Eindrücke vom Friedenswinter

Wer heutzutage für den Frieden ist, muss ein naiver Idiot sein. Oder schlimmer noch, ein Altkommunist, Neu-Rechter, oder gar Gewerkschafter! [ZEIT]

Wenn man sich die breite Masse der Presseveröffentlichungen zu den Friedensdemonstrationen, die am Sonntag (13.12.2014) in vielen deutschen Städten stattgefunden haben ansieht, bekommt man wahrlich keinen guten Eindruck von der jungen Friedenswinter-Bewegung.

Obwohl man sich fragen könnte, wie all die verunglimpfenden und schmählichen Bezeichnungen, die für die Demonstranten verwendet werden, überhaupt zu einander passen. Obwohl man sich auch wundert, weshalb vermeintliche rechtsradikale Verschwörungstheoretiker im Demonstrationsaufruf, wie auch in zahlreichen Reden, immer wieder Sätze schreiben wie:

Den Menschenrechten, dem Völkerrecht und der internationalen Solidarität gilt unser aktives Handeln. Rassismus und Faschismus lehnen wir entschieden ab. […] Frieden braucht Mut, Engagement und Solidarität.

Obwohl man sich auch darüber wundern könnte, dass einige diffamierende Medienberichte bereits vor der Sonntags-Demonstration geschrieben wurden.

Wie schlimm muss es um die Presse hierzulande eigentlich stehen, dass sie bereitwillig auf derart niedrigem Niveau gegen tausende von Bürgern hetzt, die sich an einem Adventssonntag im Namen des Friedens auf den Straßen versammeln? Es gibt Worte für solches Verhalten, Worte, die in letzter Zeit allerdings eher für Berichte über Russland reserviert zu sein scheinen: Polemik, Kriegstreiberei, Propaganda, Meinungsmache. [Weiterführender Bericht]

Anders als so einige Journalisten, die sich nicht zu schämen scheinen, die Friedensbewegung ohne eigene Eindrücke hemmungslos zu verunglimpfen, war ich persönlich bei der Demonstration in Berlin, um mir ein Bild zu machen. Ich habe dort weder militante feindeselige Russen, noch Rechtsradikale, noch Verschwörungstheoretiker getroffen (Gewerkschafter waren allerdings tatsächlich dabei). In Berlin waren etwa 4000 ernsthaft besorgte Bürger an der Demonstration beteiligt. Darunter waren zahlreiche Familien, die sich wünschen, dass auch ihre jüngsten in einem friedlichen Europa ohne Kriegspropaganda aufwachsen können. Darunter waren auch für mich überraschend viele ältere Menschen, die vielleicht aus direkter Erfahrung heraus „Nie wieder Krieg“ wollen. Ganz normale Menschen.

Es wirkt hoffnungslos, dem Shitstorm echte Argumente entgegenzuhalten. Die Friedenswinter-Bewegung hat dies freilich versucht. Gute Journalisten hätten dies auch nachlesen und anerkennen können (besonders lesenswert ist die Rede von Eugen Drewermann).

Zum Vorwurf, der Friedenswinter habe keine konkreten Fakten auf seiner Seite:

Wir haben unter Adenauer 1963 als Bundesrepublik West versprochen, es würden 0,7% des Bruttosozialproduktes eingesetzt werden für Entwicklungshilfe. Niemals ist es in all der Zeit auch nur zu 0,4% gekommen. Und abkassiert haben wir aus den Schuldenzinsen der Entwicklungsländer das Fünfundzwanzigfache. Niemals war die Not der Dritten Welt ein wirkliches Motiv dieser Art von Politik. Aber nun das Fünffache, 2% des Bruttosozialprodukts für Rüstung ist das Ende
und die Perversion der Weltverantwortung.

Zum ermüdenden und Allzweck.-Vorwurf des Putin-Verstehens:

Oh ja, Putin bedroht den Weltfrieden. Die Rüstungsausgaben Russlands liegen bei 80 Milliarden Dollar. Das ist unglaublich viel. Aber gerade bewilligt man den USA 500 Milliarden Dollar plus den Milliarden die nötig sind, das Ausspähprogramm der NSA weltweit zu etablieren, um die Kontrolle über die gesamte Menschheit zu erringen. Zusätzlich zu den geheimen Einsätzen der CIA so ziemlich rund um diesen Globus. Plus der Aufrüstung des Weltalls mit der NASA. Das alles verrechnet muss sich addieren zu den rund 300 Milliarden, die die NATO-Staaten aufzubringen haben. Das ist gesamt gerechnet mehr als das Zehnfache von allem, was Russland ausgibt zu seiner
Verteidigung. Wer hat da Grund, sich vor wem zu fürchten?

Und vor allem, immer wieder zitierfähig, von Wolfgang Borchert (und Eugen Drewermann):

Mann an der Werkbank! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst statt Kochgeschirren und Wasserrohren Kanonenrohre und Handgranaten ziehen – Mann an der Werkbank, sag NEIN!
Und Mutter, Mutter in Deutschland! Mutter in der Ukraine! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst Kinder gebären: Jungen für die Schützengräben, Mädchen für die Spitäler, – Mutter in Deutschland, Mutter in der Ukraine, sag NEIN! Mann im Labor! Mann am Katheder! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst den neuen Tod für das alte Leben erfinden, – Mann im Labor, Mann am Katheder, sag NEIN!
Und Pfarrer auf der Kanzel – Herr Gauck! Wenn sie wieder kommen und dir sagen, du sollst die Waffen segnen und den Krieg rechtfertigen – Pfarrer auf der Kanzel, sag NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wird das immerzu so weitergehen!

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