Zum schottischen Referendum

Meinen ersten Abend eines längeren Aufenthaltes in Schottland verbrachte ich im Pub mit Kollegen. Durch einen halben Pint Ale hatte ich den Mut gewonnen, mich in das Gespräch einzumischen, und so müssen mir die Worte „You English people…“ herausgerutscht sein. Die Reaktion war keine freundliche. Seitdem weiß ich: die Schotten haben ihren eigenen Stolz.

Nicht ohne Grund gab es lange und blutige Kämpfe (angeführt von schottischem Adel, und auch Proletariat) gegen die englische Herrschaft, die noch heute in Geschichten und Heldensagen weiterleben. Kulturell gibt es einiges, das sie von dem Rest des Vereinigten Königreiches abtrennt: ein anderer Akzent, ein viel beharrlicherer Alkoholkonsum, ja sogar unterschiedliche Pfundnoten (auf denen unter anderem schottische Freiheitskämpfer abgebildet sind).
Dieser schottische „National-„stolz ist mehr ein nostalgisches Überbleibsel, er beschränkt sich nicht nur auf historische Ereignisse.
Junge Menschen fiebern bei eigentlich allen Sportereignissen für das schottische und gegen das englische Team und schwören auf schottische Biere, Musik, sogar auf das Wetter.

Insbesondere ist ein Unterschied in der politischen Einstellung feststellbar. Mein Eindruck war, dass Schotten zwar selten demonstrieren gehen, und von blutigen Racheaktionen im Namen eines Clans schon vor 300 Jahren abgesehen haben- sie sind (wenigstens in ehemaligen Industriestädten wie Glasgow) insgesamt jedoch viel weniger obrigkeitshörig und für die Interessen der „kleinen Leute“.
Die meisten sind nicht für eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich- doch sie sind auch nicht der Meinung, dass das Königreich das Größte ist: die meisten akzeptieren das Königshaus, befürworten es jedoch nicht aktiv- ganz anders als im Süden Englands.

Als David Cameron in der Euro-Krise den Euro-Ländern seine Unterstützung vorenthielt, wurde ich von meinen schottischen Freunden überrascht, die mir nahe legten, dass sie nicht hinter Cameros Politik stünden, und (ich wusste nicht, wie reagieren) Merkel unterstützten. Mir wurde gesagt, ich solle aus der Politik Camerons keine Schlüsse über die Bürger ziehen, denn man schäme sich für den Premierminister.

Nun wird wieder einmal über ein Referendum zur schottischen Unabhängigkeit diskutiert. Es ist nicht die erste solche Diskussion- angesichts der Krise jedoch eine besonders interessante. Ich habe bereits jetzt, da die genauen Konditionen des Referendums unklar erscheinen, von Schotten Unmut über den starken Einfluss gehört, den Cameron zu nehmen scheint.
Dass sich Schottland dadurch abspaltet, erscheint unwahrscheinlich: die Nationale Partei macht dort stets stärkere und schwächere Phasen durch, war jedoch noch nie stark genug, um bei einer Volksabstimmung eine absolute Mehrheit zu erzielen. Höchstens wird das Ergebnis, wenn es denn knapp ausfällt, also ein Indiz sein, das die englischen Politiker nachdenklich stimmen sollte. Cameron will das Ergebnis des Referendums ausschließlich als „Beratung“ wahrnehmen. Es wird sich nicht viel ändern- außer vielleicht, dass sich die Schotten durch dieses Demokratiespektakel nochmals in ihrem Stolz getroffen fühlen.
Was haben beide Parteien davon? Die Londoner Torys können für die nächsten Jahre jede Diskussion über schottische Unabhängigkeit mit Verweis auf das Referendum abwinken. Die schottischen Nationalisten werden über die undemokratische, konservative Vorgehensweise herziehen und ein paar Sympathisanten gewinnen. No big deal.

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