Wir haben es satt

An alle Berliner:

Nächste Woche findet in Berlin wieder die Wir haben es satt-Demo statt. Dabei geht es diesmal nicht nur um allgemeine Kritik an der rein gewinnorientierten, rücksichtlosen Nahrungsmittelindustrie: es werden demnächst ganz konkret EU-Beschlüsse für die Agrarpolitik bis 2020 gefällt. Es gilt also, vorher ein Zeichen für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit zu setzen. Geht hin, wenn ihr das gutheißt!

An alle anderen:

Viel effektiver als eine jährliche Demonstration ist meiner Ansicht nach immer noch unser Konsumverhalten und die Tatsache, dass wir darüber nachdenken, was auf unserem Teller landet, und dass wir uns beim nächsten Einkauf dann hoffentlich nachhaltiger entscheiden.

Wenn ich meine Meinung zu McDonalds, Billigfleisch und Discountern äußere, bekomme ich immer noch oft Dinge wie „Hast du etwa Mitleid mit den armen Tieren?“ zu hören. Ich habe in der Tat Mitleid (es ist nicht so, dass ich besonders tierlieb wäre- bei der Fleischproduktion existiert eine so horrende Grausamkeit, dass man eigentlich nicht wissend und mitleidsfrei zugleich sein kann!)- aber das ist für mich nur ein untergeordneter Aspekt. Ich ernähre mich nicht vegetarisch und habe mit dem Wissen, dass für mein Steak eine Kuh gestorben ist, auch kein Problem (schon eher damit, wie sie gestorben ist…).

Wer kritischen Konsum mit Vegetarismus gleichsetzt, und  Vegetarismus damit gleichsetzt, „übertrieben“ tierlieb zu sein, hat nicht weit genug gedacht. Es gibt wesentlich mehr (egoistische, pragmatische) Gründe gegen eine Lebensmittelindustrie, die schnelle, billige und profitable Produktion von Nahrung zum einzigen Ziel auserkoren hat! Jeder einzelne ist es meiner Meinung nach wert, auf die Straße zu gehen.
Um nur ein paar genannt zu haben:

  • Wir (in der privilegierten ersten Welt) können unseren Ernährungsstandard für eine längere Zeit aufrechterhalten. Und damit meine ich nicht Billigfleisch zu unschlagbar günstigen Preisen! sondern vielmehr genug, abwechslungsreich, und in Maßen Nahrung essen zu können, auf deren Qualität wir uns verlassen können.
    Ich habe den Eindruck, dass sogar in Deutschland dieses Privileg immer weniger Menschen zuteil wird. Nachhaltig produzierende Bauern werden durch die aggressive Preisdrückungsstrategie der Lebensmitteldiscounter vom Markt verdrängt- und sind immer seltener vorzufinden, selbst für Menschen, die bereit und fähig sind, wesentlich mehr Geld für Bio-Essen auszugeben.
  • Dank fortgeschrittener Technologie wäre es möglich, auf nachhaltige Weise mehr Nahrung zu produzieren als zuvor, und diese gerechter zu verteilen. Das geschieht jedoch ganz vorsätzlich nicht!
    In Asien wird Soja in Massen angebaut, die wir uns vor einiger Zeit nicht hätten träumen lassen. Dieser Soja wird dann allerdings nicht etwa dazu verwendet, hungerleidenden Menschen den Magen zu füllen, sondern einmal um den Globus transportiert, um an Tiere verfüttert zu werden und als billiges Hackfleisch auf unseren Tellern zu landen. Die Teile des Tiers, die wir Reichen nicht ganz so gerne essen, werden entweder in Afrika Menschen aufgezwungen- äh-verkauft…oder weggeworfen. Insgesamt eine riesige, ungerechte Energieverschwendung, die zwar profitabel, aber nicht nachhaltig ist.
  • Wir können die gesundheitlichen Folgen von Gentechnik, Pestiziden und medikamentengetriebener Massentierhaltung nicht abschätzen. Allergien und medikamentenresistente Krankheitserreger nehmen zu, und der kausale Zusammenhang zu unserer Ernährung scheint zu existieren, wie genau, ist jedoch unklar. Wer vorsichtiger essen möchte, wird außerdem nicht hinreichend informiert:
    Wer kann schon die Inhaltsangaben, die auf Lebensmitteln in Schriftgröße 5 abgedruckt sind, entziffern? Und kann Max Mustermann dann aus ein paar kryptischen chemischen Bezeichnern schlussfolgern, ob das Nahrungsmittel gut für ihn ist?
    Warum werden wir nicht darüber aufgeklärt, wo und wie unser Essen produziert wurde? Erst dann könnten wir uns als Verbraucher wirklich frei entscheiden.
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Zum schottischen Referendum

Meinen ersten Abend eines längeren Aufenthaltes in Schottland verbrachte ich im Pub mit Kollegen. Durch einen halben Pint Ale hatte ich den Mut gewonnen, mich in das Gespräch einzumischen, und so müssen mir die Worte „You English people…“ herausgerutscht sein. Die Reaktion war keine freundliche. Seitdem weiß ich: die Schotten haben ihren eigenen Stolz.

Nicht ohne Grund gab es lange und blutige Kämpfe (angeführt von schottischem Adel, und auch Proletariat) gegen die englische Herrschaft, die noch heute in Geschichten und Heldensagen weiterleben. Kulturell gibt es einiges, das sie von dem Rest des Vereinigten Königreiches abtrennt: ein anderer Akzent, ein viel beharrlicherer Alkoholkonsum, ja sogar unterschiedliche Pfundnoten (auf denen unter anderem schottische Freiheitskämpfer abgebildet sind).
Dieser schottische „National-„stolz ist mehr ein nostalgisches Überbleibsel, er beschränkt sich nicht nur auf historische Ereignisse.
Junge Menschen fiebern bei eigentlich allen Sportereignissen für das schottische und gegen das englische Team und schwören auf schottische Biere, Musik, sogar auf das Wetter.

Insbesondere ist ein Unterschied in der politischen Einstellung feststellbar. Mein Eindruck war, dass Schotten zwar selten demonstrieren gehen, und von blutigen Racheaktionen im Namen eines Clans schon vor 300 Jahren abgesehen haben- sie sind (wenigstens in ehemaligen Industriestädten wie Glasgow) insgesamt jedoch viel weniger obrigkeitshörig und für die Interessen der „kleinen Leute“.
Die meisten sind nicht für eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich- doch sie sind auch nicht der Meinung, dass das Königreich das Größte ist: die meisten akzeptieren das Königshaus, befürworten es jedoch nicht aktiv- ganz anders als im Süden Englands.

Als David Cameron in der Euro-Krise den Euro-Ländern seine Unterstützung vorenthielt, wurde ich von meinen schottischen Freunden überrascht, die mir nahe legten, dass sie nicht hinter Cameros Politik stünden, und (ich wusste nicht, wie reagieren) Merkel unterstützten. Mir wurde gesagt, ich solle aus der Politik Camerons keine Schlüsse über die Bürger ziehen, denn man schäme sich für den Premierminister.

Nun wird wieder einmal über ein Referendum zur schottischen Unabhängigkeit diskutiert. Es ist nicht die erste solche Diskussion- angesichts der Krise jedoch eine besonders interessante. Ich habe bereits jetzt, da die genauen Konditionen des Referendums unklar erscheinen, von Schotten Unmut über den starken Einfluss gehört, den Cameron zu nehmen scheint.
Dass sich Schottland dadurch abspaltet, erscheint unwahrscheinlich: die Nationale Partei macht dort stets stärkere und schwächere Phasen durch, war jedoch noch nie stark genug, um bei einer Volksabstimmung eine absolute Mehrheit zu erzielen. Höchstens wird das Ergebnis, wenn es denn knapp ausfällt, also ein Indiz sein, das die englischen Politiker nachdenklich stimmen sollte. Cameron will das Ergebnis des Referendums ausschließlich als „Beratung“ wahrnehmen. Es wird sich nicht viel ändern- außer vielleicht, dass sich die Schotten durch dieses Demokratiespektakel nochmals in ihrem Stolz getroffen fühlen.
Was haben beide Parteien davon? Die Londoner Torys können für die nächsten Jahre jede Diskussion über schottische Unabhängigkeit mit Verweis auf das Referendum abwinken. Die schottischen Nationalisten werden über die undemokratische, konservative Vorgehensweise herziehen und ein paar Sympathisanten gewinnen. No big deal.

Hilfe, es weihnachtet sehr

Was ich mir zu Weihnachten wünsche? Sicherlich bin ich nicht die Einzige, die diesen Satzes längst überdrüssig ist.
Leider gebe ich nie die Antwort, die mir auf diese Frage auf der Zunge brennt. Die würde nämlich lauten: Ich wünsche mir, mal ein Weihnachten keine Geschenke einkaufen zu müssen und keinen Schrott geschenkt zu bekommen! oder Ich habe materiell alles, was ich brauche- und was ich noch nicht habe, das kannst du dir ohnehin nicht leisten.
Leider mische ich mich auch dieses Jahr wieder unter die grimmigen Massen, die in den letzten Tagen vor Heiligabend durch Geschäfte rennen, auf der Suche nach einem originellen, persönlichen, von Herzen kommenden und zugleich günstigen Geschenk- um dann in letzter Minute ein fertig verpacktes Kosmetik-Set zu erstehen. (In Mode sind auch nicht-ganz-materielle Geschenke, wie Erlebnistage von Jochen Schweizer. Uns mangelt es nicht an Gegenständen, sondern an Erlebnissen.)
Leider sehe ich mir immer noch diese Nachrichtensendungen an, in denen über die Leistung des Einzelhandels in der Vorweihnachtszeit berichtet wird. Als gebe es keinen Hunger, keine Arbeits- und Chancenlosigkeit, keine Gewalt, keine Probleme außer der deutschen Konjunktur. Als sei ich persönlich für das Schicksal des Einzelhandels verantwortlich, als ginge die Welt unter, würden wir nicht (weihnachtlich gestimmt selbstverständlich) konsumieren, so viel wir uns erlauben können (oder auch nicht).
Leider glaube ich nicht mehr an das Christkind, sondern an die nüchterne Wahrheit, dass der Dezember jeden Jahres vor allem durch einen verschärften Konsumwahn, erhöhte Selbstmordraten, noch unglücklichere Gesichter in den Einkaufsstraßen und noch leerere Geldbeutel gekennzeichnet ist.

Auch werde ich auch nicht mehr an Nächstenliebe glauben, wenn ich lese, wie viele Obdachlose in diesem Jahr wieder erforen sind. Nicht einmal an zeitlich beschränkte, kausal direkt und ausschließlich mit dem Weihnachtsfest zusammenhängende Nächstenliebe…
Was das angeht, glaube ich ebenso wenig an „von Herzen kommende“ Geschenke:
Ich wollte zwei jüngeren Kindern (Leopardenfans) zu Weihnachten eine Tierpatenschaft schenken und recherchierte im Internet nach Möglichkeiten.
In einem Forum hatte jemand genau mein Problem gehabt. Perfekt! Er hatte nach einer guten Institution für solche Patenschaften gefragt, und als Antwort erhalten, er solle doch lieber eine Kinderpatenschaft kaufen, Menschen seien schließlich wichtiger als Tiere und es gebe so viele leidende Kinder.
Ich suchte daraufhin nach Möglichkeiten für Kinderpatenschaften. Diese würden ein etwas weniger hübsches Geschenk abgeben: von WWF bekommt man einen Plüschleoparden zugeschickt…  vom SOS Kinderdorf jedoch sicherlich kein Plüsch-Kind.  Die Internetseiten von Organisationen, die Kinderpatenschaften anbieten, sind sehr informativ: dort bekommt man auf den ersten Blick neben Slogans à la „Schenken Sie Ihren Lieben ein gutes Gewissen“ sofort Hinweise, wie man Patenschaften steuerlich als Spenden absetzen kann. Schenken, dabei etwas Gutes tun, und steuerlich profitieren. Dass ich mir diesen Luxus leisten kann! Den Luxus des Gutseins ganz ohne Schmerzen… ein Kind für eine nicht definierte Weile finanzieren, ohne Verpflichtungen und ohne ihm gegenüber stehen zu müssen, und sein Leid sehen zu müssen…
Ich kaufte keine Patenschaft. Stattdessen ging ich in einen Spielwarenladen und kaufte zwei Schneemänner aus Plüsch ein, die vermutlich von armen Kindern, die niemals eine sorgenfreie Kindheit mit Schneemännern hatten, in schneefernen Regionen dieser Welt zusammengenäht worden waren.

Ich bin nicht immer Weihnachtsmuffel gewesen! Das kindliche Konzept von Weihnachten (Gemütlichkeit und familiäre Geborgenheit) liebte ich- sobald man diesem jedoch, mehr oder weniger gezwungenermaßen, entrinnt (oder dieses nie erlebt hat), ist es vorbei.
In einer Welt, in der ethischer Konsum kaum möglich erscheint, und Weihnachten beinahe auf ein Konsumfest reduziert worden ist, kommt mir die Geschichte vom Jesuskind, das sich für die Menschheit geopfert hat, zunehmend wie eine Farce vor.

An Heiligabend werde ich, zusammen mit den anderen U-Boot-Christen, in der Christmette „auftauchen“ und Macht Hoch die Tür singen. Anschließend werde ich irgend ein antibiotikavollgepumptes und grausam geschlachtetes Geflügeltier essen und Menschen, die mir etwas bedeuten, Plüschtiere und Kosmetik-Sets bescheren…
Warum? Weil es die einzige Auszeit nach wochenlangem Arbeits- und Einkaufsstress ist. Weil Weihnachten, obgleich es wie die Satire einer einst glücklichen Tradition erscheint, eine der wenigen Gelegenheiten zum gemütlichen Beisammensein mit Familie bietet. Weil es sonst keine Möglichkeiten gibt, Menschen durch ein Geschenk zu zeigen, dass sie wenigstens so präsent sind, dass man sich verpflichtet fühlte, ihnen etwas zu schenken… und weil ich wirklich sehr gerne schokolierte Lebkuchen mag!

Frohes Fest!

Im Bildungszoo (Leseempfehlung)

Eine originelle Ideen hatten in dieser Woche russische Demonstranten – sie zeigten Plakate, die eine statistische Gegenüberstellung zeigten:
Die (angebliche) Verteilung der Wahlbeteiligungen in verschiedenen Lokalen (mit einem erstaunlich hohen Anteil hoher Beteiligungen) verglichen mit der erwarteten normalverteilten Gausskurve. Die russischen Demonstranten haben zweifelsohne Recht, was die Dubiosität des Wahlergebnisses angeht- und verwenden das statistische Argument einer gaussschen Normalverteilung korrekt.

Jedes Mal, dass mir etwas mit der berüchtigten Glockenkurve erklärt wird, werde ich dennoch leicht nervös. Das liegt einerseits daran, dass Statistik in der Mathematik nie zu meinen Stärken gehörte. Es gibt jedoch einen zweiten Grund: Glockenkurven werden vielerorts als Entschuldigung für „alternativlose“ unbeliebte Entscheidungen verwendet: von Dozenten beispielsweise, die sich so ihre Klausurnoten zurechtbiegen…
Oder, auf einer höheren Ebene, in unserer Bildungspolitik. Wenn das deutsche Bildungssystem einen klugen Jungen wie Gauss hervorbringen konnte, so scheint die Annahme zu lauten, dann kann man seine Erkenntnisse bei jedem noch so unpassenden Anlass zitieren. Etwa so, zum Thema Bildungsungleichheit: „Intelligenz ist nun einmal gaussverteilt, da muss es Unterschiede geben“.

Ich bin vor kurzen auf einen Artikel von Torsten Bultmann gestoßen, der auf den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Ungleichheit und Bildungsungleichheit (und einiges mehr) eingeht. Der Artikel ist sehr lesenswert (!!) und eine Goldgrube an Erkenntnissen – ich möchte hier nur kurz Ausschnitte zitieren, weil er meine Meinung in vielerlei Hinsicht so treffend auf den Punkt bringt:

„Merke: Wenn das Gleichgewicht zwischen wachsendem gesellschaftlichen Bildungsniveau und Begrenztheit privilegierter Arbeitsplätze erheblich gestört ist und wenn dadurch möglicherweise noch ein zusätzlicher Demokratisierungs- und Legitimationsdruck im Hinblick auf gehobene soziale Positionen entsteht, ändert sich im Regelfall die politische Gefechtslage: das Chancengleichheitsmotiv wird als bidungspolitischer Impuls abgewertet, statt dessen heißt es nun „Mut zur Erziehung!“ (1978), „Mehr Elitenförderung!“, „Mehr Wettbewerb!“.“

„Die anti-pädagogische Fragestellung, wieviel an Bildungsinvestition sich in welchen Menschentyp „lohne“, beschreibt eine – meines Erachtens in dieser Intensität neuartige – Synthese aus betriebswirtschaftlichem Rentabilitätskalkül und erbbiologischen Aftertheorien über „natürliche“ Ungleichheit (s.u.). Gegenwärtig sind etwa alle Bildungseinrichtungen, Schulen und Hochschulen, einem gigantischen Kostensenkungsdruck bei wachsender gesellschaftlicher Beanspruchung ausgesetzt. Der dadurch begünstige Übergang von traditionellen (Selbst-)Verwaltungsstrukturen zu betriebswirtschaftlich ausgerichteten sog. „neuen Steuerungsmodellen“ (Bultmann 1999) produziert strukturbedingt einen selektiven Blickwinkel auf die Bildungsobjekte.“

„Mit anderen Worten: Es ist mal wieder soweit. Immer wenn neue einschneidende Sparmaßnahmen an den staatlichen Bildungsetats ins Haus stehen, werden die verbliebenen Ansätze einer integrativen Bildungspolitik, die sich um eine bessere Bildung für alle bemüht, durch „Begabtenforschung“ und „Begabtenförderung“ verdrängt. (Ulmann 1991, 134). In solchen Zeiten wird (mal wieder) der Elitenbegriff „enttabuisiert“ (Forschung und Lehre 4/1997; DUZ 14/1998)2 und wendige Mainstream-PsychologInnen entwickeln Meßinstrumente, die eine frühzeitige Selektion unterschiedlicher Lebenschancen ermöglichen sollen. Nicht alle Menschen möglichst gut zu bilden, ist dann angesagt, „sondern diejenigen auszuwählen und zu fördern, bei denen ‚es lohnt'“ .“

Torsten Bultmann, Die Eliten und die Massen. Kritik eines bildungspolitischen Stereotyps.

No disconnect!

Karl-Theodor zu Guttenberg wird nun EU-Berater in Sachen Internet. Als ich diese Nachricht las, war meine erste Reaktion Erleichterung und ein wenig Erheiterung (wen nehmen die in der EU eigentlich nicht auf?).
Ich war erleichtert, da Brüssel von meinem Zuhause weiter entfernt ist als Berlin, und auch die Möglichkeit einer neuen rechten Partei unter Guttenberg wird, wenn nicht eliminiert, so doch wenigstens auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Außerdem besteht Angesichts der Eurokrise die Moeglichkeit, dass der Gute seinen Job bald wieder verliert… In der EU, neben Oettinger und Stoiber- da kann der Freiherr nicht mehr viel Übel anrichten. Oder?

Guttenberg, so Vizepräsidentin Neelie Kroes, wurde aufgrund seines „Talents“ und seiner „internationalen Weitsicht“ für den Job ausgewählt. Dass ich persoenlich seine Talente (abgesehen von dem Einsatz von Suchmaschinen) anzweifle, sei hier außen vor gelassen. Ich würde sogar anzweifeln, dass Frau Kroes Guttenberg tatsächlich wegen seiner Qualifikation auserkoren hat. Guttenberg mag für Aussenpolitik berühmt und berüchtigt sein, er hat jedoch sicherlich keinen Expertenruf, was digitale Medien angeht. Warum also ausgerechnet er?

Die erste Erklärung: B-Vitamine. Nicht unwahrscheinlich, und es wäre nichts Neues- auch wenn ich spontan keine Belege oder transparente Hinweise auf die Beziehungen finden kann, die eine Rolle gespielt haben koennten.

Die zweite Erklärung also: Guttenberg ist Repräsentant der angestrebten Internetpolitik. Hier lohnt es sich, einen genaueren Blick auf jene EU-Agenda zu werfen, welcher Guttenberg beratend beihelfen soll. Sie trägt den klangvollen Namen No disconnect. Was genau das heissen soll? Ich habe nicht den blassesten Schimmer.

„Diese (Guttenbergs) Ernennung ist Schlüsselelement einer neuen „No disconnect“-Strategie, mit der sich die EU weiterhin dafür einsetzen wird, dass die Menschenrechte und Grundfreiheiten sowohl online als auch offline gewahrt werden und das Internet und andere Elemente der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) treibende Kräfte zugunsten politischer Freiheit, demokratischer Entwicklung und wirtschaftlichen Wachstums bleiben können.“

Menschenrechte und Grundfreiheiten- ein netter Anfang. Doch schon Punkt 1 der Agenda lässt stutzen:

  • Entwicklung und Bereitstellung technischer Instrumente, mit denen der Schutz der Privatsphäre und die Sicherheit von Menschen in nichtdemokratisch regierten Ländern bei der IKT-Nutzung erhöht wird.

Ist Deutschland eigentlich ein „nichtdemokratisch regiertes Land“ im Sinne dieser EU-Komission? Auch hier wären, angesichts der laufenden Debatten um (mittelmäßig gut programmierte) Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherungen, Maßnahmen zur Wahrung der Privatsphäre vonnöten.

Möglich, dass Guttenberg mit seiner Frisur auch seine Meinung zur Netzfreiheit in Deutschland verändert hat. Vor zwei Jahren jedenfalls äußerte sich der damalige Bundeswirtschaftsminister noch wie folgt:

„Das macht mich schon sehr betroffen, wenn pauschal der Eindruck entstehen sollte, dass es Menschen gibt, die sich gegen die Sperrung von kinderpornographischen Inhalten sträuben. Das ist nun wirklich eines der wichtigsten Vorhaben in vielerlei Hinsicht.“

Freifrau Stephanie zu Guttenberg setzt sich sein Jahren, im Namen des Kampfes gegen Kinderpornographie, für Netzsperren und Zensur ein.

Werfen wir einen Blick auf Punkt 3 von „No disconnect“, (aka „Überwachung von Überwachungen“:

  • Sammlung hochwertiger Informationen über das Geschehen „vor Ort“, um die Intensität der Überwachung und Zensur zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu beobachten.

Da bleibt zu hoffen, dass die so kompetent besetzte EU-Kommission die richtigen moralischen Massstäbe findet, um gute Überwachung im Sinne der no disconnect-Strategie von böser Überwachung zu trennen! Frau Kroes äußerte sich hierzu mit dem sehr informativen Statement „Menschenrechte sind elementar für alles, was wir in der EU machen“. Aha. Ist der Tenor möglicherweise das Albekannte „Wir sind demokratisch, hinterfragen uns selbst nicht und müssen den anderen beibringen, was Menschenrechte bedeuten?“ … Nein, das wäre sicherlich eine Unterstellung.

Abschliessend sehe ich zwei Möglichkeiten, wie sich Guttenberg als EU-Berater entwickeln könnte:

  1. Er versackt in der EU, wie viele Politiker vor ihm. Das Projekt erzielt mittelmäßige Erfolge und wird bald vergessen. Guttenberg kehrt nicht in die deutsche Politik zurück.
  2. Guttenberg treibt in der EU-Kommission eine Politik der Netzzensur im Namen der Menschenrechte (wie gerne diese missbraucht werden!) voran. Anschließend werden uns in der deutschen Politik Zensurmaßnahmen als unabdinglich verkauft, da sie EU-Richtline sind… Guttenberg wäscht durch seine diplomatische Tätigkeit seinen Namen rein, um dann doch nach Deutschland zurückzukehren. Ich wandere aus.

Protest ist nicht gleich Protest

Wenn ihr euch politisch kritisch bilden wollt, dann kauft euch doch einen Spiegel oder einen Focus.

Das bekam ich vor einigen Jahren von meiner Oberstufenlehrerin empfohlen. Getreu ihrem Ratschlag, wenn auch eher durch Zufall als Absicht, habe ich mir also heute den Internetauftritt des Focus angesehen.

Hier nur eine kurze Kostprobe, wie  unabhängig die Berichterstattung ist. Man achte insbesondere darauf, wer in den Artikeln zur Rede kommt, und wem zugunsten das Vokabular gewählt ist.

Zu den nur mäßig demokratischen russischen Wahlen berichtet das Magazin:

„Die Polizei geht brutal gegen die Demonstranten in Russland vor und knüppelt die Protestler nieder. […] Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte und die Zensur in den staatlichen Medien hielten die Oppositionellen nicht von neuen Protestaufrufen ab.“

Zu der Occupy Wallstreet Bewegung fällt den Focus Reportern hingegen folgendes ein:

Damit hatte niemand gerechnet: Mit Protestrufen und Pfiffen störten Anhänger der Occupy-Bewegung einen Vortrag von Deutsche-Bank-Chef Ackermann. Doch der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. […] Ackermann bat die teils mit Masken verkleideten Demonstranten sogar aufs Podium und forderte sie auf, Fragen zu stellen. „Wir führen eine Diskussion, kommt hierher.“ Er lehnte es jedoch ab, ihnen Raum für eine vorbereitete Erklärung zu geben. „Etwas hinter einer Maske vorzulesen, finde ich feige.““

(meine fette Hervorhebung)

 

Brot und Spiele

Für Fußballmuffel wie mich war es eine angenehme, ruhige Zeit, die bald endet: 2012 finden die Europameisterschaften im Herrenfußball statt, und es scheint bereits jetzt Zeit zu sein, vermehrt über dieses Ereignis, das inzwischen weit mehr als nur ein sportlicher Wettbewerb ist, zu berichten. Fußball ist in Europa ein wesentlicher Bestandteil der Populärkultur- und hat sogar (zum Glück) größtenteils seinen Ruf verloren, ein „Proletensport“ zu sein.
Ich persönlich kann mich nicht für den Fußball begeistern, habe jedoch andere Leidenschaften und möchte daher keineswegs über seine Fans oder Sportler urteilen. Auch damit, dass (wenigstens an dem Papiervolumen gemessen) etwa 10% des Geldes, den ich für eine Tageszeitung zahle, in Sportreportagen investiert werden, habe ich mich abgefunden: das ist nun einmal deutsche Kultur.
Fußballmeisterschaften beginnen, mir auf den Nerv zu gehen, sobald die mediale Aufmerksamkeit, die ihnen gewidmet wird, nur zur Verdeckung anderer Probleme zu dienen scheint. Brot und Spiele- eine politische Strategie, die sich seit der Antike bewährt hat!

In Großbritannien wird derzeit über eine Studie diskutiert, der zufolge die GCSE-Abschlussprüfungen wesentlich schlechter ausfallen, wenn sie kurz vor oder nach einem wichtigen Fußballspiel stattfinden. Dass die Studie Recht hat, erscheint, wenn man jemals begeisterte Fußballfans beobachtet hat, wahrscheinlich. Auch, dass besonders Jungen aus weniger wohlhabenden Verhältnissen in der Prüfungsphase durch Fußballspiele abgelenkt werden, glaube ich. Allerdings – und a propos ablenken:
Ist das Problem hier tatsächlich der Fußball? Oder ist es vielmehr eine ungleich schlechtere Betreuung von Kindern, deren Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen? Sicherlich wäre es nachhaltig, in schulische Betreuung und ein gleichmäßigeres Bildungsniveau investieren? Die Reporter von Channel 4 News scheinen der Ansicht zu sein, dass man derartige Maßnahmen durch eine Verschiebung der Prüfungen (in eine fußballfreiere Zeit) ersetzen kann.

„They argue that this measure would be a lot less expensive than most of the policies that have been pursued, or which are advocated, to improve the exam performance of disadvantaged boys – such as the literacy hour in schools, or improving pupil-teacher ratios.“

Kurzum, das Problem der Ungleichheit in der Bildung wird auf den Fußball reduziert. Die Reporter lenken damit von tiefer liegenden Problemen ab, die einer besseren Lösung bedürften. Warum nur habe ich das Gefühl, dass die Fußballmeisterschaften als Vorwand missbraucht werden…?

Ich bin gespannt, wie gut die EM 2012 in Deutschland zur Ablenkung des Volkes fungieren wird.
Werden wir in der Zeit wieder ein paar Überwachungsgesetze untergejubelt bekommen? Wohin auch immer die Eurokrise sich bis dann entwickelt hat- meine Vermutung ist, dass angesichts des wichtigeren Fußballspektakels keine Diskussion über die Krise des Kapitalismus, in der wir stecken, stattfinden wird.
Sicherlich werden auch durch unpopuläre Maßnahmen in Verruf geratene Politiker uns wieder sympathisch sein, wenn sie sich im Stadion dabei filmen lassen, wie sie bei Spielen der deutschen Mannschaft mitfiebern. „Das sind welche von uns, die sind ganz bodenständig.“
Es wird wieder eine Debatte um Patriotismus in Deutschland geben. So kontrovers diese sein mag- Edeka wird wieder schwarz-rot-golden verpacktes Obst verkaufen, und meine Kommilitonen werden wieder in mit Deutschlandflaggen auf der Stirn im Hörsaal sitzen. Werden wir da über globale Herausforderungen nachdenken können, oder wird unsere Aufmerksamkeit vielmehr ganz von „unserer“ Nationalmannschaft eingenommen sein?

Es ist noch ein Weilchen hin bis zur EM 2012, und das werde ich genießen. Doch sogar die Verlosung der Vorrundengruppen ist eine Schlagzeile wert- bald geht das Theater los…