Eindrücke vom Friedenswinter

Wer heutzutage für den Frieden ist, muss ein naiver Idiot sein. Oder schlimmer noch, ein Altkommunist, Neu-Rechter, oder gar Gewerkschafter! [ZEIT]

Wenn man sich die breite Masse der Presseveröffentlichungen zu den Friedensdemonstrationen, die am Sonntag (13.12.2014) in vielen deutschen Städten stattgefunden haben ansieht, bekommt man wahrlich keinen guten Eindruck von der jungen Friedenswinter-Bewegung.

Obwohl man sich fragen könnte, wie all die verunglimpfenden und schmählichen Bezeichnungen, die für die Demonstranten verwendet werden, überhaupt zu einander passen. Obwohl man sich auch wundert, weshalb vermeintliche rechtsradikale Verschwörungstheoretiker im Demonstrationsaufruf, wie auch in zahlreichen Reden, immer wieder Sätze schreiben wie:

Den Menschenrechten, dem Völkerrecht und der internationalen Solidarität gilt unser aktives Handeln. Rassismus und Faschismus lehnen wir entschieden ab. […] Frieden braucht Mut, Engagement und Solidarität.

Obwohl man sich auch darüber wundern könnte, dass einige diffamierende Medienberichte bereits vor der Sonntags-Demonstration geschrieben wurden.

Wie schlimm muss es um die Presse hierzulande eigentlich stehen, dass sie bereitwillig auf derart niedrigem Niveau gegen tausende von Bürgern hetzt, die sich an einem Adventssonntag im Namen des Friedens auf den Straßen versammeln? Es gibt Worte für solches Verhalten, Worte, die in letzter Zeit allerdings eher für Berichte über Russland reserviert zu sein scheinen: Polemik, Kriegstreiberei, Propaganda, Meinungsmache. [Weiterführender Bericht]

Anders als so einige Journalisten, die sich nicht zu schämen scheinen, die Friedensbewegung ohne eigene Eindrücke hemmungslos zu verunglimpfen, war ich persönlich bei der Demonstration in Berlin, um mir ein Bild zu machen. Ich habe dort weder militante feindeselige Russen, noch Rechtsradikale, noch Verschwörungstheoretiker getroffen (Gewerkschafter waren allerdings tatsächlich dabei). In Berlin waren etwa 4000 ernsthaft besorgte Bürger an der Demonstration beteiligt. Darunter waren zahlreiche Familien, die sich wünschen, dass auch ihre jüngsten in einem friedlichen Europa ohne Kriegspropaganda aufwachsen können. Darunter waren auch für mich überraschend viele ältere Menschen, die vielleicht aus direkter Erfahrung heraus „Nie wieder Krieg“ wollen. Ganz normale Menschen.

Es wirkt hoffnungslos, dem Shitstorm echte Argumente entgegenzuhalten. Die Friedenswinter-Bewegung hat dies freilich versucht. Gute Journalisten hätten dies auch nachlesen und anerkennen können (besonders lesenswert ist die Rede von Eugen Drewermann).

Zum Vorwurf, der Friedenswinter habe keine konkreten Fakten auf seiner Seite:

Wir haben unter Adenauer 1963 als Bundesrepublik West versprochen, es würden 0,7% des Bruttosozialproduktes eingesetzt werden für Entwicklungshilfe. Niemals ist es in all der Zeit auch nur zu 0,4% gekommen. Und abkassiert haben wir aus den Schuldenzinsen der Entwicklungsländer das Fünfundzwanzigfache. Niemals war die Not der Dritten Welt ein wirkliches Motiv dieser Art von Politik. Aber nun das Fünffache, 2% des Bruttosozialprodukts für Rüstung ist das Ende
und die Perversion der Weltverantwortung.

Zum ermüdenden und Allzweck.-Vorwurf des Putin-Verstehens:

Oh ja, Putin bedroht den Weltfrieden. Die Rüstungsausgaben Russlands liegen bei 80 Milliarden Dollar. Das ist unglaublich viel. Aber gerade bewilligt man den USA 500 Milliarden Dollar plus den Milliarden die nötig sind, das Ausspähprogramm der NSA weltweit zu etablieren, um die Kontrolle über die gesamte Menschheit zu erringen. Zusätzlich zu den geheimen Einsätzen der CIA so ziemlich rund um diesen Globus. Plus der Aufrüstung des Weltalls mit der NASA. Das alles verrechnet muss sich addieren zu den rund 300 Milliarden, die die NATO-Staaten aufzubringen haben. Das ist gesamt gerechnet mehr als das Zehnfache von allem, was Russland ausgibt zu seiner
Verteidigung. Wer hat da Grund, sich vor wem zu fürchten?

Und vor allem, immer wieder zitierfähig, von Wolfgang Borchert (und Eugen Drewermann):

Mann an der Werkbank! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst statt Kochgeschirren und Wasserrohren Kanonenrohre und Handgranaten ziehen – Mann an der Werkbank, sag NEIN!
Und Mutter, Mutter in Deutschland! Mutter in der Ukraine! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst Kinder gebären: Jungen für die Schützengräben, Mädchen für die Spitäler, – Mutter in Deutschland, Mutter in der Ukraine, sag NEIN! Mann im Labor! Mann am Katheder! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst den neuen Tod für das alte Leben erfinden, – Mann im Labor, Mann am Katheder, sag NEIN!
Und Pfarrer auf der Kanzel – Herr Gauck! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen – Pfarrer auf der Kanzel, sag NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wird das immerzu so weitergehen!

Im Schafspelz

A nation of sheep will have a government of wolves. – Edward R. Murrow

Wir leben in einer globalisierten Welt des Informationsüberflusses.
Die meisten Menschen haben irgendwie verstanden dass Medien, die diese Informationen selektiv aufbereiten und ein sorgfältig entworfenes Weltbild vermitteln, in einer solchen Welt besonders viel Macht ausüben.
Da uns die Macht der Medien bewusst geworden ist, denken wir oft, wir seien gegen deren Einfluss persönlich gewappnet.  Während wir Medien konsumieren um Informationen daraus zu beziehen, hoffen wir gleichzeitig, das so bewusst zu tun, dass wir dabei nicht manipuliert werden. Wir halten uns für intelligente Schafe. Doch was, wenn die Wölfe noch viel gerissener sind als wir uns vorstellen können?

Ich zweifle daran, dass man Medien frei von manipulativen Einflüssen finden kann. Die PR-Politik von Firmen ist vielschichtiger geworden. Firmen engagieren Berater die „global intelligence“ Firma Stratfor, um sich gegen ihre „Feinde“ wie zum Beispiel (natürlich ebenfalls ideologiegeprägte) NGOs zu wappnen. Beratungsdokumente dieser Firmen lesen sich wie Kriegsstrategien – von „guerillas“ und „battles waged against multinational companies“ ist dort die Rede.

Stratfor ist indirekt aus der PR Firma Pagan International hervorgegangen. Pagan International erregte internationale Aufmerksamkeit durch die Beratung von Nestlé, die zur Überwindung des Milchpulverboykotts in dritte Welt Ländern führte. In den 70er Jahren machten zahlreiche NGOs und kirchliche Organisationen auf gesundheitsschädliche Auswirkungen von Nestlé Milchpulver in afrikanischen Ländern aufmerksam. Babys, die anstelle von Muttermilch das intensiv beworbene Nestlé Milchpulver tranken, erkrankten oft aufgrund von Nährstoffunterversorgungen oder verseuchtem Trinkwasser.

Die Strategie die Pagan Nestlé gegen den Boykott empfahl, war bahnbrechend für das Gebiet der internationale Firmen-PR und wurde im Journal of Business Strategy publiziert. Kurz gefasst bestand die Lösung in der Gründung einer „unabhänigen“ Institution, dem Nestle Coordination Center for Nutrition, Inc. (NCCN). Diese Organisation engagierte Fachleute, die die gesundheitsschädliche Wirkung des Milchpulvers öffentlich bestritten und gleichzeitig als unabhängig vom Konzern wahrgenommen wurden. Gleichzeitig wurden die NGOs und kirchlichen Organisationen gegeneinander aufgebracht, indem einzelnen Parteien religiöser Fanatismus vorgeworfen wurde.

In der Publikation von Rafael D. Pagan findet man zudem bereits 1980 die Prophezeiung, dass solche komplexen PR-Strategien für multinationale Konzerne von immer größerer Bedeutung sein werden:

More companies in the future will be called upon to answer for their actions on an international scale. For instance, the International Organization of Consumers Unions (IOCU) is planning a long-term strategy of developing support for national and international regulation.

IOCU is placing special emphasis on those areas where what it calls „inappropriate technology“ is being marketed or applied in the Third World, and where hazardous substances are involved.
Among the industries singled out by IOCU are agricultural chemicals and other pesticides, pharmaceuticals, fast and processed foods, alcoholic beverages, tobacco, nuclear power, and the arms industry.

These „consumer“ activists are in earnest and must be listened to.

Pagan Internationals letzte größere Kampagne trug den Namen Neptune Strategy und betraf den Konzern Shell Oil.
Pagan riet Shell, zur Bekämpfung des Boykotts im Zuge der Anti-Apartheid-Bewegung eine weitere (von Pagan subventionierte) Organisation namens COSA zu gründen. COSA rückte Shell in ein besseres Licht, indem die Bemühungen der Firma für ein „post-Apartheid“ Südafrika gepriesen wurden. Als die Neptune Stratetgy 1987 bei Wikileaks veröffentlicht wurde, ging Pagan International bankrupt, die Firmengründer gründeten die neue Firma Mongoven, Biscoe & Duchin, die später in Stratfor übergehen sollte.

Stratfor ist so zwar den in Ungnade gefallenen Namen Pagan losgeworden. Sonst hat sich nicht viel geändert.
Ende 2011 wurden weitere interne Strategie-Dokumente von Stratfor publik (Zusammenfassung: Teil 1 und Teil 2).
Ein interessantes Detail ist die Unterteilung von NGO-Aktivisten in die Kategorien „Radikale“, „Realisten“,  „Idealisten“, und „Opportunisten“. Radikale streben nach Systemveränderung und sollten marginalisiert und einzeln bekämpft werden. Realisten kann man davon überzeugen, dass eine wirkliche Veränderung nicht erreichbar ist, sie geben sich möglicherweise mit Gesten zufrieden. Idealisten können den Eindruck erhalten, dass sie Fakten falsch verstanden haben, sie gehen eventuell zu den Realisten über. Opportunisten möchten eigene Interessen erfüllt sehen. Nach dem Motto teile und herrsche werden für diese Kategorien (z.B. in dieser Präsentation) maßgeschneiderte PR-Strategien im Kampf gegen die Guerilla-Aktivisten empfohlen.

Die PR-Strategien von multinationalen Firmen sind ausgeklügelter, als es erscheinen mag. Wie die oben genannten Beispiele zeigen, werden nicht selten dritte Organisationen zur Verschleierung der wahren Ursprünge von PR-Maßnahmen gegründet. Internationale Medienwirksamkeit ist so wichtig geworden, dass Firmen-PR an Experten ausgelagert wird. In den meisten Fällen (d.h., wird nicht gerade etwas geleakt) sind wir Konsumenten-Schafe hierüber völlig unwissend.
Der Fairness halber wünsche ich auch den gegnerischen Lagern – NGOs und politischen Organisationen – ähnlich gewiefte PR-Berater.

Allgemein bleibt jedoch die Frage, ob Endverbrauchern überhaupt noch eine Chance bleibt, sich in dem PR-Dschungel zurechtzufinden. Wir wissen nicht nur, was echt und was Werbung ist, sondern auch nicht, wer diese Werbung zu welchem Zweck bezahlt. Mediale Transparenz sieht anders aus.

Modern Times

…a practical device which automatically feeds your men while at work. Don’t stop for lunch. Be ahead of your competitor…the feeding machine will eliminate the lunch hour, increase your production, and decrease your overhead.

Mit diesen Worten wird in Charlie Chaplins Satirefilm Modern Times Werbung für eine Maschine gemacht, die die Produktivität der Arbeiter steigern soll. Ein Zeitgeist der Hektik und des Leistungsdrucks war Chaplin schon 1936 bewusst. Chaplin, und sicherlich auch einigen seiner Zeitgenossen war bewusst, dass der Traum der Automatisierung, die den Menschen Arbeit abnimmt und ihnen mehr Freizeit und einen komfortableren Lebensstandard beschafft, sich zu einem stressigen Albtraum stumpfsinniger Fließbandarbeit und harter Konkurrenz entwickelt hatte. Der Begriff Burnout ist seit den 1960ern in aller Munde; modernere Statistiken deuten auf immer mehr von dem Erschöpfungssyndrom betroffene Menschen hin.

Burnout statt Fortschritt?

In einer technischen Vorlesung, in der es um Automatisierung ging, erzählte der Dozent von einem südländischen Bauarbeiter, den er beobachtet hatte. Dieser stand neben einer Betonrührmaschine im Schatten und rauchte eine Zigarette- man merkte ihm an, dass er genoss, dass diese Maschine die Arbeit für ihn erledigte, und in der Zeit, als die Maschine lief, ruhte er.
Ein typischer Büroarbeitstag sieht nicht so aus. Ich selbst werde beispielweise ungeduldig, wenn mein Computer für mehr als 30 Sekunden einen Ladebalken anzeigt, versuche in der Zwischenzeit etwas anderes zu erledigen oder lese schnell auf meinem Smartphone die Mails, die ich in den letzten 10 Minuten bekommen habe. Im Zug und in der Straßenbahn sieht man immer weniger Menschen, die einfach nur aus dem Fenster schauen: die meisten surfen auf ihren mobilen Geräten oder hören Musik. Neulich wurde ich auf einen teuer gekleideten Mann mit Aktentasche aufmerksam, der gleichzeitig ein geschäftliches Telefonat führte und in einem Taschenbuch mit dem Titel „Stressfrei leben“ las.

Der Mythos von der Automatisierung, die uns Arbeit abnimmt, scheitert meist daran, dass wir diese Automatisierung sofort als selbstverständlich annehmen, und die gewonnene Zeit mit mehr Arbeit füllen. Das mag daran liegen, dass wir psychologisch Sklaven eines unglaublich schnellen Lebensrythmus geworden sind, oder auch daran, dass der Wettbewerb und unser soziales Umfeld uns dazu zwingen.
War das ursprüngliche Ziel des Fortschritts- weniger Arbeit- aufgrund der menschlichen Psyche schon immer utopisch? Wir scheinen Fortschritt zum Selbstzweck zu betreiben, und dessen Früchte nicht oder nur wenig zu genießen (geschweige denn, die Früchte gleichmäßig zu verteilen).

Aus der Sicht des Einzelnen ist es durchaus verständlich, eine gute Karriere erreichen zu wollen, finanziell abgesichert zu sein und sich von hart erarbeitetem Geld ein bisschen Luxus und vielleicht auch ein paar Statussymbole leisten zu können.
Gesellschaftlich betrachtet ist es nicht ganz so klar: Warum fallen in einer so automatisierten und fortschrittlichen Zeit in Deutschland noch immer Menschen durchs Raster, die als Arbeitslose an der Armutsgrenze leben oder gar obdachlos sind? Warum können wir uns scheinbar immer noch nicht leisten, jedem Einzelnen einen angenehmen, wenn auch nicht luxuriösen Lebensstandard zu garantieren?

Lösungsvorschlag: bedingungsloses Grundeinkommen

Der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens liegt seit einiger Zeit auf dem Tisch. Ich habe mir einige Argumentationen hierzu durchgelesen, die meist von der politisch linken Seite kamen, und bin zu dem Schluss gekommen, dass die größten Gegenargumente entkräftet sind:

  1. „Es gibt dann keinen Anreiz mehr zu arbeiten“… Das Grundeinkommen würde nicht luxuriös ausfallen und lediglich die Grundbedürfnisse abdecken (fairer und besser als Hartz IV). Hat man nur das Grundeinkommen zur Verfügung und viel freie Zeit, so möchte man sich in dieser Zeit auch etwas kaufen können. Es lohnt sich also, für ein besseres Gehalt arbeiten zu gehen, gleichzeitig wird die allgemeine Kaufkraft der Büger gesteigert.
  2. „Es ist nicht finanzierbar„… Dieses Argument wird oft und gerne gegen Vorschläge angewendet, die sich auf eine sozialere Politik beziehen. Ignoriert wird dabei, dass eine bessere Finanzlage der Allgemeinheit den Staat an vielen anderen Stellen entlasten würde: z.B. durch weniger Hartz-bezogene Bürokratie, durch Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten, und durch eine erhöhte Geburtenrate durch die Stärkung der Familien

Leseempfehlung: Götz Werner

Obwohl das bedingungslose Grundeinkommen sogar parteiübergreifend von vielen befürwortet wird, mache ich oft die Erfahrung, dass es als linkes idealistisches Geschwätz abgetan wird.
Ich war also erfreut, über einen sehr wirtschaftsaffinen Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens zu erfahren, von dem ich bislang nicht gehört hatte: Götz Werner. Als Gründer der dm-Drogeriemarktkette und Aufsichtsratsmitglied der GLS Gemeinschaftsbank kann man ihn sicherlich als kompetenten Ökonomen bezeichnen. Was der Mann auf seiner Homepage und in Interviews sagt, klingt keineswegs links, sondern ökonomisch pragmatisch.
Lest mal rein und bildet euch eine Meinung. Ich jedenfalls hoffe, dass die Debatte über das Grundeinkommen wieder belebt wird und möglichst ideologiefrei weitergeführt wird.

Frage: Als Außenminister Guido Westerwelle im Februar in einem viel zitierten Artikel davor warnte, „dem Volk anstrengungslosen Wohlstand zu versprechen“ – fühlten Sie sich da von ihm angesprochen?
Werner: Das sind Verallgemeinerungen, die der Realität nicht gerecht werden. Beim bedingungslosen Grundeinkommen geht es nicht um anstrengungslosen Wohlstand, sondern um die Sicherung einer bescheidenen, aber menschenwürdigen Existenz. Anstrengungslosen Wohlstand erlebt man im Jetset, das hat mit bedingungslosem Grundeinkommen gar nichts zu tun. Wer ein Grundeinkommen hat, der kann zeigen, was in ihm steckt, denn er muss sich nicht an einen unbefristeten Arbeitsvertrag festklammern, er kann Risiken eingehen.

(aus dem Interview)

„In dem Maße, wie die Arbeit als Produktionsfaktor ersetzt wird, muss sie auch als Einkommensfaktor ersetzt werden, wenn nicht die Verarmung der arbeitslosen Einkommenslosen die Folge sein soll. Durch ein Grundeinkommen können die Menschen nicht nur die verbleibende „alte Arbeit“ selbstbestimmt unter sich aufteilen. Auch und gerade die „Neue Arbeit“, die Kulturarbeit im weitesten Sinne (von der Familien- und Erziehungsarbeit, Bildung, Wissenschaft, Forschung, bis zur Medizin, der Pflege und den Künsten) können sie auf der Basis des Grundeinkommens ergreifen (auch trotz der heute noch chronischen Mittelknappheit in all diesen Bereichen).“

(von der Homepage)

Grüße aus dem Equilibrium

Eine Entschuldigung

Es ist still geworden auf diesem Blog, und da es (überraschenderweise) so einige gibt, die dennoch hier Artikel lesen, möchte ich mich entschuldigen.

Ich mag das Internet, das die Bühne für eine so bunte Mischung von Meinungen und Informationen bietet, wie man sie sonst leider kaum findet. In letzter Zeit beschränkt sich mein Internetkonsum jedoch auf ein das Lesen von Mails im Büro, ein bisschen Facebook unterwegs auf meinem Smartphone, und vielleicht noch mein BBC-Schlagzeilen des Tages. Kurzum: ich bin in jene berüchtigte Stressfalle geraten, die dazu führt, dass man theoretisch zwar die Zeit, aber nicht die Hirnkapazitäten hat, über die Poltik und die Welt nachzudenken.

Ich bin politisch träge geworden und der Nachrichten, die ich morgens in der S-Bahn lese auch irgendwie überdrüssig. Die Grenze zwischen (aktiver) Empörung und stumpfsinniger Resignation scheint bei mir schmal- sie ist überschritten, sobald ich von einem Tag lernen und arbeiten zu ermüdet bin, um noch über das Weltgeschehen nachzudenken. Es ändert sich ja doch nichts, nicht wahr?

Eine kleine Veranschaulichung

Freilich kann ich sagen, dass ich in letzter Zeit, wenn auch nicht auf diesem Blog, produktiv war. Ich habe zum Beispiel viel gelernt, darunter auch über Game Theory, jene wirtschaftlich-mathematische Disziplin, die sich mit dem Finden der gewinnbringendsten Strategie in halbwegs berechenbaren Szenarien befasst. Game Theory handelt ebenso von spaßigen Kinderspielen wie auch von Börsenspekulation und politischem Kalkül. Das Fach ist spannend und wer ein bisschen Geduld hat, kann sich auf dieser Seite einen Kurs dazu ansehen.
Wie dem auch sei: hier skizzenhaft ein Beispiel aus dem Kurs, das mein politisches Engagement begründen könnte:

Zwei Bürger (Spieler) haben die Wahl, an einer Revolte gegen ein fieses Regime teilzunehmen, oder auch nicht. Wir nehmen an, dass beide eine Strategie finden wollen, die für sie möglichst gut endet.

  • Szenario A: Nehmen sie beide teil, sind sie wahrscheinlich erfolgreich und freuen sich riesig (Gewinn für beide: 10 Gummipunkte).
  • Szenario B: Nimmt keiner teil, bleibt alles wie gewohnt (Gewinn für beide: 0 Gummipunkte).
  • Szenario C: Geht jedoch einer der beiden auf die Straße, während der andere wie gehabt zur Arbeit geht, so wird der Rebell von einem Polizisten ein blaues Auge verpasst bekommen (Gewinn: -3 Gummipunkte) wohingegen sich für den anderen nichts ändert (Gewinn: 0 Gummipunkte)

Es stellt sich heraus, dass Szenario C ein sogenanntes Equilibrium ist: beide Spieler können davon ausgehen, dass sie, ganz gleich wofür sich ihr Mitspieler entscheidet, keine Verluste machen werden.
Berechtigter Einwand: man könnte in Szenario A mehr erreichen. Wir gehen aber davon aus, dass die Situation im Moment noch friedlich ist- es wird nicht protestiert. Geht ein Bürger auf die Straße, so muss er damit rechnen, dass der andere seine bisherige Strategie (nicht protestieren) beibehält. Er muss also mit Verlusten rechnen. Da wir von wenigstens ein bisschen egoistischen Spielern ausgegangen sind, die keine verlustbehafteten Strategien möchten, bleibt es also für alle in dem suboptimalen, aber stabilen Equilibrium.

Es gibt eine weitere Auflösung des Dilemnas: wir verwerfen die Annahme, dass Bürger Einzelspieler sind und stellen anstelle dessen eine Kosten-Nutzenrechnung für das Team „Volk“ auf. Dann sieht die gewinnbringendste Strategie in jedem Fall so aus, dass gegen Missstände protestiert werden muss. Wie wahrscheinlich das ist, sei zur Diskussion dahingestellt…

Der Mythos vom Tauschhandel (Buchempfehlung)

Ich lese gerade das Buch Debt: the first 5000 years von David Graeber. (Ich hatte es mir auf diese Rezension hin zu Weihnachten gewünscht, und bereue schon, es erst jetzt zu lesen). Während es mir noch schwer fällt, Graeber politisch einzuordnen (der Anthropologe bezeichnet sich selbst als Anarchisten und ist in der Occupy-Bewegung aktiv), schafft es Debt auf den ersten Seiten, für mich völlig neue Aspekte zum Ursprung von Geld, Märkten und Schulden aufzudecken.

Es geht (im ersten Kapitel des Buches) um den Mythos vom Tauschhandel, eingeführt vom schottischen Ökonomen Adam Smith, der seither wegweisend für die Wirtschafts- und Finanztheorie ist. Die Idee, dass zunächst Geld, und später dann ein komplexeres Kreditsystem, aus dem Tauschhandel hervorgegangen seine, erscheint intuitiv logisch. Die traditionelle Tauschhandels-Argumentation liest sich (mit meinen Worten wiedergegeben) etwa so:

Man stelle sich ein Dorf vor, in dem es bereits eine Arbeitsteilung (also einen Metzger, einen Schreiner etc.) gibt, aber noch kein Geld. In diesem Dorf wird Tauschhandel betrieben: wenn Bäcker Fred neue Schuhe erwerben möchte, dann geht er mit drei Laib Brot zum Schuster Hans und bietet ihm einen Tausch an. Wenn Hans zufällig gerade Brot gebrauchen kann, sind beide Parteien zufrieden- doch was ist, wenn Hans genug Brot hat, aber Käse braucht?
Also haben sich schlaue Menschen irgendwann ein Geldsystem ausgedacht: Einheiten kostbarer Metalle (Geldmünzen) vereinfachen den Tauschhandel und stellen sicher, dass es einen Gegenstand gibt, an dem jeder interessiert ist: Geld.
Geld und Währungen sind somit eine logische Schlussfolgerung aus effizienterer Arbeitsteilung. Irgendwann war es praktisch, Geld auch verleihen zu können- und damit der Gläubiger einen Anreiz dazu hat, entwickelten sich so Kredite, Zinsen und Schulden.

Insgesamt ist der freie Markt und das Geldsystem, wie wir es heute kennen, also eine Ausprägung der menschlichen Natur, Dinge zu tauschen und zu handeln. Der Staat hat hiermit direkt nichts zu tun und sollte die freien Märkte (als eine natürliche Handelsform, die zum größtmöglichen Fortschritt führt) nicht einschränken, sondern fördern.

Graeber widerspricht dieser Argumentation entschlossen und weist darauf hin, dass diese Annahme, unser heutiges Finanzsystem sei nur aus dem Tauschhandel erwachsen, historisch nicht belegbar ist. Eine Gesellschaft, die ähnlich zu unserer aufgebaut ist (in dem Sinne, dass es eine Arbeitsteilung und  europäisch-mittelalterlich strukturierte Dorfgemeinschaften gibt), der das Prinzip von Geld noch völlig fremd ist, und die es neu entwickelt, habe es nie gegeben.
Graeber beleuchtet in seinem Buch vielmehr, dass Geld aus einem bereits existierenden System von Schulden erwachsen sei: Geld sei kein Mittel zur Vereinfachung von Tauschhandel, sondern eine abstrakte Maßeinheit für Schulden. Und die Vorstellung, dass ein Mensch einem anderen etwas Schulden kann, und dass Schulden sogar übertragbar sind, ist so alt wie menschliche Zivilisation selbst. Es werden Beispiele aus dem indischen Brahmanentum genannt, in denen bereits ein ausgeprägtes Kreditsystem existierte- gestützt durch das religiöse Dogma, der Mensch werde mit einer Schuld gegenüber dem Göttlichen geboren, die er erst mit seinem Tod abbezahlen kann.

Wo aber kommen dann Währungen her? Graeber argumentiert, dass Währungen und Marktwirtschaften historisch immer von oben herab eingeführt wurden: durch den Staat.

Staaten haben angefangen, Steuern einzutreiben, um davon beispielsweise Armeen zu finanzieren. Zunächst wurde hierzu einfach Zahlung in Form von landwirtschaftlichen Produkten o.Ä. eingefordert. Da sich hiermit jedoch schlecht kalkulieren lässt, und sich die Bürger nicht sicher sein konnten, welche Form von Steuern akzeptiert werden würde, musste eine messbare Einheit her. Man hat Geld gedruckt (oder geprägt). Der Wert des Geldes wurde also nicht durch einen hohen Goldwert garantiert (wie heute oft argumentiert wird), sondern druch das Versprechen, dass man mittels Geld Steuern zahlen, also Schulden gegenüber dem Staat abgleichen kann.
Der freie Markt, der entstand, sobald mit einer verlässlichen abstrakten Währung gehandelt werden konnte, ist eine absichtliche Erfindung des Staates.

Tauschhandelsgesellschaften gab es historisch- jedoch nur in Zeiten, zu denen Geld bereits „erfunden“ und in dem Denken der Menschen integriert war: in Gefängislagern, Nachkriegszeiten, und in einem eingeschränkten Maße informal noch in der heutigen modernen Gesellschaft. Der Tauschhandel funktioniert anders als ein festes Währungssystem so, dass es Sphären von Gütern gibt, innerhalb deren getauscht werden kann: man kann eine Kuh gegen zwei Schweine tauschen, nicht jedoch einen Laib Brot gegen eine Goldkette, da die Goldkette sich in einer ganz anderen „Wertesphäre“ befinden würde. Tauschhandel ist nicht logische Grundlage für den freien Markt gewesen, er kann unabhängig von ihm oder gar parallel zu ihm existieren.

Gegenübergestellt werden kurzum diese „Entwicklungsreihenfolgen“ unseres Finanzsystems: Nach Adam Smith und Co:

  1. Primitive Bauerngesellschaft
  2. Primitive Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Tauschhandel (freier Markt)
  3. Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Geld als Tauschmittel (freier Markt)
  4. Moderne kapitalistische Gesellschaft mit Börsen, Krediten und freiem Markt

Nach Graeber und seinen zitierten Anthropologen:

  1. Primitive Gesellschaft, die aber nichtsdestotrotz ein System von „A schuldet B etwas“ hat. Die Sicherheit, dass Schulden abbezahlt werden, wird meist durch Religiosität gewährleistet.
  2. Herausbildung von Staaten
  3. Staaten führen von oben herab Währungen und Märkte ein, um ihre Authorität sicherzustellen und Steuern einzutreiben.

Wir wissen heute nicht mehr genau, wie sich unser Finanzsystem entwickelt hat. Mir erscheint Graebers Erklärungsansatz ebenso gut wie der traditionelle. Doch wozu die Gedankenexperimente? Der Punkt ist, dass man aus den beiden Erklärungen ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen muss, was das Zusammenspiel von Staat und Markt angeht.
Mit Smith mag man argumentieren, dass freie Märkte eine stärkere treibende Kraft für den Fortschritt sind, als es Staaten jemals sein können, und dass sie sich ferner natürlich entwickelt haben und damit inhärent „gut“ sind. Glaubt man hingegen Graeber, so gibt es historische Indizien, dass eine Trennung von staatlicher Gewalt und dem Markt nicht gewollt oder jedenfalls noch nie üblich war. Man zweifelt viel eher an, dass wirtschaftliche Freiheit ein natürlicherweise erstrebenswertes Ziel sei.
Ich finde, dass diese Debatte gerade jetzt geführt werden müsste. Weshalb ist Graebers Buch der einzige Vorstoß in diese Richtung, von dem ich gehört habe? Selbst wenn Graeber Humbug schreibt, zeigt das Buch für mich, dass man durchaus sinnvolle Standpunkte vertreten kann, die der vorherrschenden Meinung über den natürlich entstandenen Markt widersprechen.

Abschließend ein Ausflug in die Geschichte Madagaskars (ich verlasse mich auf die Informationen des Autors): Während der französischen Kolonialzeit wurde die Währung Franc auf der Insel eingeführt, um die Einwohner kulturell zu assimilieren. Steuern („impôts moralisateur“- erzieherische Steuern) mussten in dieser Währung an die Franzosen gezahlt werden, Gehälter wurden in der neuen Währung gezahlt. Die Kolonialherren bauten auch Geschäfte, in denen neuartige Konsumgüter wie Kosmetika und Mode angeboten wurden. Dennoch beschreibt Graeber, wie sich die Einwohner Madagaskars anfangs gegen diese Währung wehrten: sie gaben ihr Geld nicht in den verlockenden neuen Geschäften aus, sondern kauften davon Vieh, das sie ihren alten Göttern opferten. Könnte es sein, dass dieser Gesellschaft von oben herab ein freier Markt aufgezwungen wurde, obgleich die Bürger es aktiv nicht wollten?
Madagaskar zahlt wegen der für beide Seiten sehr blutigen Aufstände in den 50ern bis heute Reparationskosten an Frankreich. Der Staatshaushalt leidet darunter so sehr, dass bei der letzten Malariawelle nicht genügend Impfstoff bezahlt werden konnte…

Die Piraten und Demokratie: empfehlenswerte Rede von Christpher Lauer

Ich habe die Erfolge der Piratenpartei stets mit gemischten Gefühlen betrachtet: Sie vertreten hinsichtlich Technologie und Internet Standpunkte, die ich voll und ganz teil- auf der anderen Seite werfe ich ihnen (unter anderem, weil sie ausschließlich aus einer Internetbewegung hervorgegangen sind) vor, andere wichtige Themen wie Umweltschutz, Bildungs- und Sozialpolitik u.s.w. zu vernachlässigen.

Eine Rede von Christopher Lauer (eine Mitschrift findet ihr hier) im Berliner Abgeordnetenhaus zeigt jedoch, dass die Piraten für mehr stehen als Informationsfreiheit. Lauer kritisiert in der Rede Wowereits neueste Regierungserklärung in einer Form, die ganz grundsätzliche Fragen zu dem demokratischen Prozess aufwirft und sehr interessante Aspekte beleuchtet. Beispielsweise wird darauf hingewiesen, wie Demokratie, Transparenz, und auch das Vertrauen der Wählerschaft geschädigt werden, wenn Politiker ausschließlich im Interesse ihrer Partei handeln und die Gesetzesentwürfe nicht mehr selbst schreiben, sondern von Referenten erstellen lassen.

Im Wahlkampf hatten wir ein Plakat „Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht doch eh nicht wählen?“ Analog dazu könnte man über dieses Rednerpult eins mit der Inschrift „Warum rede ich hier eigentlich, ich weiß doch eh, wie ihr abstimmt“ hängen. Der Erfolg der Piratenpartei ist auch das Ergebnis einer Vertrauenskrise in unser repräsentatives, parlamentarisches System. Die Bürgerinnen und Bürger Berlins kämen doch nicht auf die Idee nach mehr Beteiligung zu verlangen, wenn sie das Gefühl hätten, dass sie hier im Sinne einer Volksvertretung vertreten werden. Hat sich hier noch nie jemand die Frage gestellt, warum sich Menschen, für die Strom aus der Steckdose und Geld aus dem Automaten kommt auf einmal Interesse daran haben, sich politisch zu beteiligen?

Mindestens in dem gleichen Maß, wie mich Lauers Argumentation beeindruckt hat, schockte mich das Desinteresse und Unverständnis des Publikums. Nicht nur wurde während den 10 Minuten Redezeit laut geredet und unhöflich durch (viele!) Zwischenrufe gestört- Christopher Lauer wurde gar ausgelacht, als er sagte (dieser Satz ist klischeebehaftet, aber nicht unwahr):

Mit den Piraten haben doch nicht die Klassenlieblinge die politische Bühne betreten, sondern die Nerds, die Außenseiter, diejenigen, die in der Schule nicht zu den Parties eingeladen worden sind, diejenigen, die nicht in der Mitte der Gesellschaft standen. Wir mussten uns unsere eigene Gesellschaft suchen und haben sie im Internet gefunden.

Das Video zeichnet ein Bild des Abgeordnetenhaus, dass mich wieder einmal das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand unserer Politiker verlieren lässt. Beinahe zähle ich mich selbst zu den von Lauer genannten Nerds, die mehr aus Verzweiflung denn aus Spaß politisch interessiert geworden sind.

Die Erfolge der Piratenpartei sind, wie ihre Vertreter sogar selbst betonen, ein Indiz für tiefliegende Probleme in unserer Demokratie. Wäre die Politik so transparent, solidarisch und offen, wie sie sein sollte (und behauptet zu sein), dann kämen Computernerds nicht auf die Idee, in ihrer Freizeit Konzepte wie Liquid Feedback (lesenswert!) zu entwerfen, sondern würden lieber programmieren.

Für mich war dies lange ein Grund, besagte „Nerds“ auch nicht zu wählen… so wie ich mir selbst nicht zutrauen würde, politisch große Verantwortung zu übernehmen. Nun aber habe ich den Eindruck, dass eben jene Außenseiter aus der Piratenpartei die einzigen sind, die noch provozieren und hinterfragen. Immer wieder grunddemokratische Fragen zu stellen, und den Entscheidungsprozess zu überdenken, ist in meinen Augen zentral für eine gesunde Demokratie.
Ja, ich habe fast den Eindruck, dass die Piratenpartei angesichts der mangelhaften Alternativen (festgefahrener, lobbygetriebener politischer Einheitsbrei) wählbar geworden ist…