Modern Times

…a practical device which automatically feeds your men while at work. Don’t stop for lunch. Be ahead of your competitor…the feeding machine will eliminate the lunch hour, increase your production, and decrease your overhead.

Mit diesen Worten wird in Charlie Chaplins Satirefilm Modern Times Werbung für eine Maschine gemacht, die die Produktivität der Arbeiter steigern soll. Ein Zeitgeist der Hektik und des Leistungsdrucks war Chaplin schon 1936 bewusst. Chaplin, und sicherlich auch einigen seiner Zeitgenossen war bewusst, dass der Traum der Automatisierung, die den Menschen Arbeit abnimmt und ihnen mehr Freizeit und einen komfortableren Lebensstandard beschafft, sich zu einem stressigen Albtraum stumpfsinniger Fließbandarbeit und harter Konkurrenz entwickelt hatte. Der Begriff Burnout ist seit den 1960ern in aller Munde; modernere Statistiken deuten auf immer mehr von dem Erschöpfungssyndrom betroffene Menschen hin.

Burnout statt Fortschritt?

In einer technischen Vorlesung, in der es um Automatisierung ging, erzählte der Dozent von einem südländischen Bauarbeiter, den er beobachtet hatte. Dieser stand neben einer Betonrührmaschine im Schatten und rauchte eine Zigarette- man merkte ihm an, dass er genoss, dass diese Maschine die Arbeit für ihn erledigte, und in der Zeit, als die Maschine lief, ruhte er.
Ein typischer Büroarbeitstag sieht nicht so aus. Ich selbst werde beispielweise ungeduldig, wenn mein Computer für mehr als 30 Sekunden einen Ladebalken anzeigt, versuche in der Zwischenzeit etwas anderes zu erledigen oder lese schnell auf meinem Smartphone die Mails, die ich in den letzten 10 Minuten bekommen habe. Im Zug und in der Straßenbahn sieht man immer weniger Menschen, die einfach nur aus dem Fenster schauen: die meisten surfen auf ihren mobilen Geräten oder hören Musik. Neulich wurde ich auf einen teuer gekleideten Mann mit Aktentasche aufmerksam, der gleichzeitig ein geschäftliches Telefonat führte und in einem Taschenbuch mit dem Titel „Stressfrei leben“ las.

Der Mythos von der Automatisierung, die uns Arbeit abnimmt, scheitert meist daran, dass wir diese Automatisierung sofort als selbstverständlich annehmen, und die gewonnene Zeit mit mehr Arbeit füllen. Das mag daran liegen, dass wir psychologisch Sklaven eines unglaublich schnellen Lebensrythmus geworden sind, oder auch daran, dass der Wettbewerb und unser soziales Umfeld uns dazu zwingen.
War das ursprüngliche Ziel des Fortschritts- weniger Arbeit- aufgrund der menschlichen Psyche schon immer utopisch? Wir scheinen Fortschritt zum Selbstzweck zu betreiben, und dessen Früchte nicht oder nur wenig zu genießen (geschweige denn, die Früchte gleichmäßig zu verteilen).

Aus der Sicht des Einzelnen ist es durchaus verständlich, eine gute Karriere erreichen zu wollen, finanziell abgesichert zu sein und sich von hart erarbeitetem Geld ein bisschen Luxus und vielleicht auch ein paar Statussymbole leisten zu können.
Gesellschaftlich betrachtet ist es nicht ganz so klar: Warum fallen in einer so automatisierten und fortschrittlichen Zeit in Deutschland noch immer Menschen durchs Raster, die als Arbeitslose an der Armutsgrenze leben oder gar obdachlos sind? Warum können wir uns scheinbar immer noch nicht leisten, jedem Einzelnen einen angenehmen, wenn auch nicht luxuriösen Lebensstandard zu garantieren?

Lösungsvorschlag: bedingungsloses Grundeinkommen

Der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens liegt seit einiger Zeit auf dem Tisch. Ich habe mir einige Argumentationen hierzu durchgelesen, die meist von der politisch linken Seite kamen, und bin zu dem Schluss gekommen, dass die größten Gegenargumente entkräftet sind:

  1. „Es gibt dann keinen Anreiz mehr zu arbeiten“… Das Grundeinkommen würde nicht luxuriös ausfallen und lediglich die Grundbedürfnisse abdecken (fairer und besser als Hartz IV). Hat man nur das Grundeinkommen zur Verfügung und viel freie Zeit, so möchte man sich in dieser Zeit auch etwas kaufen können. Es lohnt sich also, für ein besseres Gehalt arbeiten zu gehen, gleichzeitig wird die allgemeine Kaufkraft der Büger gesteigert.
  2. „Es ist nicht finanzierbar„… Dieses Argument wird oft und gerne gegen Vorschläge angewendet, die sich auf eine sozialere Politik beziehen. Ignoriert wird dabei, dass eine bessere Finanzlage der Allgemeinheit den Staat an vielen anderen Stellen entlasten würde: z.B. durch weniger Hartz-bezogene Bürokratie, durch Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten, und durch eine erhöhte Geburtenrate durch die Stärkung der Familien

Leseempfehlung: Götz Werner

Obwohl das bedingungslose Grundeinkommen sogar parteiübergreifend von vielen befürwortet wird, mache ich oft die Erfahrung, dass es als linkes idealistisches Geschwätz abgetan wird.
Ich war also erfreut, über einen sehr wirtschaftsaffinen Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens zu erfahren, von dem ich bislang nicht gehört hatte: Götz Werner. Als Gründer der dm-Drogeriemarktkette und Aufsichtsratsmitglied der GLS Gemeinschaftsbank kann man ihn sicherlich als kompetenten Ökonomen bezeichnen. Was der Mann auf seiner Homepage und in Interviews sagt, klingt keineswegs links, sondern ökonomisch pragmatisch.
Lest mal rein und bildet euch eine Meinung. Ich jedenfalls hoffe, dass die Debatte über das Grundeinkommen wieder belebt wird und möglichst ideologiefrei weitergeführt wird.

Frage: Als Außenminister Guido Westerwelle im Februar in einem viel zitierten Artikel davor warnte, „dem Volk anstrengungslosen Wohlstand zu versprechen“ – fühlten Sie sich da von ihm angesprochen?
Werner: Das sind Verallgemeinerungen, die der Realität nicht gerecht werden. Beim bedingungslosen Grundeinkommen geht es nicht um anstrengungslosen Wohlstand, sondern um die Sicherung einer bescheidenen, aber menschenwürdigen Existenz. Anstrengungslosen Wohlstand erlebt man im Jetset, das hat mit bedingungslosem Grundeinkommen gar nichts zu tun. Wer ein Grundeinkommen hat, der kann zeigen, was in ihm steckt, denn er muss sich nicht an einen unbefristeten Arbeitsvertrag festklammern, er kann Risiken eingehen.

(aus dem Interview)

„In dem Maße, wie die Arbeit als Produktionsfaktor ersetzt wird, muss sie auch als Einkommensfaktor ersetzt werden, wenn nicht die Verarmung der arbeitslosen Einkommenslosen die Folge sein soll. Durch ein Grundeinkommen können die Menschen nicht nur die verbleibende „alte Arbeit“ selbstbestimmt unter sich aufteilen. Auch und gerade die „Neue Arbeit“, die Kulturarbeit im weitesten Sinne (von der Familien- und Erziehungsarbeit, Bildung, Wissenschaft, Forschung, bis zur Medizin, der Pflege und den Künsten) können sie auf der Basis des Grundeinkommens ergreifen (auch trotz der heute noch chronischen Mittelknappheit in all diesen Bereichen).“

(von der Homepage)