Im Schafspelz

A nation of sheep will have a government of wolves. – Edward R. Murrow

Wir leben in einer globalisierten Welt des Informationsüberflusses.
Die meisten Menschen haben irgendwie verstanden dass Medien, die diese Informationen selektiv aufbereiten und ein sorgfältig entworfenes Weltbild vermitteln, in einer solchen Welt besonders viel Macht ausüben.
Da uns die Macht der Medien bewusst geworden ist, denken wir oft, wir seien gegen deren Einfluss persönlich gewappnet.  Während wir Medien konsumieren um Informationen daraus zu beziehen, hoffen wir gleichzeitig, das so bewusst zu tun, dass wir dabei nicht manipuliert werden. Wir halten uns für intelligente Schafe. Doch was, wenn die Wölfe noch viel gerissener sind als wir uns vorstellen können?

Ich zweifle daran, dass man Medien frei von manipulativen Einflüssen finden kann. Die PR-Politik von Firmen ist vielschichtiger geworden. Firmen engagieren Berater die „global intelligence“ Firma Stratfor, um sich gegen ihre „Feinde“ wie zum Beispiel (natürlich ebenfalls ideologiegeprägte) NGOs zu wappnen. Beratungsdokumente dieser Firmen lesen sich wie Kriegsstrategien – von „guerillas“ und „battles waged against multinational companies“ ist dort die Rede.

Stratfor ist indirekt aus der PR Firma Pagan International hervorgegangen. Pagan International erregte internationale Aufmerksamkeit durch die Beratung von Nestlé, die zur Überwindung des Milchpulverboykotts in dritte Welt Ländern führte. In den 70er Jahren machten zahlreiche NGOs und kirchliche Organisationen auf gesundheitsschädliche Auswirkungen von Nestlé Milchpulver in afrikanischen Ländern aufmerksam. Babys, die anstelle von Muttermilch das intensiv beworbene Nestlé Milchpulver tranken, erkrankten oft aufgrund von Nährstoffunterversorgungen oder verseuchtem Trinkwasser.

Die Strategie die Pagan Nestlé gegen den Boykott empfahl, war bahnbrechend für das Gebiet der internationale Firmen-PR und wurde im Journal of Business Strategy publiziert. Kurz gefasst bestand die Lösung in der Gründung einer „unabhänigen“ Institution, dem Nestle Coordination Center for Nutrition, Inc. (NCCN). Diese Organisation engagierte Fachleute, die die gesundheitsschädliche Wirkung des Milchpulvers öffentlich bestritten und gleichzeitig als unabhängig vom Konzern wahrgenommen wurden. Gleichzeitig wurden die NGOs und kirchlichen Organisationen gegeneinander aufgebracht, indem einzelnen Parteien religiöser Fanatismus vorgeworfen wurde.

In der Publikation von Rafael D. Pagan findet man zudem bereits 1980 die Prophezeiung, dass solche komplexen PR-Strategien für multinationale Konzerne von immer größerer Bedeutung sein werden:

More companies in the future will be called upon to answer for their actions on an international scale. For instance, the International Organization of Consumers Unions (IOCU) is planning a long-term strategy of developing support for national and international regulation.

IOCU is placing special emphasis on those areas where what it calls „inappropriate technology“ is being marketed or applied in the Third World, and where hazardous substances are involved.
Among the industries singled out by IOCU are agricultural chemicals and other pesticides, pharmaceuticals, fast and processed foods, alcoholic beverages, tobacco, nuclear power, and the arms industry.

These „consumer“ activists are in earnest and must be listened to.

Pagan Internationals letzte größere Kampagne trug den Namen Neptune Strategy und betraf den Konzern Shell Oil.
Pagan riet Shell, zur Bekämpfung des Boykotts im Zuge der Anti-Apartheid-Bewegung eine weitere (von Pagan subventionierte) Organisation namens COSA zu gründen. COSA rückte Shell in ein besseres Licht, indem die Bemühungen der Firma für ein „post-Apartheid“ Südafrika gepriesen wurden. Als die Neptune Stratetgy 1987 bei Wikileaks veröffentlicht wurde, ging Pagan International bankrupt, die Firmengründer gründeten die neue Firma Mongoven, Biscoe & Duchin, die später in Stratfor übergehen sollte.

Stratfor ist so zwar den in Ungnade gefallenen Namen Pagan losgeworden. Sonst hat sich nicht viel geändert.
Ende 2011 wurden weitere interne Strategie-Dokumente von Stratfor publik (Zusammenfassung: Teil 1 und Teil 2).
Ein interessantes Detail ist die Unterteilung von NGO-Aktivisten in die Kategorien „Radikale“, „Realisten“,  „Idealisten“, und „Opportunisten“. Radikale streben nach Systemveränderung und sollten marginalisiert und einzeln bekämpft werden. Realisten kann man davon überzeugen, dass eine wirkliche Veränderung nicht erreichbar ist, sie geben sich möglicherweise mit Gesten zufrieden. Idealisten können den Eindruck erhalten, dass sie Fakten falsch verstanden haben, sie gehen eventuell zu den Realisten über. Opportunisten möchten eigene Interessen erfüllt sehen. Nach dem Motto teile und herrsche werden für diese Kategorien (z.B. in dieser Präsentation) maßgeschneiderte PR-Strategien im Kampf gegen die Guerilla-Aktivisten empfohlen.

Die PR-Strategien von multinationalen Firmen sind ausgeklügelter, als es erscheinen mag. Wie die oben genannten Beispiele zeigen, werden nicht selten dritte Organisationen zur Verschleierung der wahren Ursprünge von PR-Maßnahmen gegründet. Internationale Medienwirksamkeit ist so wichtig geworden, dass Firmen-PR an Experten ausgelagert wird. In den meisten Fällen (d.h., wird nicht gerade etwas geleakt) sind wir Konsumenten-Schafe hierüber völlig unwissend.
Der Fairness halber wünsche ich auch den gegnerischen Lagern – NGOs und politischen Organisationen – ähnlich gewiefte PR-Berater.

Allgemein bleibt jedoch die Frage, ob Endverbrauchern überhaupt noch eine Chance bleibt, sich in dem PR-Dschungel zurechtzufinden. Wir wissen nicht nur, was echt und was Werbung ist, sondern auch nicht, wer diese Werbung zu welchem Zweck bezahlt. Mediale Transparenz sieht anders aus.