Empört Euch!

Wir brauchen mehr populäre Literatur wie das Pamphlet des französischen Widerstandskämpfers Stéphane Hesell, welches inzwischen auch bei uns erhältlich ist. Es fiel mir, an der Kasse zwischen der Autobild und der Für Sie, neulich wieder im Kiosk auf, und das freute mich.
Ich finde, ein Deutscher sollte ein ähnliches Buch veröffentlichen und schlage vor, in diesem neuen Empört Euch einige Änderungen vorzunehmen, die unserem Geschmack entgegen kommen. Der Grundtenor könnte dann etwa Folgender sein:

Empört euch- denn Alfons Schuhbeck, der euch in so vielen Koch- und Talkshows unterhalten hat, wirbt jetzt für McDonalds. Da will der Sternekoch um jeden Zweck Geld verdienen… unvorstellbar, im Kapitalismus!

Empört euch anschließend darüber, dass in eurer Lieblings-Starbucks-Filiale kein Sirup in der Geschmacksrichtung „Lebkuchen“ mehr vorhanden war und darüber, dass in Actimel weniger gesunde Bakterien sind, als die Werbung behauptet. Schaltet abends den Flachbildernseher von Saturn (Geiz ist geil!) ein, um Günther Jauch zu sehen und empört euch über die Werbeunterbrechungen.

Empört euch über einen Bahnhof, der in Stuttgart gebaut werden soll- und stimmt dann, wenn es ernst wird, dennoch zu seinen Gunsten ab.

Empört euch über die Italiener, die Jahrelang Berlusconi als Staatsoberhaupt geduldet haben, und kauft anschließend Axel Springer’s Printmedien. Empört euch über die faulen Griechen. Empört euch über Angela Merkels Modegeschmack.

Empört euch über die deutsche Bahn, die dauernd zu spät kommt- und fahrt täglich alleine mit dem Auto auf die Arbeit. Empört euch dabei über den Straßenverkehr und den Benzinpreis. Fliegt mit Easyjet in Urlaub nach Mallorca, und empört euch über den Service an Bord und die schlechten Englischkenntnisse des Personals.

Empört euch über Kinderarbeit und Ausbeute. Empört euch anschließend darüber, dass die Weihnachtseinkäufe dieses Jahr wieder so stressig sind. Empört euch über die Abkehr von der wahren Bedeutung Weihnachtens, und darüber, dass die Kassiererin euch am letzten verkaufsoffenen Sonntag so mürrisch ansah.

Empört euch über das sinkende Lohnniveau in Deutschland und empört euch über intransparente Finanzmärkte… und wählt schwarz-gelb.

Empört euch darüber, dass euer Lieblingspolitiker bei seiner Doktorarbeit gepfuscht haben soll. Empört euch aber auch über dessen schlechte Darstellung in den Medien, und bestellt euch im Einzelhandel „Vorerst gescheitert“ vor. Es kann dann im Bücherregal neben „Deutschland schafft sich ab“ stehen.

Empört euch über Döner-Morde und darüber, dass Killer-Breivik nun nur in eine psychiatrische Anstalt kommen soll.

Empört euch über die Neugestaltung der Bedienoberfläche von Facebook. Empört euch auf Facebook über die irrelevanten Statusupdates eurer „Freunde“, die ihr aber nichtsdestotrotz neugierig lest. Empört euch auf Facebook auch über andere Dinge, etwa darüber, dass die Chinesen nicht zu Facebook dürfen.

Empört euch über  Oberflächlichkeit und Schönheitswahn, und lasst eure Kinder mit Chips und Cola Heidi Klums Topmodelshow sehen.

Empört euch über das Wetter.

Stéphane Hessel, der nun 94 Jahre alt ist und mit seiner Lebenserfahrung und seinem bewundernswerten Engagement die Werte der Résistance verkörpert, hat das Recht, mit Stolz zum Widerstand aufzurufen. Und Widerstand ist angebracht.
Dennoch ist unser Handeln teils so schizophren, dass ich an unserem Recht auf Empörung ein wenig zweifle. (Ich nehme mich selbst nicht davon aus) Brauchen wir, aus jüngeren Generationen als Stéphane Hessel, die alltägliche Meinungsmache vielleicht gar als geistige Krücke? Würden wir uns empören, und den Kapitalismus und unseren Konsumwahn in Frage stellen, müssten wir auch nach neuen Werten suchen und unser Weltbild umkrempeln. Wie anstrengend.

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Buchempfehlung: The World. A Beginner’s Guide.

„Human rights, the internet, ‚globalization‘ and the Kyoto Protocol- all products of the last quarter of the previous century- have opened a new horizon of social understanding and of social action, i.e., humankind and its world. While we go on being, say, Chinese or Americans, Muslims or Hindus, workers or bankers, African women or European men, young or old, we have also become members of a common humankind and stakeholders in the same planet“

Göran Theborn, The World. A Beginner’s Guide (Introduction)

Es gibt eine Vielzahl an Büchern über Globalisierung- jenen Begriff, der erst seit den 1990ern verwendet wird, eigentlich jedoch kein neues Phänomen bezeichnet: die Weltwirtschaft ist enger mit einander verbunden, Firmen weiten ihren Einfluss global aus, eine Lücke zwischen entwickelten und unterentwickelnden Ländern klafft auf.
Globalisierung ist ein Begriff, der für viele Menschen, abhängig von ihrer politischen Orientierung, entweder positiv oder negativ belegt ist. Er wird sowohl für kulturelle als auch ökonomische Trends verwendet, und manchmal ist unklar, was genau mit Globalisierung gemeint ist.

„The new goal, always crucial to any kind of modernism, is no longer ‚progress‘, and certainly doesn’t include ‚emancipation‘. Progress means that something is getting better, i.e., it denotes some quality of substance. Globalization signifies that impact and/or connections are being extended“

Göran Theborn, The World. A Beginner’s Guide (Part 1)

Göran Theborn’s Buch erscheint vielversprechend, da es aus einer soziologischen, historischen Sicht heraus versucht, zu erklären, warum wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts da stehen, wo wir stehen. Es ist, so weit ich gelesen habe, weder rein globalisierungskritisch, noch befürwortet es den Neoliberalismus.
Göran Theborn, Soziologieprofessor an der Universität Cambridge, postuliert, dass die folgenden Themen zum Verständnis der Globalisierung essentiell sind:

  1. Soziokulturelle Geologie: die verschiedenen Zivilisationen (Länderübergreifende Gesellschaften mit ähnlichen Werten, Familienstrukturen und Glaubensrichtungen), ihre Geschichte und Interaktion
  2. Weltdynamiken und menschliche Evolution: Wirtschaftssysteme, Bevölkerungsentwicklung und Kommunikation
  3. Weltpolitik und die wichtigsten Spieler und Institutionen
  4. unser Lebensverlauf: die verschiedenen Stadien (Geburt, Kindheit, Jugend, Alter…) im 21. Jahrhundert

Diese Themen werden in „The World. A Beginner’s Guide.“ mit jeweils einem Kapitel behandelt. Am Ende soll ein Fazit stehen, wohin sich die Weltgesellschaft bewegt- und was bei der Welle der Globalisierung, in der wir gerade leben, herauskommen könnte.
Theborn schreibt auf eine für Sozilogielaien wie mich verständliche Weise, ohne Fachjargon und mit übersichtlichen Graphiken und Statistiken versehen. Dennoch bleibt das Buch auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau, und dem erfahreneren Leser werden Quellenangaben und Detailinformationen mitgegeben.

Ich habe auf dem Gebiet der Gesellschaftswissenschaften Wissenslücken und dringenden Lernbedarf. In dem ersten Teil über die Geschichte verschiedener Zivilisationen und zurückliegende Globalisierungswellen (nennenswert sind da die Eroberung Amerikas, der britisch-französische Krieg, und die europäischen Einflüsse mittels Opiumhandel in Asien) habe ich viel interessantes erfahren, insbesondere jedoch einen Überblick erhalten, den mir bislang kein Schulbuch vermitteln konnte.
Auf den Rest des Buches bin ich gespannt-  halte es jedoch bereits jetzt für sehr lesens- und empfehlenswert. Wer also noch ein pädagogisch sinnvolles Weihnachtsgeschenk sucht…

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Wenn ich groß bin, werde ich Trainee

„Ein Trainee ist ein Hochschulabsolvent, der in einem Unternehmen systematisch als vielfältig einsetzbare Nachwuchskraft aufgebaut wird, üblicherweise durch ein Traineeprogramm mit aufeinander abgestimmten Einsätzen in verschiedenen Abteilungen, Seminaren und Netzwerkveranstaltungen. Umgangssprachlich wird Trainee oft irrtümlich mit Traineeprogramm gleichgesetzt, was zu einigen Verwirrungen führen kann.“

Wikipedia, 25.11.2011

In meinem Studienfach fangen gefühlte 90% der Absolventen als Trainees („Trähnees“) an. Ich vermute, dass es in den reinen Wirtschaftswissenschaften noch mehr sind. Es gibt verschiedene Trainee-Arten: Consulting Trainees, Systems Engineering Trainees, oder Human Resources Trainees. Für die nicht ganz so Englisch-affinen Leser: trainee (von engl. to train) bezeichnet im Englischen einen Auszubildenden oder Lehrling- jemanden, der „trainiert“wird, beziehungsweise für seinen späteren Beruf in der Firma ausgebildet wird. Im Neudeutschen hat Trainee freilich eine andere Konnotation. Nicht umsonst verwenden wir dieses Lehnwort zur linguistischen Abgrenzung des Trainees von dem stinknormalen Azubi:

Trainees haben ein abgeschlossenes Studium und streben eine Führungsposition in dem Unternehmen ein. Sie werden aufwändigst in Assessment Centern anhand ihrer fachlichen Qualifikationen und Soft Skills ausgewählt. Erst, wenn sie sich mit ihrem makellosen Lebenslauf gegen einige Dutzend Konkurrenten durchgesetzt haben, werden sie mit Aussicht auf ein attraktives Gehalt, eine 60-Stunden-Arbeitswoche und eine steile Karriere in ihrem Traumunternehmen eingestellt.
Es besteht also kein Zweifel, dass ein Trainee in einer ganz anderen Liga spielt, als ein „gewöhnlicher“ Azubi. Letzerer hat womöglich nur einen Realschulabschluss- jedenfalls keinen Bachelor- und verdient seit Jahren seine Brötchen mit einer minderwertigen, verantwortungsarmen kaufmännischen Tätigkeit. Soft Skills hat der Azubi bestimmt nicht erworben, und sicherlich weist sein Lebenslauf kein außeruniversitäres Engagement auf! Dafür hat er schließlich im Gegensatz zu uns schlauen Studentenköpfen aufgrund seiner banalen Vollzeittätigkeit keine Zeit. (Ich hoffe, dass die Ironie angekommen ist)

Englische Lehnwörter im Deutschen sind keine Seltenheit. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die Lehnwörterdichte, wenigstens im Unternehmenssprech, mit dem Bildungsniveau (und der Arroganz) zunimmt. In meiner Kindheit waren die häufigst gebrauchten Lehnwörter cool, hip und shit– jetzt höre ich viel öfter von Corporate IdentityResearch&Development  und Dress Code.
Ähnlich, wie der Adel einst mit französischen Begriffen um sich warf, scheint heutzutage ein regelrechter Zwang zu bestehen, „schicke“ Berufe mit euphemitisch klingenden englischen Bezeichnern zu versehen. Das finde ich- auch wenn ich früher oder später wohl als Junior Engineer enden werde- bemerkenswert. Englische Bezeichner klingen dynamisch, modern und irgendwie weniger konkret.
Anders als im IT-Bereich (wo oft gar kein angemessener deutscher Begriff existiert) könnten wir durchaus auf Deutsch ausdrücken, welchen Beruf wir ausüben. Vielleicht möchten wir einen Hauch amerikanischer Kultur vermitteln- aber warum? Amerika gibt seine wirtschaftliche Vorreiterrolle mehr und mehr ab- und wir leben in einer Gesellschaft mit vielen durch den amerikanischen Traum Desillusionierten. Auch Englischkenntnisse sind kein Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern in den jüngeren Generationen quasi die Regel.

Die Sprache ist stets ein starkes Indiz dafür, wer kulturelle Vorherrschaft ausübt. Hoffentlich ist es lediglich ein Überbleibsel des starken amerikanischen Einflusses (den ich durchaus nicht verachte!), dass wir Studienabsolventen uns mit Stolz als Trainees bezeichnen. Mit der gleichen Logik könnte man folgern, dass demnächst chinesische Lehnwörter in die Mode kommen- dafür sind Deutsch und Chinesisch jedoch zu unterschiedlich.
Ich bin gespannt, wie sich die Verschiebung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse auf unseren Sprachgebrauch auswirken wird!

Guttenberg- vorerst gescheitert?

Ein halbes Jahr lang hat man kaum von ihm gehört, dem Freiherrn von und zu Guttenberg. War es zu viel gehofft, dass gescheiterte Politik und die Plagiatsaffäre ausreichen würden, um ihn von der politischen Bühne zu stoßen? Scheinbar reichen für unseren Ex-Superminister eine großzügige Spende an die Kinderkrebshilfe und eine neue Frisur aus, um wieder als „angesehener Staatsmann“ Vorträge zu halten und Kritik zu üben an einer Politik, die er selbst mit geprägt hat.
Wie schnell Guttenberg wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, überrascht selbst Pessimisten wie mich. Kaum wird sein Plagiatsverfahren eingestellt (er hat dafür ja in Form seiner Spende Ablass gezahlt), so wird er von Herrn Seehofer wieder in der Partei wilkommen geheißen. Ist das ein Armutszeugnis für die CDU/CSU, oder aber vielmehr ein Erfolgszeugnis für  Guttenbergs Medienkampagnen?

Was braucht man, um in der deutschen Politik Erfolg zu haben? Was hat Karl Theodor eigentlich an sich?

  • er ist adlig? Man dürfe Menschen nicht aufgrund ihrer adligen Abstammung diskriminieren, heißt es ständig. Viele halten Adelstitel (vielleicht zu Recht) für archaische, undemokratische Überbleibsel, die es heute nicht mehr geben sollte. Die Annahme, dass der arme deutsche Adel daher zwangsläufig diskriminiert würde, scheint bei Guttenberg den gegenteiligen Effekt zu haben. Adel ist doch nicht gleich schlecht!- heißt es da mitleidig… das mag stimmen, aber ist er denn besonders gut? Warum spielt Guttenbergs Abstammung denn immer wieder in die Berichterstattung mit hinein, wenn da nicht diskriminiert werden soll?
  • er ist fotogen? Bilder scheinen viel zu zählen heutzutage- mehr als Inhalte jedenfalls. Anders kann ich mir nicht erklären, dass in der Berichterstattung auch nun, bei Guttenbergs Wiederkehr, anstelle von kritischen Analysen stets Fotogalerien erscheinen. Damals war es der (aalglatte) tiptop frisierte, ordentliche Minister, und nun hat er seinen „Look“ geändert. Dies, sowie ein paar rührselige Interviews und ein versöhnliches Buch, werden als hinreichende Indizien wahrgenommen, dass Karl Theodor auch seinen Charakter geändert habe.
  • er verkörpert Werte? Hoffentlich nicht! Unser beliebter Politiker ist verheiratet mit einer hübschen, konservativen Adligen, die ebenfalls politische Stellungsnahmen von sich gibt, gebildet (ha ha), katholisch und traditionsbewusst. Sind das die Leitwerte unserer Gesellschaft?

Der poltitische Erfolg Guttenbergs bleibt mir ein Rätsel- davon, dass es sich dabei jedoch um eine Medienkampagne handelt, bin ich jedoch fest überzeugt.
Ich finde, dies ist ein Grund zur Sorge. Bleibt zu hoffen, dass er tatsächlich in die CSU zurückkehrt, anstatt dies hier zu tun…

Putin, Obama und andere Helden

„I intend to leave after my death a large fund for the promotion of the peace idea, but I am skeptical as to its results.“
Alfred Nobel

Und skeptisch war er zu Recht, der gute Herr Nobel.
Die Wahl der Friedensnobelpreisträger erweckte in den letzten Jahren immer mehr den Eindruck, ein politisches Werkzeug geworden zu sein- im Falle Obamas könnte man sogar „Druckmittel“ sagen. (A propos… Was war eigentlich mit Guantanamo Bay?  Genau, ich meine jenes Stückchen von Kuba gepachteter Erde, auf dem bis heute Menschenrechtsverletzungen im Namen der amerikanischen Justiz und Terrorbekämpfung stattfinden…).

孔子和平獎 – Der Konfuzius Friedenspreis

2010 wurde der damals in China inhaftierte Aktivist Lu Xiabao („für seinen langen und gewaltfreien Kampf für die grundlegenden Menschenrechte in China“) ausgezeichnet. Es gab daraufhin weltweit Proteste fuer seine Freisetzung und gegen chinesiche Zensur. Diese wurden von China beantwortet mit mehr Zensur und… dem Konfuzius Friedenspreis – einem alternativen Friedensnobelpreis, etabliert von einer chinesischen NGO.
Was Alfred Nobel dazu sagen würde, dass über seinem Erbe heute ein derartiges politisches Gezänk stattfindet?

Dies ist kein „China ist so menschenrechtsfeindlich“-Artikel.  Ich bin nicht der Meinung, dass wir in Europa das Recht haben, uns als Vorreiter und Prediger von Menschenrechten, Freiheit und Demokratie zu sehen- dafür haben wir noch zu viel vor der eigenen Haustür zu kehren.
Dennoch – als ich heute las, wer den Konfuzius Friedenspreis 2011 bekommen soll, musste ich schlucken. Der diesjährige Preisträger hat sich gegen andere nominierte Friedenshelden wie Angela Merkel und Bill Gates durchgesetzt, er muss also ganz besonders klasse sein.

Es ist Wladimir Putin. Er wird mit dem Friedenspreis ausgezeichnet, weil er in den Krieg gezogen ist. Gegen Tschetschenien. Sicherlich war der Tschetschenienkrieg ein hartes, konsequentes Durchgreifen gegen böse Terroristen (und Rohstoffvorkommen spielten dabei keinerlei Rolle, es wurden garantiert auch kaum Unschuldige getötet und alle Menschenrechte geachtet)… eine sehr friedliche Aktion also.

Immerhin scheint sich das chinesische Kulturministerium von dem Preis zu distanzieren, es hatte bereits im September bekanntgegeben, dass der Preis nicht vergeben wuerde. Die Preisverleihung hat zum Glück auch so wenig mediale Aufmerksamkeit, wie sie verdient, und Chinesen, die ich kenne, hatten von dem Konfuziuspreis nicht einmal gehört.
Qiao Damo, Mitglied des Preiskomitees ist davon unbeirrt, und möchte die Organisation aufrechterhalten:

„Western values are not perfect and need an alternative to balance them out.“

Alternativen? Ja, sehr gerne, aber doch bitte nicht Herr Putin…

Die gute deutsche MP5

Wenn ich auf Reisen erwähne, dass ich Deutsche bin, fallen meinen Gesprächspartnern meist Bierzelte, Rammstein und raffinierte Backwaren ein. Auch wenn ich Bier verabscheue, bin ich manchmal froh, über diese Themen Smalltalk führen zu dürfen- das ist immer noch besser, als über andere deutsche Spezialitäten reden zu müssen.
Heute sagte mir jemand (ich glaube, es war freundlich gemeint): „Eure Wirtschaft ist stark. Ihr seid doch Exportweltmeister.“  In der Tat, das sind wir.
Vielleicht sollte ich bei der Gelegenheit auch stolz darauf hinweisen, dass wir europäische Waffenexportmeister sind, und weltweit in dieser Branche hinter den USA und Russland immerhin auf Platz drei  liegen.

Das baden-würtembergische Traditionsunternehmen Heckler&Koch hat es in den vergangenen Monaten, vielleicht nicht ganz absichtlich, wieder zwei Mal geschafft, internationale Aufmerksamkeit zu erlangen:
Diesen August stellte sich heraus, dass deren Produkte so gut sind, dass sogar der kampferprobte Gaddafi bei seiner Ausrüstung auf deutsche Qualität setzte.
Vor einigen Tagen bekam die Firma dann aufgrund mutmaßlicher Bestechung von mexikanischen Amtsträgern nochmals Besuch von der Polizei. Glaubt man den Firmensprechern, handelt es sich dabei jedoch um eine fiese, „gezielte Diffamierungskampagne“.  Klar. Schliesslich hat man als Waffenhersteller einen guten Ruf zu verlieren und achtet besonders auf moralische Standards..!

Wir exportieren gute, robuste Gewehre in all jene Länder, die uns für den Sommerurlaub zu gefährlich sind. Darauf kann man stolz sein, nicht wahr? Wen interessiert schon, was dann mit den Waffen geschieht- wir drücken ja nicht ab. Man könnte dies auch als Schreibtischmord bezeichnen. Oder, mit Hagen Rethers Worten:

„Wir liefern denen die Waffen und die machen alles kaputt, ist doch nicht richtig. Hätten die nicht schöne Sachen machen können aus den Waffen? Hat sich doch etliches angesammelt im Laufe der Jahre. Irgendwas vernünftiges von Wert, was bleibendes, eine Panzerpyramiden, eine Haubitzenbrücke. Man kann so tolle Sachen machen aus Waffen, machen die alles kaputt. Und jetzt sind alle empört, Deutschland und Frankreich sind die empörtesten Waffenhändler weltweit.“

Sollte ich meinem britischen Kollegen gegenüber vielleicht auch erwähnen, dass in Nottingham monatliche Demonstrationen gegen das Heckler&Koch-Lager stattfinden; die deutschen Medien- während wir uns als Exportnation feiern- zu den deutschen Waffenlieferungen an Gaddafi jedoch erstaunlich still sind? Freilich sind wir schnell dabei, Menschenrechtsverletzungen und undemokratisches Handeln anzuprangern… aber haben wir als Land, dessen Rüstungssektor eine so zentrale Rolle spielt, das Recht dazu?
Auch wenn mir von diesem Doppeldenken ein wenig übel wird, versuchte ich, um nicht polemisch zu wirken, sachlich und pragmatisch an das Thema heranzugehen. Folgendes ist bei  einer kurzen Recherche herausgekommen:

Verständlich aufbereitetes Informationsmaterial zum deutschen Rüstungsexport zu finden, ist nicht leicht. Es ist kein Thema, das gerne öffentlich diskutiert wird. Eine aufschlussreiche Seite, vor allem wegen der Debattenmitschriften, ist www.waffenexporte.org.

  • Wer produziert? Das Unternehmen Heckler&Koch sticht heraus, da der Kleinwaffenhersteller ein ausschließliches Rüstungsunternehmen ist. Doch auch andere Firmen,  etwa ThyssenKrupp und Rheinmetall, produzieren neben anderen Produkten Rüstungsgüter. Hier ist es umso schwieriger, transparente Statistiken zu dem genauen Anteil zu finden, den Rüstungsgüter am Gesamtumsatz ausmachen. Es handelt sich um „Traditionsfirmen“: Krupp (von ThyssenKrupp) ist knapp 400 Jahre alt, und hat (man ist nicht erstaunt) auch im zweiten Weltkrieg fleißig Panzer gebaut. Heckler&Koch hat immerhin den Namen verändert- es wurde von Ex-Mitarbeitern der Mauserwerke gegründet, einem zentralen Waffenhersteller im dritten Reich. Die Mauserwerke, in denen 7000 Zwangsarbeiter beschäftigt waren, lagen in Oberndorf…genau- der Ort, in dem Heckler&Koch bis heute ansässig ist.
  • Wie ist die Rechtslage? Die Restriktionen, die dem deutschen Waffenexport auferlegt sind, wirken streng. Zum Einen scheint die Bundesregierung (jede Bundesregierung, nicht bloß schwarz-gelb) den Term „hinreichender Verdacht“ jedoch sehr zweckorientiert zu interpretieren. Weiterhin bin ich mir nicht ganz sicher, wie bindend politische Grundsätze im rechtlichen Sinne sind (weiß das jemand?). Beispielsweise heißt es in den politischen Grundsätzen der Bundesregierung:

„Genehmigungen für Exporte von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern werden grundsätzlich nicht erteilt, wenn hinreichender Verdacht besteht, dass diese zur internen Repression im Sinne des EU-Verhaltenskodex für Waffenausfuhren oder zu sonstigen fortdauernden und systematischen Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden.“

  • Wie verhält sich die Politik? Den aktuelleren Bundestagsdebatten ist zu entnehmen, dass die SPD und die Grünen den Rüstungsexporten eher kritisch gegenüberstehen, während die Regierungsparteien diese verteidigen. Die Linke übt die stärkste Opposition aus und hat vor kurzem Anträge auf die Unterbindung von Rüstungsexporten in 16 Länder gestellt.
    Diese Positionierung der Parteien ist keine große Erkenntnis, und auch unter rot-grün hat es Exporte gegeben. Was die Linke tun würde, wäre sie an der Macht, ist noch nicht erprobt worden. Viele Beschlüsse, besonders umstrittene, werden nicht öffentlich beraten und gefällt. Dies wurde im Rahmen von Panzerlieferungen nach Saudi-Arabien kritisiert. Da hatten Frankreich und andere europäische Länder aufgrund von Menschenrechtsbedenken ihre Rüstungsexporte eingestellt- nicht so Deutschland.
  • Wer ist dagegen? Ich bin geneigt, hier von den üblichen Verdächtigen zu sprechen: Greenpeace, Attac und kleinere Bündnisse, die viele Regierungsentscheidungen (zu Recht, wie ich finde) kritisch beäugen, jedoch als linke oder grüne Radikale abgestempelt werden.

Man mag argumentieren, dass die Rüstungsindustrie wichtig für die deutsche Wirtschaft und technologische Innovation sei (obgleich ich dann vorschlagen würde, direkt in Forschung zu investieren- da kann man dann auch sicherstellen, dass die Ergebnisse den Menschen nützen und nicht schaden). In diesem Falle ist, damit die Öffentlichkeit eine fundierte Meinung haben, und ihre Stellvertreter in der Politik dementsprechen wählen kann, Transparenz vonnöten. Ein Wirtschaftssektor, bei dem es letzlich um Leben und Tod geht, darf nicht so im Dunkeln operieren wie dies gerade der Fall ist.

Bevor sich das nicht ändert, kann ich nicht stolz darauf sein, in der weltweit exportstärksten Nation zu leben.

Georg Schramm bei Occupy Frankfurt

Viele Demonstrations-Reden dienen eher dem Ausdruck einer gemeinsamen, unzufriedenen Stimmung, als der tiefgründigen politischen Analyse.  Das ist wenigstens mein Eindruck- und liegt sicherlich in der Natur der Veranstaltung.

Ich bin erfreut, dass es die Occupy-Bewegung auch nach Deutschland geschafft hat, und war besonders beeindruckt von der Rede Georg Schramms auf der Frankfurter Occupy-Demonstration.
Georg Schramm schafft es, in unter zwanzig Minuten eine geschichtliche Analyse zu liefern, die zu dem Schluss führt, dass die heutige Finanzpolitik keineswegs so „alternativlos“ ist, wie man vorgibt. Er zeigt Parallelen zu den 30er Jahren auf und weist darauf hin, dass auch das Ermächtigungsgesetz  als „alternativlos“ bezeichnet wurde.   Um seine Argumente zu untermauern, zitiert Schramm durchgehend nicht linke Denker, sondern vielmehr harte Kapitalisten.  Er ruft (wie auch in älteren Auftritten) zu einem konstruktiven Zorn auf, und schafft es, dabei zugleich humorvoll und bissig zu sein.

„Ich betrachte mich als eine Art Marlene Dietrich- nicht optisch, aber in der Funktion.“

Besonders gefallen mir Schramms Abschlussworte: Auch für Marlene Dietrich sei es eine Ehre gewesen, vor den amerikanischen Soldaten aufzutreten, da sie diese als wichtigste Personen ihrer Zeit erachtet habe. Schramm  zufolge ist auch die Occupy-Bewegung eine wichtige Bewegung unserer Zeit, sodass es für ihn eine Ehre ist, auf der Demonstration zu sprechen.

Eine der treffendsten, tiefgründigsten Reden, die ich in der letzten Zeit gehört habe, stammt also von einem 63-jährigen Kabarettisten, der bekannt ist für Polemik und trockenen Humor. Oft werden in der Rede historische Vergleiche mit der Warnung „die Jungen unter Ihnen verstehen das vielleicht nicht“ gezogen. Und Georg Schramm hat Recht.

Wo bleibt die zornige Jugend, die Georg Schramm fordert, und wieso hört man von ihr keine bissigen Reden auf Occupy-Demos? Wie unlogisch, verdreht und absurd muss unser Finanzsystem eigentlich sein, dass es im Kabarett scheinbar am besten porträtiert wird?
In jedem Fall ist die Rede sehenswert und hier zu finden:

Teil 1
Teil 2