Im Schafspelz

A nation of sheep will have a government of wolves. – Edward R. Murrow

Wir leben in einer globalisierten Welt des Informationsüberflusses.
Die meisten Menschen haben irgendwie verstanden dass Medien, die diese Informationen selektiv aufbereiten und ein sorgfältig entworfenes Weltbild vermitteln, in einer solchen Welt besonders viel Macht ausüben.
Da uns die Macht der Medien bewusst geworden ist, denken wir oft, wir seien gegen deren Einfluss persönlich gewappnet.  Während wir Medien konsumieren um Informationen daraus zu beziehen, hoffen wir gleichzeitig, das so bewusst zu tun, dass wir dabei nicht manipuliert werden. Wir halten uns für intelligente Schafe. Doch was, wenn die Wölfe noch viel gerissener sind als wir uns vorstellen können?

Ich zweifle daran, dass man Medien frei von manipulativen Einflüssen finden kann. Die PR-Politik von Firmen ist vielschichtiger geworden. Firmen engagieren Berater die „global intelligence“ Firma Stratfor, um sich gegen ihre „Feinde“ wie zum Beispiel (natürlich ebenfalls ideologiegeprägte) NGOs zu wappnen. Beratungsdokumente dieser Firmen lesen sich wie Kriegsstrategien – von „guerillas“ und „battles waged against multinational companies“ ist dort die Rede.

Stratfor ist indirekt aus der PR Firma Pagan International hervorgegangen. Pagan International erregte internationale Aufmerksamkeit durch die Beratung von Nestlé, die zur Überwindung des Milchpulverboykotts in dritte Welt Ländern führte. In den 70er Jahren machten zahlreiche NGOs und kirchliche Organisationen auf gesundheitsschädliche Auswirkungen von Nestlé Milchpulver in afrikanischen Ländern aufmerksam. Babys, die anstelle von Muttermilch das intensiv beworbene Nestlé Milchpulver tranken, erkrankten oft aufgrund von Nährstoffunterversorgungen oder verseuchtem Trinkwasser.

Die Strategie die Pagan Nestlé gegen den Boykott empfahl, war bahnbrechend für das Gebiet der internationale Firmen-PR und wurde im Journal of Business Strategy publiziert. Kurz gefasst bestand die Lösung in der Gründung einer „unabhänigen“ Institution, dem Nestle Coordination Center for Nutrition, Inc. (NCCN). Diese Organisation engagierte Fachleute, die die gesundheitsschädliche Wirkung des Milchpulvers öffentlich bestritten und gleichzeitig als unabhängig vom Konzern wahrgenommen wurden. Gleichzeitig wurden die NGOs und kirchlichen Organisationen gegeneinander aufgebracht, indem einzelnen Parteien religiöser Fanatismus vorgeworfen wurde.

In der Publikation von Rafael D. Pagan findet man zudem bereits 1980 die Prophezeiung, dass solche komplexen PR-Strategien für multinationale Konzerne von immer größerer Bedeutung sein werden:

More companies in the future will be called upon to answer for their actions on an international scale. For instance, the International Organization of Consumers Unions (IOCU) is planning a long-term strategy of developing support for national and international regulation.

IOCU is placing special emphasis on those areas where what it calls „inappropriate technology“ is being marketed or applied in the Third World, and where hazardous substances are involved.
Among the industries singled out by IOCU are agricultural chemicals and other pesticides, pharmaceuticals, fast and processed foods, alcoholic beverages, tobacco, nuclear power, and the arms industry.

These „consumer“ activists are in earnest and must be listened to.

Pagan Internationals letzte größere Kampagne trug den Namen Neptune Strategy und betraf den Konzern Shell Oil.
Pagan riet Shell, zur Bekämpfung des Boykotts im Zuge der Anti-Apartheid-Bewegung eine weitere (von Pagan subventionierte) Organisation namens COSA zu gründen. COSA rückte Shell in ein besseres Licht, indem die Bemühungen der Firma für ein „post-Apartheid“ Südafrika gepriesen wurden. Als die Neptune Stratetgy 1987 bei Wikileaks veröffentlicht wurde, ging Pagan International bankrupt, die Firmengründer gründeten die neue Firma Mongoven, Biscoe & Duchin, die später in Stratfor übergehen sollte.

Stratfor ist so zwar den in Ungnade gefallenen Namen Pagan losgeworden. Sonst hat sich nicht viel geändert.
Ende 2011 wurden weitere interne Strategie-Dokumente von Stratfor publik (Zusammenfassung: Teil 1 und Teil 2).
Ein interessantes Detail ist die Unterteilung von NGO-Aktivisten in die Kategorien „Radikale“, „Realisten“,  „Idealisten“, und „Opportunisten“. Radikale streben nach Systemveränderung und sollten marginalisiert und einzeln bekämpft werden. Realisten kann man davon überzeugen, dass eine wirkliche Veränderung nicht erreichbar ist, sie geben sich möglicherweise mit Gesten zufrieden. Idealisten können den Eindruck erhalten, dass sie Fakten falsch verstanden haben, sie gehen eventuell zu den Realisten über. Opportunisten möchten eigene Interessen erfüllt sehen. Nach dem Motto teile und herrsche werden für diese Kategorien (z.B. in dieser Präsentation) maßgeschneiderte PR-Strategien im Kampf gegen die Guerilla-Aktivisten empfohlen.

Die PR-Strategien von multinationalen Firmen sind ausgeklügelter, als es erscheinen mag. Wie die oben genannten Beispiele zeigen, werden nicht selten dritte Organisationen zur Verschleierung der wahren Ursprünge von PR-Maßnahmen gegründet. Internationale Medienwirksamkeit ist so wichtig geworden, dass Firmen-PR an Experten ausgelagert wird. In den meisten Fällen (d.h., wird nicht gerade etwas geleakt) sind wir Konsumenten-Schafe hierüber völlig unwissend.
Der Fairness halber wünsche ich auch den gegnerischen Lagern – NGOs und politischen Organisationen – ähnlich gewiefte PR-Berater.

Allgemein bleibt jedoch die Frage, ob Endverbrauchern überhaupt noch eine Chance bleibt, sich in dem PR-Dschungel zurechtzufinden. Wir wissen nicht nur, was echt und was Werbung ist, sondern auch nicht, wer diese Werbung zu welchem Zweck bezahlt. Mediale Transparenz sieht anders aus.

Modern Times

…a practical device which automatically feeds your men while at work. Don’t stop for lunch. Be ahead of your competitor…the feeding machine will eliminate the lunch hour, increase your production, and decrease your overhead.

Mit diesen Worten wird in Charlie Chaplins Satirefilm Modern Times Werbung für eine Maschine gemacht, die die Produktivität der Arbeiter steigern soll. Ein Zeitgeist der Hektik und des Leistungsdrucks war Chaplin schon 1936 bewusst. Chaplin, und sicherlich auch einigen seiner Zeitgenossen war bewusst, dass der Traum der Automatisierung, die den Menschen Arbeit abnimmt und ihnen mehr Freizeit und einen komfortableren Lebensstandard beschafft, sich zu einem stressigen Albtraum stumpfsinniger Fließbandarbeit und harter Konkurrenz entwickelt hatte. Der Begriff Burnout ist seit den 1960ern in aller Munde; modernere Statistiken deuten auf immer mehr von dem Erschöpfungssyndrom betroffene Menschen hin.

Burnout statt Fortschritt?

In einer technischen Vorlesung, in der es um Automatisierung ging, erzählte der Dozent von einem südländischen Bauarbeiter, den er beobachtet hatte. Dieser stand neben einer Betonrührmaschine im Schatten und rauchte eine Zigarette- man merkte ihm an, dass er genoss, dass diese Maschine die Arbeit für ihn erledigte, und in der Zeit, als die Maschine lief, ruhte er.
Ein typischer Büroarbeitstag sieht nicht so aus. Ich selbst werde beispielweise ungeduldig, wenn mein Computer für mehr als 30 Sekunden einen Ladebalken anzeigt, versuche in der Zwischenzeit etwas anderes zu erledigen oder lese schnell auf meinem Smartphone die Mails, die ich in den letzten 10 Minuten bekommen habe. Im Zug und in der Straßenbahn sieht man immer weniger Menschen, die einfach nur aus dem Fenster schauen: die meisten surfen auf ihren mobilen Geräten oder hören Musik. Neulich wurde ich auf einen teuer gekleideten Mann mit Aktentasche aufmerksam, der gleichzeitig ein geschäftliches Telefonat führte und in einem Taschenbuch mit dem Titel „Stressfrei leben“ las.

Der Mythos von der Automatisierung, die uns Arbeit abnimmt, scheitert meist daran, dass wir diese Automatisierung sofort als selbstverständlich annehmen, und die gewonnene Zeit mit mehr Arbeit füllen. Das mag daran liegen, dass wir psychologisch Sklaven eines unglaublich schnellen Lebensrythmus geworden sind, oder auch daran, dass der Wettbewerb und unser soziales Umfeld uns dazu zwingen.
War das ursprüngliche Ziel des Fortschritts- weniger Arbeit- aufgrund der menschlichen Psyche schon immer utopisch? Wir scheinen Fortschritt zum Selbstzweck zu betreiben, und dessen Früchte nicht oder nur wenig zu genießen (geschweige denn, die Früchte gleichmäßig zu verteilen).

Aus der Sicht des Einzelnen ist es durchaus verständlich, eine gute Karriere erreichen zu wollen, finanziell abgesichert zu sein und sich von hart erarbeitetem Geld ein bisschen Luxus und vielleicht auch ein paar Statussymbole leisten zu können.
Gesellschaftlich betrachtet ist es nicht ganz so klar: Warum fallen in einer so automatisierten und fortschrittlichen Zeit in Deutschland noch immer Menschen durchs Raster, die als Arbeitslose an der Armutsgrenze leben oder gar obdachlos sind? Warum können wir uns scheinbar immer noch nicht leisten, jedem Einzelnen einen angenehmen, wenn auch nicht luxuriösen Lebensstandard zu garantieren?

Lösungsvorschlag: bedingungsloses Grundeinkommen

Der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens liegt seit einiger Zeit auf dem Tisch. Ich habe mir einige Argumentationen hierzu durchgelesen, die meist von der politisch linken Seite kamen, und bin zu dem Schluss gekommen, dass die größten Gegenargumente entkräftet sind:

  1. „Es gibt dann keinen Anreiz mehr zu arbeiten“… Das Grundeinkommen würde nicht luxuriös ausfallen und lediglich die Grundbedürfnisse abdecken (fairer und besser als Hartz IV). Hat man nur das Grundeinkommen zur Verfügung und viel freie Zeit, so möchte man sich in dieser Zeit auch etwas kaufen können. Es lohnt sich also, für ein besseres Gehalt arbeiten zu gehen, gleichzeitig wird die allgemeine Kaufkraft der Büger gesteigert.
  2. „Es ist nicht finanzierbar„… Dieses Argument wird oft und gerne gegen Vorschläge angewendet, die sich auf eine sozialere Politik beziehen. Ignoriert wird dabei, dass eine bessere Finanzlage der Allgemeinheit den Staat an vielen anderen Stellen entlasten würde: z.B. durch weniger Hartz-bezogene Bürokratie, durch Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten, und durch eine erhöhte Geburtenrate durch die Stärkung der Familien

Leseempfehlung: Götz Werner

Obwohl das bedingungslose Grundeinkommen sogar parteiübergreifend von vielen befürwortet wird, mache ich oft die Erfahrung, dass es als linkes idealistisches Geschwätz abgetan wird.
Ich war also erfreut, über einen sehr wirtschaftsaffinen Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens zu erfahren, von dem ich bislang nicht gehört hatte: Götz Werner. Als Gründer der dm-Drogeriemarktkette und Aufsichtsratsmitglied der GLS Gemeinschaftsbank kann man ihn sicherlich als kompetenten Ökonomen bezeichnen. Was der Mann auf seiner Homepage und in Interviews sagt, klingt keineswegs links, sondern ökonomisch pragmatisch.
Lest mal rein und bildet euch eine Meinung. Ich jedenfalls hoffe, dass die Debatte über das Grundeinkommen wieder belebt wird und möglichst ideologiefrei weitergeführt wird.

Frage: Als Außenminister Guido Westerwelle im Februar in einem viel zitierten Artikel davor warnte, „dem Volk anstrengungslosen Wohlstand zu versprechen“ – fühlten Sie sich da von ihm angesprochen?
Werner: Das sind Verallgemeinerungen, die der Realität nicht gerecht werden. Beim bedingungslosen Grundeinkommen geht es nicht um anstrengungslosen Wohlstand, sondern um die Sicherung einer bescheidenen, aber menschenwürdigen Existenz. Anstrengungslosen Wohlstand erlebt man im Jetset, das hat mit bedingungslosem Grundeinkommen gar nichts zu tun. Wer ein Grundeinkommen hat, der kann zeigen, was in ihm steckt, denn er muss sich nicht an einen unbefristeten Arbeitsvertrag festklammern, er kann Risiken eingehen.

(aus dem Interview)

„In dem Maße, wie die Arbeit als Produktionsfaktor ersetzt wird, muss sie auch als Einkommensfaktor ersetzt werden, wenn nicht die Verarmung der arbeitslosen Einkommenslosen die Folge sein soll. Durch ein Grundeinkommen können die Menschen nicht nur die verbleibende „alte Arbeit“ selbstbestimmt unter sich aufteilen. Auch und gerade die „Neue Arbeit“, die Kulturarbeit im weitesten Sinne (von der Familien- und Erziehungsarbeit, Bildung, Wissenschaft, Forschung, bis zur Medizin, der Pflege und den Künsten) können sie auf der Basis des Grundeinkommens ergreifen (auch trotz der heute noch chronischen Mittelknappheit in all diesen Bereichen).“

(von der Homepage)

Der Mythos vom Tauschhandel (Buchempfehlung)

Ich lese gerade das Buch Debt: the first 5000 years von David Graeber. (Ich hatte es mir auf diese Rezension hin zu Weihnachten gewünscht, und bereue schon, es erst jetzt zu lesen). Während es mir noch schwer fällt, Graeber politisch einzuordnen (der Anthropologe bezeichnet sich selbst als Anarchisten und ist in der Occupy-Bewegung aktiv), schafft es Debt auf den ersten Seiten, für mich völlig neue Aspekte zum Ursprung von Geld, Märkten und Schulden aufzudecken.

Es geht (im ersten Kapitel des Buches) um den Mythos vom Tauschhandel, eingeführt vom schottischen Ökonomen Adam Smith, der seither wegweisend für die Wirtschafts- und Finanztheorie ist. Die Idee, dass zunächst Geld, und später dann ein komplexeres Kreditsystem, aus dem Tauschhandel hervorgegangen seine, erscheint intuitiv logisch. Die traditionelle Tauschhandels-Argumentation liest sich (mit meinen Worten wiedergegeben) etwa so:

Man stelle sich ein Dorf vor, in dem es bereits eine Arbeitsteilung (also einen Metzger, einen Schreiner etc.) gibt, aber noch kein Geld. In diesem Dorf wird Tauschhandel betrieben: wenn Bäcker Fred neue Schuhe erwerben möchte, dann geht er mit drei Laib Brot zum Schuster Hans und bietet ihm einen Tausch an. Wenn Hans zufällig gerade Brot gebrauchen kann, sind beide Parteien zufrieden- doch was ist, wenn Hans genug Brot hat, aber Käse braucht?
Also haben sich schlaue Menschen irgendwann ein Geldsystem ausgedacht: Einheiten kostbarer Metalle (Geldmünzen) vereinfachen den Tauschhandel und stellen sicher, dass es einen Gegenstand gibt, an dem jeder interessiert ist: Geld.
Geld und Währungen sind somit eine logische Schlussfolgerung aus effizienterer Arbeitsteilung. Irgendwann war es praktisch, Geld auch verleihen zu können- und damit der Gläubiger einen Anreiz dazu hat, entwickelten sich so Kredite, Zinsen und Schulden.

Insgesamt ist der freie Markt und das Geldsystem, wie wir es heute kennen, also eine Ausprägung der menschlichen Natur, Dinge zu tauschen und zu handeln. Der Staat hat hiermit direkt nichts zu tun und sollte die freien Märkte (als eine natürliche Handelsform, die zum größtmöglichen Fortschritt führt) nicht einschränken, sondern fördern.

Graeber widerspricht dieser Argumentation entschlossen und weist darauf hin, dass diese Annahme, unser heutiges Finanzsystem sei nur aus dem Tauschhandel erwachsen, historisch nicht belegbar ist. Eine Gesellschaft, die ähnlich zu unserer aufgebaut ist (in dem Sinne, dass es eine Arbeitsteilung und  europäisch-mittelalterlich strukturierte Dorfgemeinschaften gibt), der das Prinzip von Geld noch völlig fremd ist, und die es neu entwickelt, habe es nie gegeben.
Graeber beleuchtet in seinem Buch vielmehr, dass Geld aus einem bereits existierenden System von Schulden erwachsen sei: Geld sei kein Mittel zur Vereinfachung von Tauschhandel, sondern eine abstrakte Maßeinheit für Schulden. Und die Vorstellung, dass ein Mensch einem anderen etwas Schulden kann, und dass Schulden sogar übertragbar sind, ist so alt wie menschliche Zivilisation selbst. Es werden Beispiele aus dem indischen Brahmanentum genannt, in denen bereits ein ausgeprägtes Kreditsystem existierte- gestützt durch das religiöse Dogma, der Mensch werde mit einer Schuld gegenüber dem Göttlichen geboren, die er erst mit seinem Tod abbezahlen kann.

Wo aber kommen dann Währungen her? Graeber argumentiert, dass Währungen und Marktwirtschaften historisch immer von oben herab eingeführt wurden: durch den Staat.

Staaten haben angefangen, Steuern einzutreiben, um davon beispielsweise Armeen zu finanzieren. Zunächst wurde hierzu einfach Zahlung in Form von landwirtschaftlichen Produkten o.Ä. eingefordert. Da sich hiermit jedoch schlecht kalkulieren lässt, und sich die Bürger nicht sicher sein konnten, welche Form von Steuern akzeptiert werden würde, musste eine messbare Einheit her. Man hat Geld gedruckt (oder geprägt). Der Wert des Geldes wurde also nicht durch einen hohen Goldwert garantiert (wie heute oft argumentiert wird), sondern druch das Versprechen, dass man mittels Geld Steuern zahlen, also Schulden gegenüber dem Staat abgleichen kann.
Der freie Markt, der entstand, sobald mit einer verlässlichen abstrakten Währung gehandelt werden konnte, ist eine absichtliche Erfindung des Staates.

Tauschhandelsgesellschaften gab es historisch- jedoch nur in Zeiten, zu denen Geld bereits „erfunden“ und in dem Denken der Menschen integriert war: in Gefängislagern, Nachkriegszeiten, und in einem eingeschränkten Maße informal noch in der heutigen modernen Gesellschaft. Der Tauschhandel funktioniert anders als ein festes Währungssystem so, dass es Sphären von Gütern gibt, innerhalb deren getauscht werden kann: man kann eine Kuh gegen zwei Schweine tauschen, nicht jedoch einen Laib Brot gegen eine Goldkette, da die Goldkette sich in einer ganz anderen „Wertesphäre“ befinden würde. Tauschhandel ist nicht logische Grundlage für den freien Markt gewesen, er kann unabhängig von ihm oder gar parallel zu ihm existieren.

Gegenübergestellt werden kurzum diese „Entwicklungsreihenfolgen“ unseres Finanzsystems: Nach Adam Smith und Co:

  1. Primitive Bauerngesellschaft
  2. Primitive Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Tauschhandel (freier Markt)
  3. Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Geld als Tauschmittel (freier Markt)
  4. Moderne kapitalistische Gesellschaft mit Börsen, Krediten und freiem Markt

Nach Graeber und seinen zitierten Anthropologen:

  1. Primitive Gesellschaft, die aber nichtsdestotrotz ein System von „A schuldet B etwas“ hat. Die Sicherheit, dass Schulden abbezahlt werden, wird meist durch Religiosität gewährleistet.
  2. Herausbildung von Staaten
  3. Staaten führen von oben herab Währungen und Märkte ein, um ihre Authorität sicherzustellen und Steuern einzutreiben.

Wir wissen heute nicht mehr genau, wie sich unser Finanzsystem entwickelt hat. Mir erscheint Graebers Erklärungsansatz ebenso gut wie der traditionelle. Doch wozu die Gedankenexperimente? Der Punkt ist, dass man aus den beiden Erklärungen ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen muss, was das Zusammenspiel von Staat und Markt angeht.
Mit Smith mag man argumentieren, dass freie Märkte eine stärkere treibende Kraft für den Fortschritt sind, als es Staaten jemals sein können, und dass sie sich ferner natürlich entwickelt haben und damit inhärent „gut“ sind. Glaubt man hingegen Graeber, so gibt es historische Indizien, dass eine Trennung von staatlicher Gewalt und dem Markt nicht gewollt oder jedenfalls noch nie üblich war. Man zweifelt viel eher an, dass wirtschaftliche Freiheit ein natürlicherweise erstrebenswertes Ziel sei.
Ich finde, dass diese Debatte gerade jetzt geführt werden müsste. Weshalb ist Graebers Buch der einzige Vorstoß in diese Richtung, von dem ich gehört habe? Selbst wenn Graeber Humbug schreibt, zeigt das Buch für mich, dass man durchaus sinnvolle Standpunkte vertreten kann, die der vorherrschenden Meinung über den natürlich entstandenen Markt widersprechen.

Abschließend ein Ausflug in die Geschichte Madagaskars (ich verlasse mich auf die Informationen des Autors): Während der französischen Kolonialzeit wurde die Währung Franc auf der Insel eingeführt, um die Einwohner kulturell zu assimilieren. Steuern („impôts moralisateur“- erzieherische Steuern) mussten in dieser Währung an die Franzosen gezahlt werden, Gehälter wurden in der neuen Währung gezahlt. Die Kolonialherren bauten auch Geschäfte, in denen neuartige Konsumgüter wie Kosmetika und Mode angeboten wurden. Dennoch beschreibt Graeber, wie sich die Einwohner Madagaskars anfangs gegen diese Währung wehrten: sie gaben ihr Geld nicht in den verlockenden neuen Geschäften aus, sondern kauften davon Vieh, das sie ihren alten Göttern opferten. Könnte es sein, dass dieser Gesellschaft von oben herab ein freier Markt aufgezwungen wurde, obgleich die Bürger es aktiv nicht wollten?
Madagaskar zahlt wegen der für beide Seiten sehr blutigen Aufstände in den 50ern bis heute Reparationskosten an Frankreich. Der Staatshaushalt leidet darunter so sehr, dass bei der letzten Malariawelle nicht genügend Impfstoff bezahlt werden konnte…

Wir haben es satt

An alle Berliner:

Nächste Woche findet in Berlin wieder die Wir haben es satt-Demo statt. Dabei geht es diesmal nicht nur um allgemeine Kritik an der rein gewinnorientierten, rücksichtlosen Nahrungsmittelindustrie: es werden demnächst ganz konkret EU-Beschlüsse für die Agrarpolitik bis 2020 gefällt. Es gilt also, vorher ein Zeichen für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit zu setzen. Geht hin, wenn ihr das gutheißt!

An alle anderen:

Viel effektiver als eine jährliche Demonstration ist meiner Ansicht nach immer noch unser Konsumverhalten und die Tatsache, dass wir darüber nachdenken, was auf unserem Teller landet, und dass wir uns beim nächsten Einkauf dann hoffentlich nachhaltiger entscheiden.

Wenn ich meine Meinung zu McDonalds, Billigfleisch und Discountern äußere, bekomme ich immer noch oft Dinge wie „Hast du etwa Mitleid mit den armen Tieren?“ zu hören. Ich habe in der Tat Mitleid (es ist nicht so, dass ich besonders tierlieb wäre- bei der Fleischproduktion existiert eine so horrende Grausamkeit, dass man eigentlich nicht wissend und mitleidsfrei zugleich sein kann!)- aber das ist für mich nur ein untergeordneter Aspekt. Ich ernähre mich nicht vegetarisch und habe mit dem Wissen, dass für mein Steak eine Kuh gestorben ist, auch kein Problem (schon eher damit, wie sie gestorben ist…).

Wer kritischen Konsum mit Vegetarismus gleichsetzt, und  Vegetarismus damit gleichsetzt, „übertrieben“ tierlieb zu sein, hat nicht weit genug gedacht. Es gibt wesentlich mehr (egoistische, pragmatische) Gründe gegen eine Lebensmittelindustrie, die schnelle, billige und profitable Produktion von Nahrung zum einzigen Ziel auserkoren hat! Jeder einzelne ist es meiner Meinung nach wert, auf die Straße zu gehen.
Um nur ein paar genannt zu haben:

  • Wir (in der privilegierten ersten Welt) können unseren Ernährungsstandard für eine längere Zeit aufrechterhalten. Und damit meine ich nicht Billigfleisch zu unschlagbar günstigen Preisen! sondern vielmehr genug, abwechslungsreich, und in Maßen Nahrung essen zu können, auf deren Qualität wir uns verlassen können.
    Ich habe den Eindruck, dass sogar in Deutschland dieses Privileg immer weniger Menschen zuteil wird. Nachhaltig produzierende Bauern werden durch die aggressive Preisdrückungsstrategie der Lebensmitteldiscounter vom Markt verdrängt- und sind immer seltener vorzufinden, selbst für Menschen, die bereit und fähig sind, wesentlich mehr Geld für Bio-Essen auszugeben.
  • Dank fortgeschrittener Technologie wäre es möglich, auf nachhaltige Weise mehr Nahrung zu produzieren als zuvor, und diese gerechter zu verteilen. Das geschieht jedoch ganz vorsätzlich nicht!
    In Asien wird Soja in Massen angebaut, die wir uns vor einiger Zeit nicht hätten träumen lassen. Dieser Soja wird dann allerdings nicht etwa dazu verwendet, hungerleidenden Menschen den Magen zu füllen, sondern einmal um den Globus transportiert, um an Tiere verfüttert zu werden und als billiges Hackfleisch auf unseren Tellern zu landen. Die Teile des Tiers, die wir Reichen nicht ganz so gerne essen, werden entweder in Afrika Menschen aufgezwungen- äh-verkauft…oder weggeworfen. Insgesamt eine riesige, ungerechte Energieverschwendung, die zwar profitabel, aber nicht nachhaltig ist.
  • Wir können die gesundheitlichen Folgen von Gentechnik, Pestiziden und medikamentengetriebener Massentierhaltung nicht abschätzen. Allergien und medikamentenresistente Krankheitserreger nehmen zu, und der kausale Zusammenhang zu unserer Ernährung scheint zu existieren, wie genau, ist jedoch unklar. Wer vorsichtiger essen möchte, wird außerdem nicht hinreichend informiert:
    Wer kann schon die Inhaltsangaben, die auf Lebensmitteln in Schriftgröße 5 abgedruckt sind, entziffern? Und kann Max Mustermann dann aus ein paar kryptischen chemischen Bezeichnern schlussfolgern, ob das Nahrungsmittel gut für ihn ist?
    Warum werden wir nicht darüber aufgeklärt, wo und wie unser Essen produziert wurde? Erst dann könnten wir uns als Verbraucher wirklich frei entscheiden.

Empört Euch!

Wir brauchen mehr populäre Literatur wie das Pamphlet des französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hesell, welches inzwischen auch bei uns erhältlich ist. Es fiel mir, an der Kasse zwischen der Autobild und der Für Sie, neulich wieder im Kiosk auf, und das freute mich.
Ich finde, ein Deutscher sollte ein ähnliches Buch veröffentlichen und schlage vor, in diesem neuen Empört Euch einige Änderungen vorzunehmen, die unserem Geschmack entgegen kommen. Der Grundtenor könnte dann etwa Folgender sein:

Empört euch- denn Alfons Schuhbeck, der euch in so vielen Koch- und Talkshows unterhalten hat, wirbt jetzt für McDonalds. Da will der Sternekoch um jeden Zweck Geld verdienen… unvorstellbar, im Kapitalismus!

Empört euch anschließend darüber, dass in eurer Lieblings-Starbucks-Filiale kein Sirup in der Geschmacksrichtung „Lebkuchen“ mehr vorhanden war und darüber, dass in Actimel weniger gesunde Bakterien sind, als die Werbung behauptet. Schaltet abends den Flachbildernseher von Saturn (Geiz ist geil!) ein, um Günther Jauch zu sehen und empört euch über die Werbeunterbrechungen.

Empört euch über einen Bahnhof, der in Stuttgart gebaut werden soll- und stimmt dann, wenn es ernst wird, dennoch zu seinen Gunsten ab.

Empört euch über die Italiener, die Jahrelang Berlusconi als Staatsoberhaupt geduldet haben, und kauft anschließend Axel Springer’s Printmedien. Empört euch über die faulen Griechen. Empört euch über Angela Merkels Modegeschmack.

Empört euch über die deutsche Bahn, die dauernd zu spät kommt- und fahrt täglich alleine mit dem Auto auf die Arbeit. Empört euch dabei über den Straßenverkehr und den Benzinpreis. Fliegt mit Easyjet in Urlaub nach Mallorca, und empört euch über den Service an Bord und die schlechten Englischkenntnisse des Personals.

Empört euch über Kinderarbeit und Ausbeute. Empört euch anschließend darüber, dass die Weihnachtseinkäufe dieses Jahr wieder so stressig sind. Empört euch über die Abkehr von der wahren Bedeutung Weihnachtens, und darüber, dass die Kassiererin euch am letzten verkaufsoffenen Sonntag so mürrisch ansah.

Empört euch über das sinkende Lohnniveau in Deutschland und empört euch über intransparente Finanzmärkte… und wählt schwarz-gelb.

Empört euch darüber, dass euer Lieblingspolitiker bei seiner Doktorarbeit gepfuscht haben soll. Empört euch aber auch über dessen schlechte Darstellung in den Medien, und bestellt euch im Einzelhandel „Vorerst gescheitert“ vor. Es kann dann im Bücherregal neben „Deutschland schafft sich ab“ stehen.

Empört euch über Döner-Morde und darüber, dass Killer-Breivik nun nur in eine psychiatrische Anstalt kommen soll.

Empört euch über die Neugestaltung der Bedienoberfläche von Facebook. Empört euch auf Facebook über die irrelevanten Statusupdates eurer „Freunde“, die ihr aber nichtsdestotrotz neugierig lest. Empört euch auf Facebook auch über andere Dinge, etwa darüber, dass die Chinesen nicht zu Facebook dürfen.

Empört euch über  Oberflächlichkeit und Schönheitswahn, und lasst eure Kinder mit Chips und Cola Heidi Klums Topmodelshow sehen.

Empört euch über das Wetter.

Stéphane Hessel, der nun 94 Jahre alt ist und mit seiner Lebenserfahrung und seinem bewundernswerten Engagement die Werte der Résistance verkörpert, hat das Recht, mit Stolz zum Widerstand aufzurufen. Und Widerstand ist angebracht.
Dennoch ist unser Handeln teils so schizophren, dass ich an unserem Recht auf Empörung ein wenig zweifle. (Ich nehme mich selbst nicht davon aus) Brauchen wir, aus jüngeren Generationen als Stéphane Hessel, die alltägliche Meinungsmache vielleicht gar als geistige Krücke? Würden wir uns empören, und den Kapitalismus und unseren Konsumwahn in Frage stellen, müssten wir auch nach neuen Werten suchen und unser Weltbild umkrempeln. Wie anstrengend.

Buchempfehlung: The World. A Beginner’s Guide.

„Human rights, the internet, ‚globalization‘ and the Kyoto Protocol- all products of the last quarter of the previous century- have opened a new horizon of social understanding and of social action, i.e., humankind and its world. While we go on being, say, Chinese or Americans, Muslims or Hindus, workers or bankers, African women or European men, young or old, we have also become members of a common humankind and stakeholders in the same planet“

Göran Theborn, The World. A Beginner’s Guide (Introduction)

Es gibt eine Vielzahl an Büchern über Globalisierung- jenen Begriff, der erst seit den 1990ern verwendet wird, eigentlich jedoch kein neues Phänomen bezeichnet: die Weltwirtschaft ist enger mit einander verbunden, Firmen weiten ihren Einfluss global aus, eine Lücke zwischen entwickelten und unterentwickelnden Ländern klafft auf.
Globalisierung ist ein Begriff, der für viele Menschen, abhängig von ihrer politischen Orientierung, entweder positiv oder negativ belegt ist. Er wird sowohl für kulturelle als auch ökonomische Trends verwendet, und manchmal ist unklar, was genau mit Globalisierung gemeint ist.

„The new goal, always crucial to any kind of modernism, is no longer ‚progress‘, and certainly doesn’t include ‚emancipation‘. Progress means that something is getting better, i.e., it denotes some quality of substance. Globalization signifies that impact and/or connections are being extended“

Göran Theborn, The World. A Beginner’s Guide (Part 1)

Göran Theborn’s Buch erscheint vielversprechend, da es aus einer soziologischen, historischen Sicht heraus versucht, zu erklären, warum wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts da stehen, wo wir stehen. Es ist, so weit ich gelesen habe, weder rein globalisierungskritisch, noch befürwortet es den Neoliberalismus.
Göran Theborn, Soziologieprofessor an der Universität Cambridge, postuliert, dass die folgenden Themen zum Verständnis der Globalisierung essentiell sind:

  1. Soziokulturelle Geologie: die verschiedenen Zivilisationen (Länderübergreifende Gesellschaften mit ähnlichen Werten, Familienstrukturen und Glaubensrichtungen), ihre Geschichte und Interaktion
  2. Weltdynamiken und menschliche Evolution: Wirtschaftssysteme, Bevölkerungsentwicklung und Kommunikation
  3. Weltpolitik und die wichtigsten Spieler und Institutionen
  4. unser Lebensverlauf: die verschiedenen Stadien (Geburt, Kindheit, Jugend, Alter…) im 21. Jahrhundert

Diese Themen werden in „The World. A Beginner’s Guide.“ mit jeweils einem Kapitel behandelt. Am Ende soll ein Fazit stehen, wohin sich die Weltgesellschaft bewegt- und was bei der Welle der Globalisierung, in der wir gerade leben, herauskommen könnte.
Theborn schreibt auf eine für Sozilogielaien wie mich verständliche Weise, ohne Fachjargon und mit übersichtlichen Graphiken und Statistiken versehen. Dennoch bleibt das Buch auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau, und dem erfahreneren Leser werden Quellenangaben und Detailinformationen mitgegeben.

Ich habe auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften Wissenslücken und dringenden Lernbedarf. In dem ersten Teil über die Geschichte verschiedener Zivilisationen und zurückliegende Globalisierungswellen (nennenswert sind da die Eroberung Amerikas, der britisch-französische Krieg, und die europäischen Einflüsse mittels Opiumhandel in Asien) habe ich viel interessantes erfahren, insbesondere jedoch einen Überblick erhalten, den mir bislang kein Schulbuch vermitteln konnte.
Auf den Rest des Buches bin ich gespannt-  halte es jedoch bereits jetzt für sehr lesens- und empfehlenswert. Wer also noch ein pädagogisch sinnvolles Weihnachtsgeschenk sucht…

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