Grundfreiheiten- ein netter Anfang. Doch schon Punkt 1 der Agenda lässt stutzen:

  • Entwicklung und Bereitstellung technischer Instrumente, mit denen der Schutz der Privatsphäre und die Sicherheit von Menschen in nichtdemokratisch regierten Ländern bei der IKT-Nutzung erhöht wird.

Ist Deutschland eigentlich ein “nichtdemokratisch regiertes Land” im Sinne dieser EU-Komission? Auch hier wären, angesichts der laufenden Debatten um (mittelmäßig gut programmierte) Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherungen, Maßnahmen zur Wahrung der Privatsphäre vonnöten.

Möglich, dass Guttenberg mit seiner Frisur auch seine Meinung zur Netzfreiheit in Deutschland verändert hat. Vor zwei Jahren jedenfalls äußerte sich der damalige Bundeswirtschaftsminister noch wie folgt:

“Das macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich eines der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.”

Freifrau Stephanie zu Guttenberg setzt sich sein Jahren, im Namen des Kampfes gegen Kinderpornographie, für Netzsperren und Zensur ein.

Werfen wir einen Blick auf Punkt 3 von “No disconnect”, (aka “Überwachung von Überwachungen”:

  • Sammlung hochwertiger Informationen über das Geschehen „vor Ort“, um die Intensität der Überwachung und Zensur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu beobachten.

Da bleibt zu hoffen, dass die so kompetent besetzte EU-Kommission die richtigen moralischen Massstäbe findet, um gute Überwachung im Sinne der no disconnect-Strategie von böser Überwachung zu trennen! Frau Kroes äußerte sich hierzu mit dem sehr informativen Statement “Menschenrechte sind elementar für alles, was wir in der EU machen”. Aha. Ist der Tenor möglicherweise das Albekannte “Wir sind demokratisch, hinterfragen uns selbst nicht und müssen den anderen beibringen, was Menschenrechte bedeuten?” … Nein, das wäre sicherlich eine Unterstellung.

Abschliessend sehe ich zwei Möglichkeiten, wie sich Guttenberg als EU-Berater entwickeln könnte:

  1. Er versackt in der EU, wie viele Politiker vor ihm. Das Projekt erzielt mittelmäßige Erfolge und wird bald vergessen. Guttenberg kehrt nicht in die deutsche Politik zurück.
  2. Guttenberg treibt in der EU-Kommission eine Politik der Netzzensur im Namen der Menschenrechte (wie gerne diese missbraucht werden!) voran. Anschließend werden uns in der deutschen Politik Zensurmaßnahmen als unabdinglich verkauft, da sie EU-Richtline sind… Guttenberg wäscht durch seine diplomatische Tätigkeit seinen Namen rein, um dann doch nach Deutschland zurückzukehren. Ich wandere aus.