Der Mythos vom Tauschhandel (Buchempfehlung)

Ich lese gerade das Buch Debt: the first 5000 years von David Graeber. (Ich hatte es mir auf diese Rezension hin zu Weihnachten gewünscht, und bereue schon, es erst jetzt zu lesen). Während es mir noch schwer fällt, Graeber politisch einzuordnen (der Anthropologe bezeichnet sich selbst als Anarchisten und ist in der Occupy-Bewegung aktiv), schafft es Debt auf den ersten Seiten, für mich völlig neue Aspekte zum Ursprung von Geld, Märkten und Schulden aufzudecken.

Es geht (im ersten Kapitel des Buches) um den Mythos vom Tauschhandel, eingeführt vom schottischen Ökonomen Adam Smith, der seither wegweisend für die Wirtschafts- und Finanztheorie ist. Die Idee, dass zunächst Geld, und später dann ein komplexeres Kreditsystem, aus dem Tauschhandel hervorgegangen seine, erscheint intuitiv logisch. Die traditionelle Tauschhandels-Argumentation liest sich (mit meinen Worten wiedergegeben) etwa so:

Man stelle sich ein Dorf vor, in dem es bereits eine Arbeitsteilung (also einen Metzger, einen Schreiner etc.) gibt, aber noch kein Geld. In diesem Dorf wird Tauschhandel betrieben: wenn Bäcker Fred neue Schuhe erwerben möchte, dann geht er mit drei Laib Brot zum Schuster Hans und bietet ihm einen Tausch an. Wenn Hans zufällig gerade Brot gebrauchen kann, sind beide Parteien zufrieden- doch was ist, wenn Hans genug Brot hat, aber Käse braucht?
Also haben sich schlaue Menschen irgendwann ein Geldsystem ausgedacht: Einheiten kostbarer Metalle (Geldmünzen) vereinfachen den Tauschhandel und stellen sicher, dass es einen Gegenstand gibt, an dem jeder interessiert ist: Geld.
Geld und Währungen sind somit eine logische Schlussfolgerung aus effizienterer Arbeitsteilung. Irgendwann war es praktisch, Geld auch verleihen zu können- und damit der Gläubiger einen Anreiz dazu hat, entwickelten sich so Kredite, Zinsen und Schulden.

Insgesamt ist der freie Markt und das Geldsystem, wie wir es heute kennen, also eine Ausprägung der menschlichen Natur, Dinge zu tauschen und zu handeln. Der Staat hat hiermit direkt nichts zu tun und sollte die freien Märkte (als eine natürliche Handelsform, die zum größtmöglichen Fortschritt führt) nicht einschränken, sondern fördern.

Graeber widerspricht dieser Argumentation entschlossen und weist darauf hin, dass diese Annahme, unser heutiges Finanzsystem sei nur aus dem Tauschhandel erwachsen, historisch nicht belegbar ist. Eine Gesellschaft, die ähnlich zu unserer aufgebaut ist (in dem Sinne, dass es eine Arbeitsteilung und  europäisch-mittelalterlich strukturierte Dorfgemeinschaften gibt), der das Prinzip von Geld noch völlig fremd ist, und die es neu entwickelt, habe es nie gegeben.
Graeber beleuchtet in seinem Buch vielmehr, dass Geld aus einem bereits existierenden System von Schulden erwachsen sei: Geld sei kein Mittel zur Vereinfachung von Tauschhandel, sondern eine abstrakte Maßeinheit für Schulden. Und die Vorstellung, dass ein Mensch einem anderen etwas Schulden kann, und dass Schulden sogar übertragbar sind, ist so alt wie menschliche Zivilisation selbst. Es werden Beispiele aus dem indischen Brahmanentum genannt, in denen bereits ein ausgeprägtes Kreditsystem existierte- gestützt durch das religiöse Dogma, der Mensch werde mit einer Schuld gegenüber dem Göttlichen geboren, die er erst mit seinem Tod abbezahlen kann.

Wo aber kommen dann Währungen her? Graeber argumentiert, dass Währungen und Marktwirtschaften historisch immer von oben herab eingeführt wurden: durch den Staat.

Staaten haben angefangen, Steuern einzutreiben, um davon beispielsweise Armeen zu finanzieren. Zunächst wurde hierzu einfach Zahlung in Form von landwirtschaftlichen Produkten o.Ä. eingefordert. Da sich hiermit jedoch schlecht kalkulieren lässt, und sich die Bürger nicht sicher sein konnten, welche Form von Steuern akzeptiert werden würde, musste eine messbare Einheit her. Man hat Geld gedruckt (oder geprägt). Der Wert des Geldes wurde also nicht durch einen hohen Goldwert garantiert (wie heute oft argumentiert wird), sondern druch das Versprechen, dass man mittels Geld Steuern zahlen, also Schulden gegenüber dem Staat abgleichen kann.
Der freie Markt, der entstand, sobald mit einer verlässlichen abstrakten Währung gehandelt werden konnte, ist eine absichtliche Erfindung des Staates.

Tauschhandelsgesellschaften gab es historisch- jedoch nur in Zeiten, zu denen Geld bereits „erfunden“ und in dem Denken der Menschen integriert war: in Gefängislagern, Nachkriegszeiten, und in einem eingeschränkten Maße informal noch in der heutigen modernen Gesellschaft. Der Tauschhandel funktioniert anders als ein festes Währungssystem so, dass es Sphären von Gütern gibt, innerhalb deren getauscht werden kann: man kann eine Kuh gegen zwei Schweine tauschen, nicht jedoch einen Laib Brot gegen eine Goldkette, da die Goldkette sich in einer ganz anderen „Wertesphäre“ befinden würde. Tauschhandel ist nicht logische Grundlage für den freien Markt gewesen, er kann unabhängig von ihm oder gar parallel zu ihm existieren.

Gegenübergestellt werden kurzum diese „Entwicklungsreihenfolgen“ unseres Finanzsystems: Nach Adam Smith und Co:

  1. Primitive Bauerngesellschaft
  2. Primitive Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Tauschhandel (freier Markt)
  3. Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Geld als Tauschmittel (freier Markt)
  4. Moderne kapitalistische Gesellschaft mit Börsen, Krediten und freiem Markt

Nach Graeber und seinen zitierten Anthropologen:

  1. Primitive Gesellschaft, die aber nichtsdestotrotz ein System von „A schuldet B etwas“ hat. Die Sicherheit, dass Schulden abbezahlt werden, wird meist durch Religiosität gewährleistet.
  2. Herausbildung von Staaten
  3. Staaten führen von oben herab Währungen und Märkte ein, um ihre Authorität sicherzustellen und Steuern einzutreiben.

Wir wissen heute nicht mehr genau, wie sich unser Finanzsystem entwickelt hat. Mir erscheint Graebers Erklärungsansatz ebenso gut wie der traditionelle. Doch wozu die Gedankenexperimente? Der Punkt ist, dass man aus den beiden Erklärungen ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen muss, was das Zusammenspiel von Staat und Markt angeht.
Mit Smith mag man argumentieren, dass freie Märkte eine stärkere treibende Kraft für den Fortschritt sind, als es Staaten jemals sein können, und dass sie sich ferner natürlich entwickelt haben und damit inhärent „gut“ sind. Glaubt man hingegen Graeber, so gibt es historische Indizien, dass eine Trennung von staatlicher Gewalt und dem Markt nicht gewollt oder jedenfalls noch nie üblich war. Man zweifelt viel eher an, dass wirtschaftliche Freiheit ein natürlicherweise erstrebenswertes Ziel sei.
Ich finde, dass diese Debatte gerade jetzt geführt werden müsste. Weshalb ist Graebers Buch der einzige Vorstoß in diese Richtung, von dem ich gehört habe? Selbst wenn Graeber Humbug schreibt, zeigt das Buch für mich, dass man durchaus sinnvolle Standpunkte vertreten kann, die der vorherrschenden Meinung über den natürlich entstandenen Markt widersprechen.

Abschließend ein Ausflug in die Geschichte Madagaskars (ich verlasse mich auf die Informationen des Autors): Während der französischen Kolonialzeit wurde die Währung Franc auf der Insel eingeführt, um die Einwohner kulturell zu assimilieren. Steuern („impôts moralisateur“- erzieherische Steuern) mussten in dieser Währung an die Franzosen gezahlt werden, Gehälter wurden in der neuen Währung gezahlt. Die Kolonialherren bauten auch Geschäfte, in denen neuartige Konsumgüter wie Kosmetika und Mode angeboten wurden. Dennoch beschreibt Graeber, wie sich die Einwohner Madagaskars anfangs gegen diese Währung wehrten: sie gaben ihr Geld nicht in den verlockenden neuen Geschäften aus, sondern kauften davon Vieh, das sie ihren alten Göttern opferten. Könnte es sein, dass dieser Gesellschaft von oben herab ein freier Markt aufgezwungen wurde, obgleich die Bürger es aktiv nicht wollten?
Madagaskar zahlt wegen der für beide Seiten sehr blutigen Aufstände in den 50ern bis heute Reparationskosten an Frankreich. Der Staatshaushalt leidet darunter so sehr, dass bei der letzten Malariawelle nicht genügend Impfstoff bezahlt werden konnte…

Die Piraten und Demokratie: empfehlenswerte Rede von Christpher Lauer

Ich habe die Erfolge der Piratenpartei stets mit gemischten Gefühlen betrachtet: Sie vertreten hinsichtlich Technologie und Internet Standpunkte, die ich voll und ganz teil- auf der anderen Seite werfe ich ihnen (unter anderem, weil sie ausschließlich aus einer Internetbewegung hervorgegangen sind) vor, andere wichtige Themen wie Umweltschutz, Bildungs- und Sozialpolitik u.s.w. zu vernachlässigen.

Eine Rede von Christopher Lauer (eine Mitschrift findet ihr hier) im Berliner Abgeordnetenhaus zeigt jedoch, dass die Piraten für mehr stehen als Informationsfreiheit. Lauer kritisiert in der Rede Wowereits neueste Regierungserklärung in einer Form, die ganz grundsätzliche Fragen zu dem demokratischen Prozess aufwirft und sehr interessante Aspekte beleuchtet. Beispielsweise wird darauf hingewiesen, wie Demokratie, Transparenz, und auch das Vertrauen der Wählerschaft geschädigt werden, wenn Politiker ausschließlich im Interesse ihrer Partei handeln und die Gesetzesentwürfe nicht mehr selbst schreiben, sondern von Referenten erstellen lassen.

Im Wahlkampf hatten wir ein Plakat „Warum häng ich hier eigentlich, ihr geht doch eh nicht wählen?“ Analog dazu könnte man über dieses Rednerpult eins mit der Inschrift „Warum rede ich hier eigentlich, ich weiß doch eh, wie ihr abstimmt“ hängen. Der Erfolg der Piratenpartei ist auch das Ergebnis einer Vertrauenskrise in unser repräsentatives, parlamentarisches System. Die Bürgerinnen und Bürger Berlins kämen doch nicht auf die Idee nach mehr Beteiligung zu verlangen, wenn sie das Gefühl hätten, dass sie hier im Sinne einer Volksvertretung vertreten werden. Hat sich hier noch nie jemand die Frage gestellt, warum sich Menschen, für die Strom aus der Steckdose und Geld aus dem Automaten kommt auf einmal Interesse daran haben, sich politisch zu beteiligen?

Mindestens in dem gleichen Maß, wie mich Lauers Argumentation beeindruckt hat, schockte mich das Desinteresse und Unverständnis des Publikums. Nicht nur wurde während den 10 Minuten Redezeit laut geredet und unhöflich durch (viele!) Zwischenrufe gestört- Christopher Lauer wurde gar ausgelacht, als er sagte (dieser Satz ist klischeebehaftet, aber nicht unwahr):

Mit den Piraten haben doch nicht die Klassenlieblinge die politische Bühne betreten, sondern die Nerds, die Außenseiter, diejenigen, die in der Schule nicht zu den Parties eingeladen worden sind, diejenigen, die nicht in der Mitte der Gesellschaft standen. Wir mussten uns unsere eigene Gesellschaft suchen und haben sie im Internet gefunden.

Das Video zeichnet ein Bild des Abgeordnetenhaus, dass mich wieder einmal das Vertrauen in den gesunden Menschenverstand unserer Politiker verlieren lässt. Beinahe zähle ich mich selbst zu den von Lauer genannten Nerds, die mehr aus Verzweiflung denn aus Spaß politisch interessiert geworden sind.

Die Erfolge der Piratenpartei sind, wie ihre Vertreter sogar selbst betonen, ein Indiz für tiefliegende Probleme in unserer Demokratie. Wäre die Politik so transparent, solidarisch und offen, wie sie sein sollte (und behauptet zu sein), dann kämen Computernerds nicht auf die Idee, in ihrer Freizeit Konzepte wie Liquid Feedback (lesenswert!) zu entwerfen, sondern würden lieber programmieren.

Für mich war dies lange ein Grund, besagte „Nerds“ auch nicht zu wählen… so wie ich mir selbst nicht zutrauen würde, politisch große Verantwortung zu übernehmen. Nun aber habe ich den Eindruck, dass eben jene Außenseiter aus der Piratenpartei die einzigen sind, die noch provozieren und hinterfragen. Immer wieder grunddemokratische Fragen zu stellen, und den Entscheidungsprozess zu überdenken, ist in meinen Augen zentral für eine gesunde Demokratie.
Ja, ich habe fast den Eindruck, dass die Piratenpartei angesichts der mangelhaften Alternativen (festgefahrener, lobbygetriebener politischer Einheitsbrei) wählbar geworden ist…

Wir haben es satt

An alle Berliner:

Nächste Woche findet in Berlin wieder die Wir haben es satt-Demo statt. Dabei geht es diesmal nicht nur um allgemeine Kritik an der rein gewinnorientierten, rücksichtlosen Nahrungsmittelindustrie: es werden demnächst ganz konkret EU-Beschlüsse für die Agrarpolitik bis 2020 gefällt. Es gilt also, vorher ein Zeichen für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit zu setzen. Geht hin, wenn ihr das gutheißt!

An alle anderen:

Viel effektiver als eine jährliche Demonstration ist meiner Ansicht nach immer noch unser Konsumverhalten und die Tatsache, dass wir darüber nachdenken, was auf unserem Teller landet, und dass wir uns beim nächsten Einkauf dann hoffentlich nachhaltiger entscheiden.

Wenn ich meine Meinung zu McDonalds, Billigfleisch und Discountern äußere, bekomme ich immer noch oft Dinge wie „Hast du etwa Mitleid mit den armen Tieren?“ zu hören. Ich habe in der Tat Mitleid (es ist nicht so, dass ich besonders tierlieb wäre- bei der Fleischproduktion existiert eine so horrende Grausamkeit, dass man eigentlich nicht wissend und mitleidsfrei zugleich sein kann!)- aber das ist für mich nur ein untergeordneter Aspekt. Ich ernähre mich nicht vegetarisch und habe mit dem Wissen, dass für mein Steak eine Kuh gestorben ist, auch kein Problem (schon eher damit, wie sie gestorben ist…).

Wer kritischen Konsum mit Vegetarismus gleichsetzt, und  Vegetarismus damit gleichsetzt, „übertrieben“ tierlieb zu sein, hat nicht weit genug gedacht. Es gibt wesentlich mehr (egoistische, pragmatische) Gründe gegen eine Lebensmittelindustrie, die schnelle, billige und profitable Produktion von Nahrung zum einzigen Ziel auserkoren hat! Jeder einzelne ist es meiner Meinung nach wert, auf die Straße zu gehen.
Um nur ein paar genannt zu haben:

  • Wir (in der privilegierten ersten Welt) können unseren Ernährungsstandard für eine längere Zeit aufrechterhalten. Und damit meine ich nicht Billigfleisch zu unschlagbar günstigen Preisen! sondern vielmehr genug, abwechslungsreich, und in Maßen Nahrung essen zu können, auf deren Qualität wir uns verlassen können.
    Ich habe den Eindruck, dass sogar in Deutschland dieses Privileg immer weniger Menschen zuteil wird. Nachhaltig produzierende Bauern werden durch die aggressive Preisdrückungsstrategie der Lebensmitteldiscounter vom Markt verdrängt- und sind immer seltener vorzufinden, selbst für Menschen, die bereit und fähig sind, wesentlich mehr Geld für Bio-Essen auszugeben.
  • Dank fortgeschrittener Technologie wäre es möglich, auf nachhaltige Weise mehr Nahrung zu produzieren als zuvor, und diese gerechter zu verteilen. Das geschieht jedoch ganz vorsätzlich nicht!
    In Asien wird Soja in Massen angebaut, die wir uns vor einiger Zeit nicht hätten träumen lassen. Dieser Soja wird dann allerdings nicht etwa dazu verwendet, hungerleidenden Menschen den Magen zu füllen, sondern einmal um den Globus transportiert, um an Tiere verfüttert zu werden und als billiges Hackfleisch auf unseren Tellern zu landen. Die Teile des Tiers, die wir Reichen nicht ganz so gerne essen, werden entweder in Afrika Menschen aufgezwungen- äh-verkauft…oder weggeworfen. Insgesamt eine riesige, ungerechte Energieverschwendung, die zwar profitabel, aber nicht nachhaltig ist.
  • Wir können die gesundheitlichen Folgen von Gentechnik, Pestiziden und medikamentengetriebener Massentierhaltung nicht abschätzen. Allergien und medikamentenresistente Krankheitserreger nehmen zu, und der kausale Zusammenhang zu unserer Ernährung scheint zu existieren, wie genau, ist jedoch unklar. Wer vorsichtiger essen möchte, wird außerdem nicht hinreichend informiert:
    Wer kann schon die Inhaltsangaben, die auf Lebensmitteln in Schriftgröße 5 abgedruckt sind, entziffern? Und kann Max Mustermann dann aus ein paar kryptischen chemischen Bezeichnern schlussfolgern, ob das Nahrungsmittel gut für ihn ist?
    Warum werden wir nicht darüber aufgeklärt, wo und wie unser Essen produziert wurde? Erst dann könnten wir uns als Verbraucher wirklich frei entscheiden.

Zum schottischen Referendum

Meinen ersten Abend eines längeren Aufenthaltes in Schottland verbrachte ich im Pub mit Kollegen. Durch einen halben Pint Ale hatte ich den Mut gewonnen, mich in das Gespräch einzumischen, und so müssen mir die Worte „You English people…“ herausgerutscht sein. Die Reaktion war keine freundliche. Seitdem weiß ich: die Schotten haben ihren eigenen Stolz.

Nicht ohne Grund gab es lange und blutige Kämpfe (angeführt von schottischem Adel, und auch Proletariat) gegen die englische Herrschaft, die noch heute in Geschichten und Heldensagen weiterleben. Kulturell gibt es einiges, das sie von dem Rest des Vereinigten Königreiches abtrennt: ein anderer Akzent, ein viel beharrlicherer Alkoholkonsum, ja sogar unterschiedliche Pfundnoten (auf denen unter anderem schottische Freiheitskämpfer abgebildet sind).
Dieser schottische „National-„stolz ist mehr ein nostalgisches Überbleibsel, er beschränkt sich nicht nur auf historische Ereignisse.
Junge Menschen fiebern bei eigentlich allen Sportereignissen für das schottische und gegen das englische Team und schwören auf schottische Biere, Musik, sogar auf das Wetter.

Insbesondere ist ein Unterschied in der politischen Einstellung feststellbar. Mein Eindruck war, dass Schotten zwar selten demonstrieren gehen, und von blutigen Racheaktionen im Namen eines Clans schon vor 300 Jahren abgesehen haben- sie sind (wenigstens in ehemaligen Industriestädten wie Glasgow) insgesamt jedoch viel weniger obrigkeitshörig und für die Interessen der „kleinen Leute“.
Die meisten sind nicht für eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich- doch sie sind auch nicht der Meinung, dass das Königreich das Größte ist: die meisten akzeptieren das Königshaus, befürworten es jedoch nicht aktiv- ganz anders als im Süden Englands.

Als David Cameron in der Euro-Krise den Euro-Ländern seine Unterstützung vorenthielt, wurde ich von meinen schottischen Freunden überrascht, die mir nahe legten, dass sie nicht hinter Cameros Politik stünden, und (ich wusste nicht, wie reagieren) Merkel unterstützten. Mir wurde gesagt, ich solle aus der Politik Camerons keine Schlüsse über die Bürger ziehen, denn man schäme sich für den Premierminister.

Nun wird wieder einmal über ein Referendum zur schottischen Unabhängigkeit diskutiert. Es ist nicht die erste solche Diskussion- angesichts der Krise jedoch eine besonders interessante. Ich habe bereits jetzt, da die genauen Konditionen des Referendums unklar erscheinen, von Schotten Unmut über den starken Einfluss gehört, den Cameron zu nehmen scheint.
Dass sich Schottland dadurch abspaltet, erscheint unwahrscheinlich: die Nationale Partei macht dort stets stärkere und schwächere Phasen durch, war jedoch noch nie stark genug, um bei einer Volksabstimmung eine absolute Mehrheit zu erzielen. Höchstens wird das Ergebnis, wenn es denn knapp ausfällt, also ein Indiz sein, das die englischen Politiker nachdenklich stimmen sollte. Cameron will das Ergebnis des Referendums ausschließlich als „Beratung“ wahrnehmen. Es wird sich nicht viel ändern- außer vielleicht, dass sich die Schotten durch dieses Demokratiespektakel nochmals in ihrem Stolz getroffen fühlen.
Was haben beide Parteien davon? Die Londoner Torys können für die nächsten Jahre jede Diskussion über schottische Unabhängigkeit mit Verweis auf das Referendum abwinken. Die schottischen Nationalisten werden über die undemokratische, konservative Vorgehensweise herziehen und ein paar Sympathisanten gewinnen. No big deal.