Grüße aus dem Equilibrium

Eine Entschuldigung

Es ist still geworden auf diesem Blog, und da es (überraschenderweise) so einige gibt, die dennoch hier Artikel lesen, möchte ich mich entschuldigen.

Ich mag das Internet, das die Bühne für eine so bunte Mischung von Meinungen und Informationen bietet, wie man sie sonst leider kaum findet. In letzter Zeit beschränkt sich mein Internetkonsum jedoch auf ein das Lesen von Mails im Büro, ein bisschen Facebook unterwegs auf meinem Smartphone, und vielleicht noch mein BBC-Schlagzeilen des Tages. Kurzum: ich bin in jene berüchtigte Stressfalle geraten, die dazu führt, dass man theoretisch zwar die Zeit, aber nicht die Hirnkapazitäten hat, über die Poltik und die Welt nachzudenken.

Ich bin politisch träge geworden und der Nachrichten, die ich morgens in der S-Bahn lese auch irgendwie überdrüssig. Die Grenze zwischen (aktiver) Empörung und stumpfsinniger Resignation scheint bei mir schmal- sie ist überschritten, sobald ich von einem Tag lernen und arbeiten zu ermüdet bin, um noch über das Weltgeschehen nachzudenken. Es ändert sich ja doch nichts, nicht wahr?

Eine kleine Veranschaulichung

Freilich kann ich sagen, dass ich in letzter Zeit, wenn auch nicht auf diesem Blog, produktiv war. Ich habe zum Beispiel viel gelernt, darunter auch über Game Theory, jene wirtschaftlich-mathematische Disziplin, die sich mit dem Finden der gewinnbringendsten Strategie in halbwegs berechenbaren Szenarien befasst. Game Theory handelt ebenso von spaßigen Kinderspielen wie auch von Börsenspekulation und politischem Kalkül. Das Fach ist spannend und wer ein bisschen Geduld hat, kann sich auf dieser Seite einen Kurs dazu ansehen.
Wie dem auch sei: hier skizzenhaft ein Beispiel aus dem Kurs, das mein politisches Engagement begründen könnte:

Zwei Bürger (Spieler) haben die Wahl, an einer Revolte gegen ein fieses Regime teilzunehmen, oder auch nicht. Wir nehmen an, dass beide eine Strategie finden wollen, die für sie möglichst gut endet.

  • Szenario A: Nehmen sie beide teil, sind sie wahrscheinlich erfolgreich und freuen sich riesig (Gewinn für beide: 10 Gummipunkte).
  • Szenario B: Nimmt keiner teil, bleibt alles wie gewohnt (Gewinn für beide: 0 Gummipunkte).
  • Szenario C: Geht jedoch einer der beiden auf die Straße, während der andere wie gehabt zur Arbeit geht, so wird der Rebell von einem Polizisten ein blaues Auge verpasst bekommen (Gewinn: -3 Gummipunkte) wohingegen sich für den anderen nichts ändert (Gewinn: 0 Gummipunkte)

Es stellt sich heraus, dass Szenario C ein sogenanntes Equilibrium ist: beide Spieler können davon ausgehen, dass sie, ganz gleich wofür sich ihr Mitspieler entscheidet, keine Verluste machen werden.
Berechtigter Einwand: man könnte in Szenario A mehr erreichen. Wir gehen aber davon aus, dass die Situation im Moment noch friedlich ist- es wird nicht protestiert. Geht ein Bürger auf die Straße, so muss er damit rechnen, dass der andere seine bisherige Strategie (nicht protestieren) beibehält. Er muss also mit Verlusten rechnen. Da wir von wenigstens ein bisschen egoistischen Spielern ausgegangen sind, die keine verlustbehafteten Strategien möchten, bleibt es also für alle in dem suboptimalen, aber stabilen Equilibrium.

Es gibt eine weitere Auflösung des Dilemnas: wir verwerfen die Annahme, dass Bürger Einzelspieler sind und stellen anstelle dessen eine Kosten-Nutzenrechnung für das Team „Volk“ auf. Dann sieht die gewinnbringendste Strategie in jedem Fall so aus, dass gegen Missstände protestiert werden muss. Wie wahrscheinlich das ist, sei zur Diskussion dahingestellt…