Eindrücke vom Friedenswinter

Wer heutzutage für den Frieden ist, muss ein naiver Idiot sein. Oder schlimmer noch, ein Altkommunist, Neu-Rechter, oder gar Gewerkschafter! [ZEIT]

Wenn man sich die breite Masse der Presseveröffentlichungen zu den Friedensdemonstrationen, die am Sonntag (13.12.2014) in vielen deutschen Städten stattgefunden haben ansieht, bekommt man wahrlich keinen guten Eindruck von der jungen Friedenswinter-Bewegung.

Obwohl man sich fragen könnte, wie all die verunglimpfenden und schmählichen Bezeichnungen, die für die Demonstranten verwendet werden, überhaupt zu einander passen. Obwohl man sich auch wundert, weshalb vermeintliche rechtsradikale Verschwörungstheoretiker im Demonstrationsaufruf, wie auch in zahlreichen Reden, immer wieder Sätze schreiben wie:

Den Menschenrechten, dem Völkerrecht und der internationalen Solidarität gilt unser aktives Handeln. Rassismus und Faschismus lehnen wir entschieden ab. […] Frieden braucht Mut, Engagement und Solidarität.

Obwohl man sich auch darüber wundern könnte, dass einige diffamierende Medienberichte bereits vor der Sonntags-Demonstration geschrieben wurden.

Wie schlimm muss es um die Presse hierzulande eigentlich stehen, dass sie bereitwillig auf derart niedrigem Niveau gegen tausende von Bürgern hetzt, die sich an einem Adventssonntag im Namen des Friedens auf den Straßen versammeln? Es gibt Worte für solches Verhalten, Worte, die in letzter Zeit allerdings eher für Berichte über Russland reserviert zu sein scheinen: Polemik, Kriegstreiberei, Propaganda, Meinungsmache. [Weiterführender Bericht]

Anders als so einige Journalisten, die sich nicht zu schämen scheinen, die Friedensbewegung ohne eigene Eindrücke hemmungslos zu verunglimpfen, war ich persönlich bei der Demonstration in Berlin, um mir ein Bild zu machen. Ich habe dort weder militante feindeselige Russen, noch Rechtsradikale, noch Verschwörungstheoretiker getroffen (Gewerkschafter waren allerdings tatsächlich dabei). In Berlin waren etwa 4000 ernsthaft besorgte Bürger an der Demonstration beteiligt. Darunter waren zahlreiche Familien, die sich wünschen, dass auch ihre jüngsten in einem friedlichen Europa ohne Kriegspropaganda aufwachsen können. Darunter waren auch für mich überraschend viele ältere Menschen, die vielleicht aus direkter Erfahrung heraus „Nie wieder Krieg“ wollen. Ganz normale Menschen.

Es wirkt hoffnungslos, dem Shitstorm echte Argumente entgegenzuhalten. Die Friedenswinter-Bewegung hat dies freilich versucht. Gute Journalisten hätten dies auch nachlesen und anerkennen können (besonders lesenswert ist die Rede von Eugen Drewermann).

Zum Vorwurf, der Friedenswinter habe keine konkreten Fakten auf seiner Seite:

Wir haben unter Adenauer 1963 als Bundesrepublik West versprochen, es würden 0,7% des Bruttosozialproduktes eingesetzt werden für Entwicklungshilfe. Niemals ist es in all der Zeit auch nur zu 0,4% gekommen. Und abkassiert haben wir aus den Schuldenzinsen der Entwicklungsländer das Fünfundzwanzigfache. Niemals war die Not der Dritten Welt ein wirkliches Motiv dieser Art von Politik. Aber nun das Fünffache, 2% des Bruttosozialprodukts für Rüstung ist das Ende
und die Perversion der Weltverantwortung.

Zum ermüdenden und Allzweck.-Vorwurf des Putin-Verstehens:

Oh ja, Putin bedroht den Weltfrieden. Die Rüstungsausgaben Russlands liegen bei 80 Milliarden Dollar. Das ist unglaublich viel. Aber gerade bewilligt man den USA 500 Milliarden Dollar plus den Milliarden die nötig sind, das Ausspähprogramm der NSA weltweit zu etablieren, um die Kontrolle über die gesamte Menschheit zu erringen. Zusätzlich zu den geheimen Einsätzen der CIA so ziemlich rund um diesen Globus. Plus der Aufrüstung des Weltalls mit der NASA. Das alles verrechnet muss sich addieren zu den rund 300 Milliarden, die die NATO-Staaten aufzubringen haben. Das ist gesamt gerechnet mehr als das Zehnfache von allem, was Russland ausgibt zu seiner
Verteidigung. Wer hat da Grund, sich vor wem zu fürchten?

Und vor allem, immer wieder zitierfähig, von Wolfgang Borchert (und Eugen Drewermann):

Mann an der Werkbank! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst statt Kochgeschirren und Wasserrohren Kanonenrohre und Handgranaten ziehen – Mann an der Werkbank, sag NEIN!
Und Mutter, Mutter in Deutschland! Mutter in der Ukraine! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst Kinder gebären: Jungen für die Schützengräben, Mädchen für die Spitäler, – Mutter in Deutschland, Mutter in der Ukraine, sag NEIN! Mann im Labor! Mann am Katheder! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst den neuen Tod für das alte Leben erfinden, – Mann im Labor, Mann am Katheder, sag NEIN!
Und Pfarrer auf der Kanzel – Herr Gauck! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen – Pfarrer auf der Kanzel, sag NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wird das immerzu so weitergehen!

Im Schafspelz

A nation of sheep will have a government of wolves. – Edward R. Murrow

Wir leben in einer globalisierten Welt des Informationsüberflusses.
Die meisten Menschen haben irgendwie verstanden dass Medien, die diese Informationen selektiv aufbereiten und ein sorgfältig entworfenes Weltbild vermitteln, in einer solchen Welt besonders viel Macht ausüben.
Da uns die Macht der Medien bewusst geworden ist, denken wir oft, wir seien gegen deren Einfluss persönlich gewappnet.  Während wir Medien konsumieren um Informationen daraus zu beziehen, hoffen wir gleichzeitig, das so bewusst zu tun, dass wir dabei nicht manipuliert werden. Wir halten uns für intelligente Schafe. Doch was, wenn die Wölfe noch viel gerissener sind als wir uns vorstellen können?

Ich zweifle daran, dass man Medien frei von manipulativen Einflüssen finden kann. Die PR-Politik von Firmen ist vielschichtiger geworden. Firmen engagieren Berater die „global intelligence“ Firma Stratfor, um sich gegen ihre „Feinde“ wie zum Beispiel (natürlich ebenfalls ideologiegeprägte) NGOs zu wappnen. Beratungsdokumente dieser Firmen lesen sich wie Kriegsstrategien – von „guerillas“ und „battles waged against multinational companies“ ist dort die Rede.

Stratfor ist indirekt aus der PR Firma Pagan International hervorgegangen. Pagan International erregte internationale Aufmerksamkeit durch die Beratung von Nestlé, die zur Überwindung des Milchpulverboykotts in dritte Welt Ländern führte. In den 70er Jahren machten zahlreiche NGOs und kirchliche Organisationen auf gesundheitsschädliche Auswirkungen von Nestlé Milchpulver in afrikanischen Ländern aufmerksam. Babys, die anstelle von Muttermilch das intensiv beworbene Nestlé Milchpulver tranken, erkrankten oft aufgrund von Nährstoffunterversorgungen oder verseuchtem Trinkwasser.

Die Strategie die Pagan Nestlé gegen den Boykott empfahl, war bahnbrechend für das Gebiet der internationale Firmen-PR und wurde im Journal of Business Strategy publiziert. Kurz gefasst bestand die Lösung in der Gründung einer „unabhänigen“ Institution, dem Nestle Coordination Center for Nutrition, Inc. (NCCN). Diese Organisation engagierte Fachleute, die die gesundheitsschädliche Wirkung des Milchpulvers öffentlich bestritten und gleichzeitig als unabhängig vom Konzern wahrgenommen wurden. Gleichzeitig wurden die NGOs und kirchlichen Organisationen gegeneinander aufgebracht, indem einzelnen Parteien religiöser Fanatismus vorgeworfen wurde.

In der Publikation von Rafael D. Pagan findet man zudem bereits 1980 die Prophezeiung, dass solche komplexen PR-Strategien für multinationale Konzerne von immer größerer Bedeutung sein werden:

More companies in the future will be called upon to answer for their actions on an international scale. For instance, the International Organization of Consumers Unions (IOCU) is planning a long-term strategy of developing support for national and international regulation.

IOCU is placing special emphasis on those areas where what it calls „inappropriate technology“ is being marketed or applied in the Third World, and where hazardous substances are involved.
Among the industries singled out by IOCU are agricultural chemicals and other pesticides, pharmaceuticals, fast and processed foods, alcoholic beverages, tobacco, nuclear power, and the arms industry.

These „consumer“ activists are in earnest and must be listened to.

Pagan Internationals letzte größere Kampagne trug den Namen Neptune Strategy und betraf den Konzern Shell Oil.
Pagan riet Shell, zur Bekämpfung des Boykotts im Zuge der Anti-Apartheid-Bewegung eine weitere (von Pagan subventionierte) Organisation namens COSA zu gründen. COSA rückte Shell in ein besseres Licht, indem die Bemühungen der Firma für ein „post-Apartheid“ Südafrika gepriesen wurden. Als die Neptune Stratetgy 1987 bei Wikileaks veröffentlicht wurde, ging Pagan International bankrupt, die Firmengründer gründeten die neue Firma Mongoven, Biscoe & Duchin, die später in Stratfor übergehen sollte.

Stratfor ist so zwar den in Ungnade gefallenen Namen Pagan losgeworden. Sonst hat sich nicht viel geändert.
Ende 2011 wurden weitere interne Strategie-Dokumente von Stratfor publik (Zusammenfassung: Teil 1 und Teil 2).
Ein interessantes Detail ist die Unterteilung von NGO-Aktivisten in die Kategorien „Radikale“, „Realisten“,  „Idealisten“, und „Opportunisten“. Radikale streben nach Systemveränderung und sollten marginalisiert und einzeln bekämpft werden. Realisten kann man davon überzeugen, dass eine wirkliche Veränderung nicht erreichbar ist, sie geben sich möglicherweise mit Gesten zufrieden. Idealisten können den Eindruck erhalten, dass sie Fakten falsch verstanden haben, sie gehen eventuell zu den Realisten über. Opportunisten möchten eigene Interessen erfüllt sehen. Nach dem Motto teile und herrsche werden für diese Kategorien (z.B. in dieser Präsentation) maßgeschneiderte PR-Strategien im Kampf gegen die Guerilla-Aktivisten empfohlen.

Die PR-Strategien von multinationalen Firmen sind ausgeklügelter, als es erscheinen mag. Wie die oben genannten Beispiele zeigen, werden nicht selten dritte Organisationen zur Verschleierung der wahren Ursprünge von PR-Maßnahmen gegründet. Internationale Medienwirksamkeit ist so wichtig geworden, dass Firmen-PR an Experten ausgelagert wird. In den meisten Fällen (d.h., wird nicht gerade etwas geleakt) sind wir Konsumenten-Schafe hierüber völlig unwissend.
Der Fairness halber wünsche ich auch den gegnerischen Lagern – NGOs und politischen Organisationen – ähnlich gewiefte PR-Berater.

Allgemein bleibt jedoch die Frage, ob Endverbrauchern überhaupt noch eine Chance bleibt, sich in dem PR-Dschungel zurechtzufinden. Wir wissen nicht nur, was echt und was Werbung ist, sondern auch nicht, wer diese Werbung zu welchem Zweck bezahlt. Mediale Transparenz sieht anders aus.

Die Piraten und Demokratie: empfehlenswerte Rede von Christpher Lauer

Ich habe die Erfolge der Piratenpartei stets mit gemischten Gefühlen betrachtet: Sie vertreten hinsichtlich Technologie und Internet Standpunkte, die ich voll und ganz teil- auf der anderen Seite werfe ich ihnen (unter anderem, weil sie ausschließlich aus einer Internetbewegung hervorgegangen sind) vor, andere wichtige Themen wie Umweltschutz, Bildungs- und Sozialpolitik u.s.w. zu vernachlässigen.

Eine Rede von Christopher Lauer (eine Mitschrift findet ihr hier) im Berliner Abgeordnetenhaus zeigt jedoch, dass die Piraten für mehr stehen als Informationsfreiheit. Lauer kritisiert in der Rede Wowereits neueste Regierungserklärung in einer Form, die ganz grundsätzliche Fragen zu dem demokratischen Prozess aufwirft und sehr interessante Aspekte beleuchtet. Beispielsweise wird darauf hingewiesen, wie Demokratie, Transparenz, und auch das Vertrauen der Wählerschaft geschädigt werden, wenn Politiker ausschließlich im Interesse ihrer Partei handeln und die Gesetzesentwürfe nicht mehr selbst schreiben, sondern von Referenten erstellen lassen.

Im Wahlkampf hatten wir ein Plakat „Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht doch eh nicht wählen?“ Analog dazu könnte man über dieses Rednerpult eins mit der Inschrift „Warum rede ich hier eigentlich, ich weiß doch eh, wie ihr abstimmt“ hängen. Der Erfolg der Piratenpartei ist auch das Ergebnis einer Vertrauenskrise in unser repräsentatives, parlamentarisches System. Die Bürgerinnen und Bürger Berlins kämen doch nicht auf die Idee nach mehr Beteiligung zu verlangen, wenn sie das Gefühl hätten, dass sie hier im Sinne einer Volksvertretung vertreten werden. Hat sich hier noch nie jemand die Frage gestellt, warum sich Menschen, für die Strom aus der Steckdose und Geld aus dem Automaten kommt auf einmal Interesse daran haben, sich politisch zu beteiligen?

Mindestens in dem gleichen Maß, wie mich Lauers Argumentation beeindruckt hat, schockte mich das Desinteresse und Unverständnis des Publikums. Nicht nur wurde während den 10 Minuten Redezeit laut geredet und unhöflich durch (viele!) Zwischenrufe gestört- Christopher Lauer wurde gar ausgelacht, als er sagte (dieser Satz ist klischeebehaftet, aber nicht unwahr):

Mit den Piraten haben doch nicht die Klassenlieblinge die politische Bühne betreten, sondern die Nerds, die Außenseiter, diejenigen, die in der Schule nicht zu den Parties eingeladen worden sind, diejenigen, die nicht in der Mitte der Gesellschaft standen. Wir mussten uns unsere eigene Gesellschaft suchen und haben sie im Internet gefunden.

Das Video zeichnet ein Bild des Abgeordnetenhaus, dass mich wieder einmal das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand unserer Politiker verlieren lässt. Beinahe zähle ich mich selbst zu den von Lauer genannten Nerds, die mehr aus Verzweiflung denn aus Spaß politisch interessiert geworden sind.

Die Erfolge der Piratenpartei sind, wie ihre Vertreter sogar selbst betonen, ein Indiz für tiefliegende Probleme in unserer Demokratie. Wäre die Politik so transparent, solidarisch und offen, wie sie sein sollte (und behauptet zu sein), dann kämen Computernerds nicht auf die Idee, in ihrer Freizeit Konzepte wie Liquid Feedback (lesenswert!) zu entwerfen, sondern würden lieber programmieren.

Für mich war dies lange ein Grund, besagte „Nerds“ auch nicht zu wählen… so wie ich mir selbst nicht zutrauen würde, politisch große Verantwortung zu übernehmen. Nun aber habe ich den Eindruck, dass eben jene Außenseiter aus der Piratenpartei die einzigen sind, die noch provozieren und hinterfragen. Immer wieder grunddemokratische Fragen zu stellen, und den Entscheidungsprozess zu überdenken, ist in meinen Augen zentral für eine gesunde Demokratie.
Ja, ich habe fast den Eindruck, dass die Piratenpartei angesichts der mangelhaften Alternativen (festgefahrener, lobbygetriebener politischer Einheitsbrei) wählbar geworden ist…

No disconnect!

Karl-Theodor zu Guttenberg wird nun EU-Berater in Sachen Internet. Als ich diese Nachricht las, war meine erste Reaktion Erleichterung und ein wenig Erheiterung (wen nehmen die in der EU eigentlich nicht auf?).
Ich war erleichtert, da Brüssel von meinem Zuhause weiter entfernt ist als Berlin, und auch die Möglichkeit einer neuen rechten Partei unter Guttenberg wird, wenn nicht eliminiert, so doch wenigstens auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Außerdem besteht Angesichts der Eurokrise die Moeglichkeit, dass der Gute seinen Job bald wieder verliert… In der EU, neben Oettinger und Stoiber- da kann der Freiherr nicht mehr viel Übel anrichten. Oder?

Guttenberg, so Vizepräsidentin Neelie Kroes, wurde aufgrund seines „Talents“ und seiner „internationalen Weitsicht“ für den Job ausgewählt. Dass ich persoenlich seine Talente (abgesehen von dem Einsatz von Suchmaschinen) anzweifle, sei hier außen vor gelassen. Ich würde sogar anzweifeln, dass Frau Kroes Guttenberg tatsächlich wegen seiner Qualifikation auserkoren hat. Guttenberg mag für Aussenpolitik berühmt und berüchtigt sein, er hat jedoch sicherlich keinen Expertenruf, was digitale Medien angeht. Warum also ausgerechnet er?

Die erste Erklärung: B-Vitamine. Nicht unwahrscheinlich, und es wäre nichts Neues- auch wenn ich spontan keine Belege oder transparente Hinweise auf die Beziehungen finden kann, die eine Rolle gespielt haben koennten.

Die zweite Erklärung also: Guttenberg ist Repräsentant der angestrebten Internetpolitik. Hier lohnt es sich, einen genaueren Blick auf jene EU-Agenda zu werfen, welcher Guttenberg beratend beihelfen soll. Sie trägt den klangvollen Namen No disconnect. Was genau das heissen soll? Ich habe nicht den blassesten Schimmer.

„Diese (Guttenbergs) Ernennung ist Schlüsselelement einer neuen „No disconnect“-Strategie, mit der sich die EU weiterhin dafür einsetzen wird, dass die Menschenrechte und Grundfreiheiten sowohl online als auch offline gewahrt werden und das Internet und andere Elemente der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) treibende Kräfte zugunsten politischer Freiheit, demokratischer Entwicklung und wirtschaftlichen Wachstums bleiben können.“

Menschenrechte und Grundfreiheiten- ein netter Anfang. Doch schon Punkt 1 der Agenda lässt stutzen:

  • Entwicklung und Bereitstellung technischer Instrumente, mit denen der Schutz der Privatsphäre und die Sicherheit von Menschen in nichtdemokratisch regierten Ländern bei der IKT-Nutzung erhöht wird.

Ist Deutschland eigentlich ein „nichtdemokratisch regiertes Land“ im Sinne dieser EU-Komission? Auch hier wären, angesichts der laufenden Debatten um (mittelmäßig gut programmierte) Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherungen, Maßnahmen zur Wahrung der Privatsphäre vonnöten.

Möglich, dass Guttenberg mit seiner Frisur auch seine Meinung zur Netzfreiheit in Deutschland verändert hat. Vor zwei Jahren jedenfalls äußerte sich der damalige Bundeswirtschaftsminister noch wie folgt:

„Das macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich eines der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.“

Freifrau Stephanie zu Guttenberg setzt sich sein Jahren, im Namen des Kampfes gegen Kinderpornographie, für Netzsperren und Zensur ein.

Werfen wir einen Blick auf Punkt 3 von „No disconnect“, (aka „Überwachung von Überwachungen“:

  • Sammlung hochwertiger Informationen über das Geschehen „vor Ort“, um die Intensität der Überwachung und Zensur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu beobachten.

Da bleibt zu hoffen, dass die so kompetent besetzte EU-Kommission die richtigen moralischen Massstäbe findet, um gute Überwachung im Sinne der no disconnect-Strategie von böser Überwachung zu trennen! Frau Kroes äußerte sich hierzu mit dem sehr informativen Statement „Menschenrechte sind elementar für alles, was wir in der EU machen“. Aha. Ist der Tenor möglicherweise das Albekannte „Wir sind demokratisch, hinterfragen uns selbst nicht und müssen den anderen beibringen, was Menschenrechte bedeuten?“ … Nein, das wäre sicherlich eine Unterstellung.

Abschliessend sehe ich zwei Möglichkeiten, wie sich Guttenberg als EU-Berater entwickeln könnte:

  1. Er versackt in der EU, wie viele Politiker vor ihm. Das Projekt erzielt mittelmäßige Erfolge und wird bald vergessen. Guttenberg kehrt nicht in die deutsche Politik zurück.
  2. Guttenberg treibt in der EU-Kommission eine Politik der Netzzensur im Namen der Menschenrechte (wie gerne diese missbraucht werden!) voran. Anschließend werden uns in der deutschen Politik Zensurmaßnahmen als unabdinglich verkauft, da sie EU-Richtline sind… Guttenberg wäscht durch seine diplomatische Tätigkeit seinen Namen rein, um dann doch nach Deutschland zurückzukehren. Ich wandere aus.

Protest ist nicht gleich Protest

Wenn ihr euch politisch kritisch bilden wollt, dann kauft euch doch einen Spiegel oder einen Focus.

Das bekam ich vor einigen Jahren von meiner Oberstufenlehrerin empfohlen. Getreu ihrem Ratschlag, wenn auch eher durch Zufall als Absicht, habe ich mir also heute den Internetauftritt des Focus angesehen.

Hier nur eine kurze Kostprobe, wie  unabhängig die Berichterstattung ist. Man achte insbesondere darauf, wer in den Artikeln zur Rede kommt, und wem zugunsten das Vokabular gewählt ist.

Zu den nur mäßig demokratischen russischen Wahlen berichtet das Magazin:

„Die Polizei geht brutal gegen die Demonstranten in Russland vor und knüppelt die Protestler nieder. […] Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte und die Zensur in den staatlichen Medien hielten die Oppositionellen nicht von neuen Protestaufrufen ab.“

Zu der Occupy Wallstreet Bewegung fällt den Focus Reportern hingegen folgendes ein:

Damit hatte niemand gerechnet: Mit Protestrufen und Pfiffen störten Anhänger der Occupy-Bewegung einen Vortrag von Deutsche-Bank-Chef Ackermann. Doch der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. […] Ackermann bat die teils mit Masken verkleideten Demonstranten sogar aufs Podium und forderte sie auf, Fragen zu stellen. „Wir führen eine Diskussion, kommt hierher.“ Er lehnte es jedoch ab, ihnen Raum für eine vorbereitete Erklärung zu geben. „Etwas hinter einer Maske vorzulesen, finde ich feige.““

(meine fette Hervorhebung)

 

Brot und Spiele

Für Fußballmuffel wie mich war es eine angenehme, ruhige Zeit, die bald endet: 2012 finden die Europameisterschaften im Herrenfußball statt, und es scheint bereits jetzt Zeit zu sein, vermehrt über dieses Ereignis, das inzwischen weit mehr als nur ein sportlicher Wettbewerb ist, zu berichten. Fußball ist in Europa ein wesentlicher Bestandteil der Populärkultur- und hat sogar (zum Glück) größtenteils seinen Ruf verloren, ein „Proletensport“ zu sein.
Ich persönlich kann mich nicht für den Fußball begeistern, habe jedoch andere Leidenschaften und möchte daher keineswegs über seine Fans oder Sportler urteilen. Auch damit, dass (wenigstens an dem Papiervolumen gemessen) etwa 10% des Geldes, den ich für eine Tageszeitung zahle, in Sportreportagen investiert werden, habe ich mich abgefunden: das ist nun einmal deutsche Kultur.
Fußballmeisterschaften beginnen, mir auf den Nerv zu gehen, sobald die mediale Aufmerksamkeit, die ihnen gewidmet wird, nur zur Verdeckung anderer Probleme zu dienen scheint. Brot und Spiele- eine politische Strategie, die sich seit der Antike bewährt hat!

In Großbritannien wird derzeit über eine Studie diskutiert, der zufolge die GCSE-Abschlussprüfungen wesentlich schlechter ausfallen, wenn sie kurz vor oder nach einem wichtigen Fußballspiel stattfinden. Dass die Studie Recht hat, erscheint, wenn man jemals begeisterte Fußballfans beobachtet hat, wahrscheinlich. Auch, dass besonders Jungen aus weniger wohlhabenden Verhältnissen in der Prüfungsphase durch Fußballspiele abgelenkt werden, glaube ich. Allerdings – und a propos ablenken:
Ist das Problem hier tatsächlich der Fußball? Oder ist es vielmehr eine ungleich schlechtere Betreuung von Kindern, deren Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen? Sicherlich wäre es nachhaltig, in schulische Betreuung und ein gleichmäßigeres Bildungsniveau investieren? Die Reporter von Channel 4 News scheinen der Ansicht zu sein, dass man derartige Maßnahmen durch eine Verschiebung der Prüfungen (in eine fußballfreiere Zeit) ersetzen kann.

„They argue that this measure would be a lot less expensive than most of the policies that have been pursued, or which are advocated, to improve the exam performance of disadvantaged boys – such as the literacy hour in schools, or improving pupil-teacher ratios.“

Kurzum, das Problem der Ungleichheit in der Bildung wird auf den Fußball reduziert. Die Reporter lenken damit von tiefer liegenden Problemen ab, die einer besseren Lösung bedürften. Warum nur habe ich das Gefühl, dass die Fußballmeisterschaften als Vorwand missbraucht werden…?

Ich bin gespannt, wie gut die EM 2012 in Deutschland zur Ablenkung des Volkes fungieren wird.
Werden wir in der Zeit wieder ein paar Überwachungsgesetze untergejubelt bekommen? Wohin auch immer die Eurokrise sich bis dann entwickelt hat- meine Vermutung ist, dass angesichts des wichtigeren Fußballspektakels keine Diskussion über die Krise des Kapitalismus, in der wir stecken, stattfinden wird.
Sicherlich werden auch durch unpopuläre Maßnahmen in Verruf geratene Politiker uns wieder sympathisch sein, wenn sie sich im Stadion dabei filmen lassen, wie sie bei Spielen der deutschen Mannschaft mitfiebern. „Das sind welche von uns, die sind ganz bodenständig.“
Es wird wieder eine Debatte um Patriotismus in Deutschland geben. So kontrovers diese sein mag- Edeka wird wieder schwarz-rot-golden verpacktes Obst verkaufen, und meine Kommilitonen werden wieder in mit Deutschlandflaggen auf der Stirn im Hörsaal sitzen. Werden wir da über globale Herausforderungen nachdenken können, oder wird unsere Aufmerksamkeit vielmehr ganz von „unserer“ Nationalmannschaft eingenommen sein?

Es ist noch ein Weilchen hin bis zur EM 2012, und das werde ich genießen. Doch sogar die Verlosung der Vorrundengruppen ist eine Schlagzeile wert- bald geht das Theater los…

Empört Euch!

Wir brauchen mehr populäre Literatur wie das Pamphlet des französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hesell, welches inzwischen auch bei uns erhältlich ist. Es fiel mir, an der Kasse zwischen der Autobild und der Für Sie, neulich wieder im Kiosk auf, und das freute mich.
Ich finde, ein Deutscher sollte ein ähnliches Buch veröffentlichen und schlage vor, in diesem neuen Empört Euch einige Änderungen vorzunehmen, die unserem Geschmack entgegen kommen. Der Grundtenor könnte dann etwa Folgender sein:

Empört euch- denn Alfons Schuhbeck, der euch in so vielen Koch- und Talkshows unterhalten hat, wirbt jetzt für McDonalds. Da will der Sternekoch um jeden Zweck Geld verdienen… unvorstellbar, im Kapitalismus!

Empört euch anschließend darüber, dass in eurer Lieblings-Starbucks-Filiale kein Sirup in der Geschmacksrichtung „Lebkuchen“ mehr vorhanden war und darüber, dass in Actimel weniger gesunde Bakterien sind, als die Werbung behauptet. Schaltet abends den Flachbildernseher von Saturn (Geiz ist geil!) ein, um Günther Jauch zu sehen und empört euch über die Werbeunterbrechungen.

Empört euch über einen Bahnhof, der in Stuttgart gebaut werden soll- und stimmt dann, wenn es ernst wird, dennoch zu seinen Gunsten ab.

Empört euch über die Italiener, die Jahrelang Berlusconi als Staatsoberhaupt geduldet haben, und kauft anschließend Axel Springer’s Printmedien. Empört euch über die faulen Griechen. Empört euch über Angela Merkels Modegeschmack.

Empört euch über die deutsche Bahn, die dauernd zu spät kommt- und fahrt täglich alleine mit dem Auto auf die Arbeit. Empört euch dabei über den Straßenverkehr und den Benzinpreis. Fliegt mit Easyjet in Urlaub nach Mallorca, und empört euch über den Service an Bord und die schlechten Englischkenntnisse des Personals.

Empört euch über Kinderarbeit und Ausbeute. Empört euch anschließend darüber, dass die Weihnachtseinkäufe dieses Jahr wieder so stressig sind. Empört euch über die Abkehr von der wahren Bedeutung Weihnachtens, und darüber, dass die Kassiererin euch am letzten verkaufsoffenen Sonntag so mürrisch ansah.

Empört euch über das sinkende Lohnniveau in Deutschland und empört euch über intransparente Finanzmärkte… und wählt schwarz-gelb.

Empört euch darüber, dass euer Lieblingspolitiker bei seiner Doktorarbeit gepfuscht haben soll. Empört euch aber auch über dessen schlechte Darstellung in den Medien, und bestellt euch im Einzelhandel „Vorerst gescheitert“ vor. Es kann dann im Bücherregal neben „Deutschland schafft sich ab“ stehen.

Empört euch über Döner-Morde und darüber, dass Killer-Breivik nun nur in eine psychiatrische Anstalt kommen soll.

Empört euch über die Neugestaltung der Bedienoberfläche von Facebook. Empört euch auf Facebook über die irrelevanten Statusupdates eurer „Freunde“, die ihr aber nichtsdestotrotz neugierig lest. Empört euch auf Facebook auch über andere Dinge, etwa darüber, dass die Chinesen nicht zu Facebook dürfen.

Empört euch über  Oberflächlichkeit und Schönheitswahn, und lasst eure Kinder mit Chips und Cola Heidi Klums Topmodelshow sehen.

Empört euch über das Wetter.

Stéphane Hessel, der nun 94 Jahre alt ist und mit seiner Lebenserfahrung und seinem bewundernswerten Engagement die Werte der Résistance verkörpert, hat das Recht, mit Stolz zum Widerstand aufzurufen. Und Widerstand ist angebracht.
Dennoch ist unser Handeln teils so schizophren, dass ich an unserem Recht auf Empörung ein wenig zweifle. (Ich nehme mich selbst nicht davon aus) Brauchen wir, aus jüngeren Generationen als Stéphane Hessel, die alltägliche Meinungsmache vielleicht gar als geistige Krücke? Würden wir uns empören, und den Kapitalismus und unseren Konsumwahn in Frage stellen, müssten wir auch nach neuen Werten suchen und unser Weltbild umkrempeln. Wie anstrengend.