Hilfe, es weihnachtet sehr

Was ich mir zu Weihnachten wünsche? Sicherlich bin ich nicht die Einzige, die diesen Satzes längst überdrüssig ist.
Leider gebe ich nie die Antwort, die mir auf diese Frage auf der Zunge brennt. Die würde nämlich lauten: Ich wünsche mir, mal ein Weihnachten keine Geschenke einkaufen zu müssen und keinen Schrott geschenkt zu bekommen! oder Ich habe materiell alles, was ich brauche- und was ich noch nicht habe, das kannst du dir ohnehin nicht leisten.
Leider mische ich mich auch dieses Jahr wieder unter die grimmigen Massen, die in den letzten Tagen vor Heiligabend durch Geschäfte rennen, auf der Suche nach einem originellen, persönlichen, von Herzen kommenden und zugleich günstigen Geschenk- um dann in letzter Minute ein fertig verpacktes Kosmetik-Set zu erstehen. (In Mode sind auch nicht-ganz-materielle Geschenke, wie Erlebnistage von Jochen Schweizer. Uns mangelt es nicht an Gegenständen, sondern an Erlebnissen.)
Leider sehe ich mir immer noch diese Nachrichtensendungen an, in denen über die Leistung des Einzelhandels in der Vorweihnachtszeit berichtet wird. Als gebe es keinen Hunger, keine Arbeits- und Chancenlosigkeit, keine Gewalt, keine Probleme außer der deutschen Konjunktur. Als sei ich persönlich für das Schicksal des Einzelhandels verantwortlich, als ginge die Welt unter, würden wir nicht (weihnachtlich gestimmt selbstverständlich) konsumieren, so viel wir uns erlauben können (oder auch nicht).
Leider glaube ich nicht mehr an das Christkind, sondern an die nüchterne Wahrheit, dass der Dezember jeden Jahres vor allem durch einen verschärften Konsumwahn, erhöhte Selbstmordraten, noch unglücklichere Gesichter in den Einkaufsstraßen und noch leerere Geldbeutel gekennzeichnet ist.

Auch werde ich auch nicht mehr an Nächstenliebe glauben, wenn ich lese, wie viele Obdachlose in diesem Jahr wieder erforen sind. Nicht einmal an zeitlich beschränkte, kausal direkt und ausschließlich mit dem Weihnachtsfest zusammenhängende Nächstenliebe…
Was das angeht, glaube ich ebenso wenig an „von Herzen kommende“ Geschenke:
Ich wollte zwei jüngeren Kindern (Leopardenfans) zu Weihnachten eine Tierpatenschaft schenken und recherchierte im Internet nach Möglichkeiten.
In einem Forum hatte jemand genau mein Problem gehabt. Perfekt! Er hatte nach einer guten Institution für solche Patenschaften gefragt, und als Antwort erhalten, er solle doch lieber eine Kinderpatenschaft kaufen, Menschen seien schließlich wichtiger als Tiere und es gebe so viele leidende Kinder.
Ich suchte daraufhin nach Möglichkeiten für Kinderpatenschaften. Diese würden ein etwas weniger hübsches Geschenk abgeben: von WWF bekommt man einen Plüschleoparden zugeschickt…  vom SOS Kinderdorf jedoch sicherlich kein Plüsch-Kind.  Die Internetseiten von Organisationen, die Kinderpatenschaften anbieten, sind sehr informativ: dort bekommt man auf den ersten Blick neben Slogans à la „Schenken Sie Ihren Lieben ein gutes Gewissen“ sofort Hinweise, wie man Patenschaften steuerlich als Spenden absetzen kann. Schenken, dabei etwas Gutes tun, und steuerlich profitieren. Dass ich mir diesen Luxus leisten kann! Den Luxus des Gutseins ganz ohne Schmerzen… ein Kind für eine nicht definierte Weile finanzieren, ohne Verpflichtungen und ohne ihm gegenüber stehen zu müssen, und sein Leid sehen zu müssen…
Ich kaufte keine Patenschaft. Stattdessen ging ich in einen Spielwarenladen und kaufte zwei Schneemänner aus Plüsch ein, die vermutlich von armen Kindern, die niemals eine sorgenfreie Kindheit mit Schneemännern hatten, in schneefernen Regionen dieser Welt zusammengenäht worden waren.

Ich bin nicht immer Weihnachtsmuffel gewesen! Das kindliche Konzept von Weihnachten (Gemütlichkeit und familiäre Geborgenheit) liebte ich- sobald man diesem jedoch, mehr oder weniger gezwungenermaßen, entrinnt (oder dieses nie erlebt hat), ist es vorbei.
In einer Welt, in der ethischer Konsum kaum möglich erscheint, und Weihnachten beinahe auf ein Konsumfest reduziert worden ist, kommt mir die Geschichte vom Jesuskind, das sich für die Menschheit geopfert hat, zunehmend wie eine Farce vor.

An Heiligabend werde ich, zusammen mit den anderen U-Boot-Christen, in der Christmette „auftauchen“ und Macht Hoch die Tür singen. Anschließend werde ich irgend ein antibiotikavollgepumptes und grausam geschlachtetes Geflügeltier essen und Menschen, die mir etwas bedeuten, Plüschtiere und Kosmetik-Sets bescheren…
Warum? Weil es die einzige Auszeit nach wochenlangem Arbeits- und Einkaufsstress ist. Weil Weihnachten, obgleich es wie die Satire einer einst glücklichen Tradition erscheint, eine der wenigen Gelegenheiten zum gemütlichen Beisammensein mit Familie bietet. Weil es sonst keine Möglichkeiten gibt, Menschen durch ein Geschenk zu zeigen, dass sie wenigstens so präsent sind, dass man sich verpflichtet fühlte, ihnen etwas zu schenken… und weil ich wirklich sehr gerne schokolierte Lebkuchen mag!

Frohes Fest!

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3 Kommentare zu “Hilfe, es weihnachtet sehr

  1. Elvira sagt:

    Nun, ich kann Dir diesmal nicht vollständig zustimmen. Darf ich etwas ausholen? Ältere Menschen haben so ihre Probleme mit dem sich kurzfassen. Du hast recht, was den Konsum betrifft. Wenn Weihnachten unter dem Baum entschieden wird, frage ich mich, wo Ostern entschieden wird. Ein blöder Slogan, wie die meisten in der Werbung. Schrill, aufdringlich, nervig. Und doch scheint es zu funktionieren. Der Einzelhandel jubelt, das Geld sitzt locker, Dinge, die kein Mensch braucht und zu deren Herstellung wertvolle Resourcen – auch menschliche – verschwendet werden, wandern über die Laufbänder.
    Ich wandere jetzt auch mal, zu dem Geflügel. Als wieder vor wenigen Monaten entsprechende Meldungen durch die Printmedien gingen, schnitt ich diese Artikel aus und hängte sie in unserer Arztpraxis an die Pinwand des Sozialraumes. Eine Woche später waren sie weg. Ich wollte ja niemenaden zum Vegetarierdasein nötigen, aber sich mal damit auseinanderzusetzen wäre schon ein Anfang gewesen für Menschen, die mit der Verordnung von Antibiotika tagtäglichen Umgang haben. Ich esse übrigens überhaupt kein Geflügel mehr und Fleisch nur im Direkterwerb beim Bauern meines Vertrauens.
    Nächste Punkt: Weihnachtsgefühlsduselei. Ich persönlich vermisse sie. Irgendwo im Laufe der eltzten Jahre ist es mir abhanden gekommen. Nicht die Gefühlsduselei, sondern das warme Gefühl, das ich in früheren Zeiten hatte. Aber wenn ich mich in den Blogs umlese, geht es vielen Menschen so. Eine gewisse Ernüchterung macht sich breit.
    Geschenke: Ich habe, ganz ehrlich, noch nie ein fertiges Kosmetikset gekauft. Ein ganzes Jahr notiere ich mir Geschenkideen. Oft finde ich schon im Sommer beim Nichtsuchen Kleinigkeiten, von denen ich sofort weiß, wer sich darüber freuen wird. Ich schenke auch mal einfach zwischendurch. Schenken ist doch an keine Zeit gebunden. Fremden Bloggerinnen nähte ich Kleinigkeiten, weil die gerade zu diesem Moment das richtige Geschenk waren.
    Patenschaften sind eine Sache, aber einen jungen Menschen an ein Ehrenamt heranzuführen, eine Alternative. Wobei ich zugeben muss, dass ich viele Menschen für ihren ehrenamtlichen Einsatz zwar bewundere, manche Ehrenämter aber ablehne. Nicht, weil sie nicht benötigt würden, sondern gerade darum, weil sie benötigt werden. Vater Staat deligiert seine Fürsorgepflicht nämlich leichten Herzens auf Menschen, die zum Teil an einem erheblichen Helfersyndrom leiden. Tafeln werden gebraucht, sind aber ein trauriges Indiz für die Vernachlässigung armer und ärmster Bevölkerungsgruppen.
    Mein Lieblingsgeschenk ist übrigens Zeit! Nicht in Form eines Gutscheins, oh nein! Sondern durch Gespräche. Zeit nehmen zum Zuhören, Nachdenken, Ernstnehmen.
    So, der Kommentar uferte etwas aus, aber da habe ich ja vorgewarnt. Übrigens gibt es in diesem Blog: http://mayarosasweblog.wordpress.com/ sehr interessante Denkansätze.
    Ich wünsche Dir einen guten Appetit bei Schokolebkuchen. Aber bitte verdirb Dir nicht den Magen! Denn mit verdorbene nMägen werde ich nach den Feiertagen genug zu tun bekommen.
    Fröhliches Fest!
    Elvira

  2. harzpeter sagt:

    Zunächst vorweg: Wünsche allen Weihnachtsfeierern ein frohes Fest gehabt zu haben!

    Im Grunde genommen kann doch jede(r) selbst entscheiden, ob überhaupt und wie sie/er Weihnachten begeht. Wer sich damit Stress machen, viel oder wenig Geld für Geschenke ausgeben und/oder sich überfressen möchte – bitteschön. Und wer sich Weihnachten komplett oder sich zumindest einigen (vor)weihnachtlichen Begleiterscheinungen verweigern möchte – ebenso bitteschön.
    Für mich hat das „moderne“ Weihnachten aber auch irgendwie etwas von einer Art „von oben herab verordnetem Besinnlichkeits- und familiärem Harmoniezwang für 3 Tage“ an sich. Es verhält sich hierbei halt so ähnlich wie mit dem hierfür zeitlich begrenzten, dortzulande quasi gesetzlich vorgeschriebenen Frohsinn sowie der ebenso vorschriftsmäßigen Trinkfreudigkeit in jenen Regionen, wo Karneval/Fasching/Fasnet gefeiert wird oder auch mit dem Heute-aber-immer-schön-fröhlich-sein- und Saufzwang zu Silvester.

    Das es gerade während des Festes der Feste vielerorts verstärkt zu familiären Spannungsentladungen kommt – pah, geschenkt!
    Und das die vermeintlichen rheinischen Frohnaturen außerhalb der „tollen Tage“ ansonsten gar nicht so frohnatürlich sind habe ich als glücklicherweise in einem karnevalistischen Notstandsgebiet lebender Zeitgenosse bei Studien an, bei und mit etlichen Lebendexemplaren des Homo Rheinlandinensis deutlich feststellen können.

    Egal, welche Festivität und welches „Event“ gerade ansteht (oder auch verordnet wird): Es muss jede(r) selbst entscheiden, ob und in welchem Ausmaß er/sie dabei mitmacht. Wem´s Spaß macht und gefällt soll mitmischen, wem nicht soll´s bleiben lassen. Hauptsache, beide Seiten lassen sich gegenseitig in Ruhe und ohne Belehrungs- und Bekehrungsversuche auf ihre freiwillig gewählte Art und Weise den individuellen Umgang mit den diversen Festtagen pflegen.

  3. Frau Momo sagt:

    Wir entziehen uns dem meistens durch Arbeit und durch ehrenamtlichen Einsatz in einer Obdachlosentagesstätte an Heiligabend und am 1. Feiertag.
    Damit geht es allen Beteiligten gut und keiner hat Streß. Und für mich hat das mehr mit Weihnachten zu tun als dieser irre Geschenkewahn.

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