Wir haben es satt

An alle Berliner:

Nächste Woche findet in Berlin wieder die Wir haben es satt-Demo statt. Dabei geht es diesmal nicht nur um allgemeine Kritik an der rein gewinnorientierten, rücksichtlosen Nahrungsmittelindustrie: es werden demnächst ganz konkret EU-Beschlüsse für die Agrarpolitik bis 2020 gefällt. Es gilt also, vorher ein Zeichen für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit zu setzen. Geht hin, wenn ihr das gutheißt!

An alle anderen:

Viel effektiver als eine jährliche Demonstration ist meiner Ansicht nach immer noch unser Konsumverhalten und die Tatsache, dass wir darüber nachdenken, was auf unserem Teller landet, und dass wir uns beim nächsten Einkauf dann hoffentlich nachhaltiger entscheiden.

Wenn ich meine Meinung zu McDonalds, Billigfleisch und Discountern äußere, bekomme ich immer noch oft Dinge wie „Hast du etwa Mitleid mit den armen Tieren?“ zu hören. Ich habe in der Tat Mitleid (es ist nicht so, dass ich besonders tierlieb wäre- bei der Fleischproduktion existiert eine so horrende Grausamkeit, dass man eigentlich nicht wissend und mitleidsfrei zugleich sein kann!)- aber das ist für mich nur ein untergeordneter Aspekt. Ich ernähre mich nicht vegetarisch und habe mit dem Wissen, dass für mein Steak eine Kuh gestorben ist, auch kein Problem (schon eher damit, wie sie gestorben ist…).

Wer kritischen Konsum mit Vegetarismus gleichsetzt, und  Vegetarismus damit gleichsetzt, „übertrieben“ tierlieb zu sein, hat nicht weit genug gedacht. Es gibt wesentlich mehr (egoistische, pragmatische) Gründe gegen eine Lebensmittelindustrie, die schnelle, billige und profitable Produktion von Nahrung zum einzigen Ziel auserkoren hat! Jeder einzelne ist es meiner Meinung nach wert, auf die Straße zu gehen.
Um nur ein paar genannt zu haben:

  • Wir (in der privilegierten ersten Welt) können unseren Ernährungsstandard für eine längere Zeit aufrechterhalten. Und damit meine ich nicht Billigfleisch zu unschlagbar günstigen Preisen! sondern vielmehr genug, abwechslungsreich, und in Maßen Nahrung essen zu können, auf deren Qualität wir uns verlassen können.
    Ich habe den Eindruck, dass sogar in Deutschland dieses Privileg immer weniger Menschen zuteil wird. Nachhaltig produzierende Bauern werden durch die aggressive Preisdrückungsstrategie der Lebensmitteldiscounter vom Markt verdrängt- und sind immer seltener vorzufinden, selbst für Menschen, die bereit und fähig sind, wesentlich mehr Geld für Bio-Essen auszugeben.
  • Dank fortgeschrittener Technologie wäre es möglich, auf nachhaltige Weise mehr Nahrung zu produzieren als zuvor, und diese gerechter zu verteilen. Das geschieht jedoch ganz vorsätzlich nicht!
    In Asien wird Soja in Massen angebaut, die wir uns vor einiger Zeit nicht hätten träumen lassen. Dieser Soja wird dann allerdings nicht etwa dazu verwendet, hungerleidenden Menschen den Magen zu füllen, sondern einmal um den Globus transportiert, um an Tiere verfüttert zu werden und als billiges Hackfleisch auf unseren Tellern zu landen. Die Teile des Tiers, die wir Reichen nicht ganz so gerne essen, werden entweder in Afrika Menschen aufgezwungen- äh-verkauft…oder weggeworfen. Insgesamt eine riesige, ungerechte Energieverschwendung, die zwar profitabel, aber nicht nachhaltig ist.
  • Wir können die gesundheitlichen Folgen von Gentechnik, Pestiziden und medikamentengetriebener Massentierhaltung nicht abschätzen. Allergien und medikamentenresistente Krankheitserreger nehmen zu, und der kausale Zusammenhang zu unserer Ernährung scheint zu existieren, wie genau, ist jedoch unklar. Wer vorsichtiger essen möchte, wird außerdem nicht hinreichend informiert:
    Wer kann schon die Inhaltsangaben, die auf Lebensmitteln in Schriftgröße 5 abgedruckt sind, entziffern? Und kann Max Mustermann dann aus ein paar kryptischen chemischen Bezeichnern schlussfolgern, ob das Nahrungsmittel gut für ihn ist?
    Warum werden wir nicht darüber aufgeklärt, wo und wie unser Essen produziert wurde? Erst dann könnten wir uns als Verbraucher wirklich frei entscheiden.
Advertisements

12 Kommentare zu “Wir haben es satt

  1. Elvira sagt:

    Ich muss gestehen, dass ich, dieses Thema betreffend, langsam resigniere. Denn ich stoße allenthalben auf taube Ohren. Sei es im Blog, auf der Arbeit, im Freundeskreis oder in der Familie.
    Auch ich esse ab und an Fleisch, Wurst sehr selten, Geflügel überhaupt nicht mehr. Meine letzten Rouladen habe ich bei unserem Bauern gekauft. Die Rinder stehen das ganze Jahr auf den sehr großen Weiden. Ich weiß, wie sie gehalten werden und lasse mir das Essen schmecken.
    In der Praxis habe ich vor einigen Wochen einen Artikel über die Geflügelproduktion und den damit einhergehenden Gefahren an die Pinwand gehängt. Ich weiß, dass dort niemanden (bis auf einen Arzt) dieses grausame Massenhaltung interessiert und habe daher nur die Buchstaben MRSA gemarkert. Mit diesen multiresistenten Erreger haben wir es oft zu tun, daher dachte ich, das wäre ein guter Aufhänger. Einige Tage später war der Artikel weg!
    Sieh Dich in anderen Blogs um. Wie oft wird aus einem sachlichen Artikel fast ein Kleinkrieg zwischen Allesessern und Vegetariern – wobei erstere kurioserweise häufig den Anstoß geben.
    Nachhaltiger Konsum (nicht nur Lebensmittel betreffend) ist erst dann möglich, wenn es endlich ideologiefrei zum Thema auch für Otto-Normalesser/-verbraucher wird!

  2. In der Tat, es ist interessant, wie schnell man als „normaler“ Verbraucher in die Schublade „fanatischer Veganer“ (oder bei anderen Dingen „ungepflegter Globalisierungsgegner“ o.Ä.) gesteckt wird.
    Ich teile deinen Eindruck, dass die Normalverbraucher meist den ersten Anstoß geben- vermutlich, weil sie sich auf den Schlips getreten fühlen und sofort das Gefühl haben, man werfe ihnen vor, unmoralisch zu sein. Dann heißt es immer, man „missioniere“ und sei „ideologisch“ oder „naiv“.
    Lustigerweise verstehe ich diese Vorwürfe: ich bringe sie selber gegenüber Leuten an, die ich für extremer halte als mich, also z.B. meinen veganen Freunden. Es ist wohl normal, sich angegriffen zu fühlen, wenn andere in Überzeugungen, die man wenigstens teilweise gutheißt (Die meisten Menschen finden Nachhaltigkeit gut und Gier schlecht), konsequenter scheinen.

    …am Ende hast du Recht: ideologiefrei müsste das Ganze sein. Dazu müsste man jedoch auch die Ideologien „Geiz ist geil“ und „Konsum macht Spaß“ loswerden… ich bin nicht allzu optimistisch.

  3. […] auch für alle anderen. Es ist ein Link zu einem Post mit dem Titel: Wir haben es […]

  4. Frau Momo sagt:

    Das Thema beschäftigt mich schon seit bald 30 Jahren und indirekt habe ich es zu meinem Beruf gemacht. Ich habe täglich mit Lebensmitteln zu tun, allerdings mit Bio-Lebensmitteln. Und ich selber konsumiere auch fast ausschließlich bio, inklusive Körperpflege, Reinigungsmittel. Das ist sicherlich kein Allheilmittel, aber ich esse auch bewußt regionale Ware und das, was hier gerade Saison hat.
    Ich mache es auch immer wieder zum Thema, aber ich höre dann immer nur, das kann ich mir leisten.
    Es muß auch gar nicht unbedingt Bio sein. Saisonale Ware vom Markt wäre auch schon eine guter Anfang. Aber solange wir das Schnitzel für 1 Euro auf dem Teller haben wollen, wird es weiter diese widerliche, unwürdige Massentierhaltung geben, Äcker und Böden werden überdüngt und wo letztlich die ganzen Antibiotika landen, die wir mit dem Hühnerfleisch aufnehmen ist klar.
    Ich bin nicht verbissen, ich lebe mit sehr viel Genuß, gerade weil ich unverfälschte Lebensmittel kaufe, weil ich selber koche und sehr bewußt durch den Bioladen gehe. Womit es dann unter´m Strich nicht mal teurer wird, weil ich nur das kaufe, was ich brauche und was wir auch verzehren können.
    Ich würde auch gerne nach Berlin, mal sehen.

  5. Da braucht man eigentlich kaum weitere Worte zu verlieren. Es gibt ein wissenschaftliches Fachgebiet der Geographie namens „Land Use and Cover Change“, das sich mit eben diesen Problemen der notwendigen nachhaltigen Landwirtschaft beschäftigt und dabei extrem wichtige Fragen aufwirft. Das ganze wird wunderbar in diesem kurzen englischen Video zusammengefasst: http://www.youtube.com/watch?v=F1IWkbU0SG4

  6. mayarosa sagt:

    „Warum werden wir nicht darüber aufgeklärt, wo und wie unser Essen produziert wurde?“
    – Weil es viele von uns gar nicht so genau wissen wollen. Denn sie wissen genau, sie kämen in Entscheidungsnot: entweder unmoralisch weiter nach Herzenslust konsumieren oder moralisch und verzichten.
    Ich für meinen Teil mag kaufe nur noch selten Huhn, denn selbst wenn ich Biohuhn kaufe: Dadurch, dass ich nur die Filets mag, trage ich dazu bei, dass Hühner gezüchtet werden, die vorne überkippen vor lauter Brust.

    • Frau Momo sagt:

      Ich kann Dich beruhigen, Biohühner werden nicht nach Deinen Bedürfnissen gezüchtet 🙂

      • mayarosa sagt:

        Und was machen die in den Biobetrieben, wenn viel mehr Leute Brust kaufen wollen als Flügel oder Schenkel?

      • Frau Momo sagt:

        Das ist wie sooft bei Bio…. wenn alle, dann alle. Jedenfalls werden da ganz sicher keine nach vorne kippenden Hühner gezüchtet, nur damit es mehr Brustfleisch gibt.
        Außerdem esse ich Deine Schenkel 🙂 Ich mag nämlich lieber Keule als Brust.

      • mayarosa sagt:

        Beruhigend. Da werde ich künftig bei jeder Hähnchenbrust an dich denken. Ein Schenkelchen für Frau Momo oder auch zwei. Jetzt brauche ich nur noch ’nen Abnehmer für die Flügel 😉

      • Frau Momo sagt:

        Die essen dann die chicken wings Liebhaber. Meine Mutter ist auch lieber Keule, also ist ein Huhn schon mal abgedeckt.
        Aber mal Spaß beiseite, es wäre ja schon schön, wenn sich mehr Menschen wenigstens ein paar Gedanken darüber machen würden, was sie sich auf den Teller packen.
        Wir werden uns jedenfalls am Samstag um 6.00 Uhr auf den Weg nach Berlin machen.

  7. […] an gottwuerfeltnicht! Ohne diesen Beitrag wäre nicht auf diese Demo aufmerksam geworden und hätte zwei sehr liebenswerte Blogger […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s