Im Schafspelz

A nation of sheep will have a government of wolves. – Edward R. Murrow

Wir leben in einer globalisierten Welt des Informationsüberflusses.
Die meisten Menschen haben irgendwie verstanden dass Medien, die diese Informationen selektiv aufbereiten und ein sorgfältig entworfenes Weltbild vermitteln, in einer solchen Welt besonders viel Macht ausüben.
Da uns die Macht der Medien bewusst geworden ist, denken wir oft, wir seien gegen deren Einfluss persönlich gewappnet.  Während wir Medien konsumieren um Informationen daraus zu beziehen, hoffen wir gleichzeitig, das so bewusst zu tun, dass wir dabei nicht manipuliert werden. Wir halten uns für intelligente Schafe. Doch was, wenn die Wölfe noch viel gerissener sind als wir uns vorstellen können?

Ich zweifle daran, dass man Medien frei von manipulativen Einflüssen finden kann. Die PR-Politik von Firmen ist vielschichtiger geworden. Firmen engagieren Berater die „global intelligence“ Firma Stratfor, um sich gegen ihre „Feinde“ wie zum Beispiel (natürlich ebenfalls ideologiegeprägte) NGOs zu wappnen. Beratungsdokumente dieser Firmen lesen sich wie Kriegsstrategien – von „guerillas“ und „battles waged against multinational companies“ ist dort die Rede.

Stratfor ist indirekt aus der PR Firma Pagan International hervorgegangen. Pagan International erregte internationale Aufmerksamkeit durch die Beratung von Nestlé, die zur Überwindung des Milchpulverboykotts in dritte Welt Ländern führte. In den 70er Jahren machten zahlreiche NGOs und kirchliche Organisationen auf gesundheitsschädliche Auswirkungen von Nestlé Milchpulver in afrikanischen Ländern aufmerksam. Babys, die anstelle von Muttermilch das intensiv beworbene Nestlé Milchpulver tranken, erkrankten oft aufgrund von Nährstoffunterversorgungen oder verseuchtem Trinkwasser.

Die Strategie die Pagan Nestlé gegen den Boykott empfahl, war bahnbrechend für das Gebiet der internationale Firmen-PR und wurde im Journal of Business Strategy publiziert. Kurz gefasst bestand die Lösung in der Gründung einer „unabhänigen“ Institution, dem Nestle Coordination Center for Nutrition, Inc. (NCCN). Diese Organisation engagierte Fachleute, die die gesundheitsschädliche Wirkung des Milchpulvers öffentlich bestritten und gleichzeitig als unabhängig vom Konzern wahrgenommen wurden. Gleichzeitig wurden die NGOs und kirchlichen Organisationen gegeneinander aufgebracht, indem einzelnen Parteien religiöser Fanatismus vorgeworfen wurde.

In der Publikation von Rafael D. Pagan findet man zudem bereits 1980 die Prophezeiung, dass solche komplexen PR-Strategien für multinationale Konzerne von immer größerer Bedeutung sein werden:

More companies in the future will be called upon to answer for their actions on an international scale. For instance, the International Organization of Consumers Unions (IOCU) is planning a long-term strategy of developing support for national and international regulation.

IOCU is placing special emphasis on those areas where what it calls „inappropriate technology“ is being marketed or applied in the Third World, and where hazardous substances are involved.
Among the industries singled out by IOCU are agricultural chemicals and other pesticides, pharmaceuticals, fast and processed foods, alcoholic beverages, tobacco, nuclear power, and the arms industry.

These „consumer“ activists are in earnest and must be listened to.

Pagan Internationals letzte größere Kampagne trug den Namen Neptune Strategy und betraf den Konzern Shell Oil.
Pagan riet Shell, zur Bekämpfung des Boykotts im Zuge der Anti-Apartheid-Bewegung eine weitere (von Pagan subventionierte) Organisation namens COSA zu gründen. COSA rückte Shell in ein besseres Licht, indem die Bemühungen der Firma für ein „post-Apartheid“ Südafrika gepriesen wurden. Als die Neptune Stratetgy 1987 bei Wikileaks veröffentlicht wurde, ging Pagan International bankrupt, die Firmengründer gründeten die neue Firma Mongoven, Biscoe & Duchin, die später in Stratfor übergehen sollte.

Stratfor ist so zwar den in Ungnade gefallenen Namen Pagan losgeworden. Sonst hat sich nicht viel geändert.
Ende 2011 wurden weitere interne Strategie-Dokumente von Stratfor publik (Zusammenfassung: Teil 1 und Teil 2).
Ein interessantes Detail ist die Unterteilung von NGO-Aktivisten in die Kategorien „Radikale“, „Realisten“,  „Idealisten“, und „Opportunisten“. Radikale streben nach Systemveränderung und sollten marginalisiert und einzeln bekämpft werden. Realisten kann man davon überzeugen, dass eine wirkliche Veränderung nicht erreichbar ist, sie geben sich möglicherweise mit Gesten zufrieden. Idealisten können den Eindruck erhalten, dass sie Fakten falsch verstanden haben, sie gehen eventuell zu den Realisten über. Opportunisten möchten eigene Interessen erfüllt sehen. Nach dem Motto teile und herrsche werden für diese Kategorien (z.B. in dieser Präsentation) maßgeschneiderte PR-Strategien im Kampf gegen die Guerilla-Aktivisten empfohlen.

Die PR-Strategien von multinationalen Firmen sind ausgeklügelter, als es erscheinen mag. Wie die oben genannten Beispiele zeigen, werden nicht selten dritte Organisationen zur Verschleierung der wahren Ursprünge von PR-Maßnahmen gegründet. Internationale Medienwirksamkeit ist so wichtig geworden, dass Firmen-PR an Experten ausgelagert wird. In den meisten Fällen (d.h., wird nicht gerade etwas geleakt) sind wir Konsumenten-Schafe hierüber völlig unwissend.
Der Fairness halber wünsche ich auch den gegnerischen Lagern – NGOs und politischen Organisationen – ähnlich gewiefte PR-Berater.

Allgemein bleibt jedoch die Frage, ob Endverbrauchern überhaupt noch eine Chance bleibt, sich in dem PR-Dschungel zurechtzufinden. Wir wissen nicht nur, was echt und was Werbung ist, sondern auch nicht, wer diese Werbung zu welchem Zweck bezahlt. Mediale Transparenz sieht anders aus.

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Modern Times

…a practical device which automatically feeds your men while at work. Don’t stop for lunch. Be ahead of your competitor…the feeding machine will eliminate the lunch hour, increase your production, and decrease your overhead.

Mit diesen Worten wird in Charlie Chaplins Satirefilm Modern Times Werbung für eine Maschine gemacht, die die Produktivität der Arbeiter steigern soll. Ein Zeitgeist der Hektik und des Leistungsdrucks war Chaplin schon 1936 bewusst. Chaplin, und sicherlich auch einigen seiner Zeitgenossen war bewusst, dass der Traum der Automatisierung, die den Menschen Arbeit abnimmt und ihnen mehr Freizeit und einen komfortableren Lebensstandard beschafft, sich zu einem stressigen Albtraum stumpfsinniger Fließbandarbeit und harter Konkurrenz entwickelt hatte. Der Begriff Burnout ist seit den 1960ern in aller Munde; modernere Statistiken deuten auf immer mehr von dem Erschöpfungssyndrom betroffene Menschen hin.

Burnout statt Fortschritt?

In einer technischen Vorlesung, in der es um Automatisierung ging, erzählte der Dozent von einem südländischen Bauarbeiter, den er beobachtet hatte. Dieser stand neben einer Betonrührmaschine im Schatten und rauchte eine Zigarette- man merkte ihm an, dass er genoss, dass diese Maschine die Arbeit für ihn erledigte, und in der Zeit, als die Maschine lief, ruhte er.
Ein typischer Büroarbeitstag sieht nicht so aus. Ich selbst werde beispielweise ungeduldig, wenn mein Computer für mehr als 30 Sekunden einen Ladebalken anzeigt, versuche in der Zwischenzeit etwas anderes zu erledigen oder lese schnell auf meinem Smartphone die Mails, die ich in den letzten 10 Minuten bekommen habe. Im Zug und in der Straßenbahn sieht man immer weniger Menschen, die einfach nur aus dem Fenster schauen: die meisten surfen auf ihren mobilen Geräten oder hören Musik. Neulich wurde ich auf einen teuer gekleideten Mann mit Aktentasche aufmerksam, der gleichzeitig ein geschäftliches Telefonat führte und in einem Taschenbuch mit dem Titel „Stressfrei leben“ las.

Der Mythos von der Automatisierung, die uns Arbeit abnimmt, scheitert meist daran, dass wir diese Automatisierung sofort als selbstverständlich annehmen, und die gewonnene Zeit mit mehr Arbeit füllen. Das mag daran liegen, dass wir psychologisch Sklaven eines unglaublich schnellen Lebensrythmus geworden sind, oder auch daran, dass der Wettbewerb und unser soziales Umfeld uns dazu zwingen.
War das ursprüngliche Ziel des Fortschritts- weniger Arbeit- aufgrund der menschlichen Psyche schon immer utopisch? Wir scheinen Fortschritt zum Selbstzweck zu betreiben, und dessen Früchte nicht oder nur wenig zu genießen (geschweige denn, die Früchte gleichmäßig zu verteilen).

Aus der Sicht des Einzelnen ist es durchaus verständlich, eine gute Karriere erreichen zu wollen, finanziell abgesichert zu sein und sich von hart erarbeitetem Geld ein bisschen Luxus und vielleicht auch ein paar Statussymbole leisten zu können.
Gesellschaftlich betrachtet ist es nicht ganz so klar: Warum fallen in einer so automatisierten und fortschrittlichen Zeit in Deutschland noch immer Menschen durchs Raster, die als Arbeitslose an der Armutsgrenze leben oder gar obdachlos sind? Warum können wir uns scheinbar immer noch nicht leisten, jedem Einzelnen einen angenehmen, wenn auch nicht luxuriösen Lebensstandard zu garantieren?

Lösungsvorschlag: bedingungsloses Grundeinkommen

Der Vorschlag des bedingungslosen Grundeinkommens liegt seit einiger Zeit auf dem Tisch. Ich habe mir einige Argumentationen hierzu durchgelesen, die meist von der politisch linken Seite kamen, und bin zu dem Schluss gekommen, dass die größten Gegenargumente entkräftet sind:

  1. „Es gibt dann keinen Anreiz mehr zu arbeiten“… Das Grundeinkommen würde nicht luxuriös ausfallen und lediglich die Grundbedürfnisse abdecken (fairer und besser als Hartz IV). Hat man nur das Grundeinkommen zur Verfügung und viel freie Zeit, so möchte man sich in dieser Zeit auch etwas kaufen können. Es lohnt sich also, für ein besseres Gehalt arbeiten zu gehen, gleichzeitig wird die allgemeine Kaufkraft der Büger gesteigert.
  2. „Es ist nicht finanzierbar„… Dieses Argument wird oft und gerne gegen Vorschläge angewendet, die sich auf eine sozialere Politik beziehen. Ignoriert wird dabei, dass eine bessere Finanzlage der Allgemeinheit den Staat an vielen anderen Stellen entlasten würde: z.B. durch weniger Hartz-bezogene Bürokratie, durch Förderung ehrenamtlicher Tätigkeiten, und durch eine erhöhte Geburtenrate durch die Stärkung der Familien

Leseempfehlung: Götz Werner

Obwohl das bedingungslose Grundeinkommen sogar parteiübergreifend von vielen befürwortet wird, mache ich oft die Erfahrung, dass es als linkes idealistisches Geschwätz abgetan wird.
Ich war also erfreut, über einen sehr wirtschaftsaffinen Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens zu erfahren, von dem ich bislang nicht gehört hatte: Götz Werner. Als Gründer der dm-Drogeriemarktkette und Aufsichtsratsmitglied der GLS Gemeinschaftsbank kann man ihn sicherlich als kompetenten Ökonomen bezeichnen. Was der Mann auf seiner Homepage und in Interviews sagt, klingt keineswegs links, sondern ökonomisch pragmatisch.
Lest mal rein und bildet euch eine Meinung. Ich jedenfalls hoffe, dass die Debatte über das Grundeinkommen wieder belebt wird und möglichst ideologiefrei weitergeführt wird.

Frage: Als Außenminister Guido Westerwelle im Februar in einem viel zitierten Artikel davor warnte, „dem Volk anstrengungslosen Wohlstand zu versprechen“ – fühlten Sie sich da von ihm angesprochen?
Werner: Das sind Verallgemeinerungen, die der Realität nicht gerecht werden. Beim bedingungslosen Grundeinkommen geht es nicht um anstrengungslosen Wohlstand, sondern um die Sicherung einer bescheidenen, aber menschenwürdigen Existenz. Anstrengungslosen Wohlstand erlebt man im Jetset, das hat mit bedingungslosem Grundeinkommen gar nichts zu tun. Wer ein Grundeinkommen hat, der kann zeigen, was in ihm steckt, denn er muss sich nicht an einen unbefristeten Arbeitsvertrag festklammern, er kann Risiken eingehen.

(aus dem Interview)

„In dem Maße, wie die Arbeit als Produktionsfaktor ersetzt wird, muss sie auch als Einkommensfaktor ersetzt werden, wenn nicht die Verarmung der arbeitslosen Einkommenslosen die Folge sein soll. Durch ein Grundeinkommen können die Menschen nicht nur die verbleibende „alte Arbeit“ selbstbestimmt unter sich aufteilen. Auch und gerade die „Neue Arbeit“, die Kulturarbeit im weitesten Sinne (von der Familien- und Erziehungsarbeit, Bildung, Wissenschaft, Forschung, bis zur Medizin, der Pflege und den Künsten) können sie auf der Basis des Grundeinkommens ergreifen (auch trotz der heute noch chronischen Mittelknappheit in all diesen Bereichen).“

(von der Homepage)

Grüße aus dem Equilibrium

Eine Entschuldigung

Es ist still geworden auf diesem Blog, und da es (überraschenderweise) so einige gibt, die dennoch hier Artikel lesen, möchte ich mich entschuldigen.

Ich mag das Internet, das die Bühne für eine so bunte Mischung von Meinungen und Informationen bietet, wie man sie sonst leider kaum findet. In letzter Zeit beschränkt sich mein Internetkonsum jedoch auf ein das Lesen von Mails im Büro, ein bisschen Facebook unterwegs auf meinem Smartphone, und vielleicht noch mein BBC-Schlagzeilen des Tages. Kurzum: ich bin in jene berüchtigte Stressfalle geraten, die dazu führt, dass man theoretisch zwar die Zeit, aber nicht die Hirnkapazitäten hat, über die Poltik und die Welt nachzudenken.

Ich bin politisch träge geworden und der Nachrichten, die ich morgens in der S-Bahn lese auch irgendwie überdrüssig. Die Grenze zwischen (aktiver) Empörung und stumpfsinniger Resignation scheint bei mir schmal- sie ist überschritten, sobald ich von einem Tag lernen und arbeiten zu ermüdet bin, um noch über das Weltgeschehen nachzudenken. Es ändert sich ja doch nichts, nicht wahr?

Eine kleine Veranschaulichung

Freilich kann ich sagen, dass ich in letzter Zeit, wenn auch nicht auf diesem Blog, produktiv war. Ich habe zum Beispiel viel gelernt, darunter auch über Game Theory, jene wirtschaftlich-mathematische Disziplin, die sich mit dem Finden der gewinnbringendsten Strategie in halbwegs berechenbaren Szenarien befasst. Game Theory handelt ebenso von spaßigen Kinderspielen wie auch von Börsenspekulation und politischem Kalkül. Das Fach ist spannend und wer ein bisschen Geduld hat, kann sich auf dieser Seite einen Kurs dazu ansehen.
Wie dem auch sei: hier skizzenhaft ein Beispiel aus dem Kurs, das mein politisches Engagement begründen könnte:

Zwei Bürger (Spieler) haben die Wahl, an einer Revolte gegen ein fieses Regime teilzunehmen, oder auch nicht. Wir nehmen an, dass beide eine Strategie finden wollen, die für sie möglichst gut endet.

  • Szenario A: Nehmen sie beide teil, sind sie wahrscheinlich erfolgreich und freuen sich riesig (Gewinn für beide: 10 Gummipunkte).
  • Szenario B: Nimmt keiner teil, bleibt alles wie gewohnt (Gewinn für beide: 0 Gummipunkte).
  • Szenario C: Geht jedoch einer der beiden auf die Straße, während der andere wie gehabt zur Arbeit geht, so wird der Rebell von einem Polizisten ein blaues Auge verpasst bekommen (Gewinn: -3 Gummipunkte) wohingegen sich für den anderen nichts ändert (Gewinn: 0 Gummipunkte)

Es stellt sich heraus, dass Szenario C ein sogenanntes Equilibrium ist: beide Spieler können davon ausgehen, dass sie, ganz gleich wofür sich ihr Mitspieler entscheidet, keine Verluste machen werden.
Berechtigter Einwand: man könnte in Szenario A mehr erreichen. Wir gehen aber davon aus, dass die Situation im Moment noch friedlich ist- es wird nicht protestiert. Geht ein Bürger auf die Straße, so muss er damit rechnen, dass der andere seine bisherige Strategie (nicht protestieren) beibehält. Er muss also mit Verlusten rechnen. Da wir von wenigstens ein bisschen egoistischen Spielern ausgegangen sind, die keine verlustbehafteten Strategien möchten, bleibt es also für alle in dem suboptimalen, aber stabilen Equilibrium.

Es gibt eine weitere Auflösung des Dilemnas: wir verwerfen die Annahme, dass Bürger Einzelspieler sind und stellen anstelle dessen eine Kosten-Nutzenrechnung für das Team „Volk“ auf. Dann sieht die gewinnbringendste Strategie in jedem Fall so aus, dass gegen Missstände protestiert werden muss. Wie wahrscheinlich das ist, sei zur Diskussion dahingestellt…

Der Mythos vom Tauschhandel (Buchempfehlung)

Ich lese gerade das Buch Debt: the first 5000 years von David Graeber. (Ich hatte es mir auf diese Rezension hin zu Weihnachten gewünscht, und bereue schon, es erst jetzt zu lesen). Während es mir noch schwer fällt, Graeber politisch einzuordnen (der Anthropologe bezeichnet sich selbst als Anarchisten und ist in der Occupy-Bewegung aktiv), schafft es Debt auf den ersten Seiten, für mich völlig neue Aspekte zum Ursprung von Geld, Märkten und Schulden aufzudecken.

Es geht (im ersten Kapitel des Buches) um den Mythos vom Tauschhandel, eingeführt vom schottischen Ökonomen Adam Smith, der seither wegweisend für die Wirtschafts- und Finanztheorie ist. Die Idee, dass zunächst Geld, und später dann ein komplexeres Kreditsystem, aus dem Tauschhandel hervorgegangen seine, erscheint intuitiv logisch. Die traditionelle Tauschhandels-Argumentation liest sich (mit meinen Worten wiedergegeben) etwa so:

Man stelle sich ein Dorf vor, in dem es bereits eine Arbeitsteilung (also einen Metzger, einen Schreiner etc.) gibt, aber noch kein Geld. In diesem Dorf wird Tauschhandel betrieben: wenn Bäcker Fred neue Schuhe erwerben möchte, dann geht er mit drei Laib Brot zum Schuster Hans und bietet ihm einen Tausch an. Wenn Hans zufällig gerade Brot gebrauchen kann, sind beide Parteien zufrieden- doch was ist, wenn Hans genug Brot hat, aber Käse braucht?
Also haben sich schlaue Menschen irgendwann ein Geldsystem ausgedacht: Einheiten kostbarer Metalle (Geldmünzen) vereinfachen den Tauschhandel und stellen sicher, dass es einen Gegenstand gibt, an dem jeder interessiert ist: Geld.
Geld und Währungen sind somit eine logische Schlussfolgerung aus effizienterer Arbeitsteilung. Irgendwann war es praktisch, Geld auch verleihen zu können- und damit der Gläubiger einen Anreiz dazu hat, entwickelten sich so Kredite, Zinsen und Schulden.

Insgesamt ist der freie Markt und das Geldsystem, wie wir es heute kennen, also eine Ausprägung der menschlichen Natur, Dinge zu tauschen und zu handeln. Der Staat hat hiermit direkt nichts zu tun und sollte die freien Märkte (als eine natürliche Handelsform, die zum größtmöglichen Fortschritt führt) nicht einschränken, sondern fördern.

Graeber widerspricht dieser Argumentation entschlossen und weist darauf hin, dass diese Annahme, unser heutiges Finanzsystem sei nur aus dem Tauschhandel erwachsen, historisch nicht belegbar ist. Eine Gesellschaft, die ähnlich zu unserer aufgebaut ist (in dem Sinne, dass es eine Arbeitsteilung und  europäisch-mittelalterlich strukturierte Dorfgemeinschaften gibt), der das Prinzip von Geld noch völlig fremd ist, und die es neu entwickelt, habe es nie gegeben.
Graeber beleuchtet in seinem Buch vielmehr, dass Geld aus einem bereits existierenden System von Schulden erwachsen sei: Geld sei kein Mittel zur Vereinfachung von Tauschhandel, sondern eine abstrakte Maßeinheit für Schulden. Und die Vorstellung, dass ein Mensch einem anderen etwas Schulden kann, und dass Schulden sogar übertragbar sind, ist so alt wie menschliche Zivilisation selbst. Es werden Beispiele aus dem indischen Brahmanentum genannt, in denen bereits ein ausgeprägtes Kreditsystem existierte- gestützt durch das religiöse Dogma, der Mensch werde mit einer Schuld gegenüber dem Göttlichen geboren, die er erst mit seinem Tod abbezahlen kann.

Wo aber kommen dann Währungen her? Graeber argumentiert, dass Währungen und Marktwirtschaften historisch immer von oben herab eingeführt wurden: durch den Staat.

Staaten haben angefangen, Steuern einzutreiben, um davon beispielsweise Armeen zu finanzieren. Zunächst wurde hierzu einfach Zahlung in Form von landwirtschaftlichen Produkten o.Ä. eingefordert. Da sich hiermit jedoch schlecht kalkulieren lässt, und sich die Bürger nicht sicher sein konnten, welche Form von Steuern akzeptiert werden würde, musste eine messbare Einheit her. Man hat Geld gedruckt (oder geprägt). Der Wert des Geldes wurde also nicht durch einen hohen Goldwert garantiert (wie heute oft argumentiert wird), sondern druch das Versprechen, dass man mittels Geld Steuern zahlen, also Schulden gegenüber dem Staat abgleichen kann.
Der freie Markt, der entstand, sobald mit einer verlässlichen abstrakten Währung gehandelt werden konnte, ist eine absichtliche Erfindung des Staates.

Tauschhandelsgesellschaften gab es historisch- jedoch nur in Zeiten, zu denen Geld bereits „erfunden“ und in dem Denken der Menschen integriert war: in Gefängislagern, Nachkriegszeiten, und in einem eingeschränkten Maße informal noch in der heutigen modernen Gesellschaft. Der Tauschhandel funktioniert anders als ein festes Währungssystem so, dass es Sphären von Gütern gibt, innerhalb deren getauscht werden kann: man kann eine Kuh gegen zwei Schweine tauschen, nicht jedoch einen Laib Brot gegen eine Goldkette, da die Goldkette sich in einer ganz anderen „Wertesphäre“ befinden würde. Tauschhandel ist nicht logische Grundlage für den freien Markt gewesen, er kann unabhängig von ihm oder gar parallel zu ihm existieren.

Gegenübergestellt werden kurzum diese „Entwicklungsreihenfolgen“ unseres Finanzsystems: Nach Adam Smith und Co:

  1. Primitive Bauerngesellschaft
  2. Primitive Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Tauschhandel (freier Markt)
  3. Gesellschaft mit Arbeitsteilung und Geld als Tauschmittel (freier Markt)
  4. Moderne kapitalistische Gesellschaft mit Börsen, Krediten und freiem Markt

Nach Graeber und seinen zitierten Anthropologen:

  1. Primitive Gesellschaft, die aber nichtsdestotrotz ein System von „A schuldet B etwas“ hat. Die Sicherheit, dass Schulden abbezahlt werden, wird meist durch Religiosität gewährleistet.
  2. Herausbildung von Staaten
  3. Staaten führen von oben herab Währungen und Märkte ein, um ihre Authorität sicherzustellen und Steuern einzutreiben.

Wir wissen heute nicht mehr genau, wie sich unser Finanzsystem entwickelt hat. Mir erscheint Graebers Erklärungsansatz ebenso gut wie der traditionelle. Doch wozu die Gedankenexperimente? Der Punkt ist, dass man aus den beiden Erklärungen ganz unterschiedliche Schlüsse ziehen muss, was das Zusammenspiel von Staat und Markt angeht.
Mit Smith mag man argumentieren, dass freie Märkte eine stärkere treibende Kraft für den Fortschritt sind, als es Staaten jemals sein können, und dass sie sich ferner natürlich entwickelt haben und damit inhärent „gut“ sind. Glaubt man hingegen Graeber, so gibt es historische Indizien, dass eine Trennung von staatlicher Gewalt und dem Markt nicht gewollt oder jedenfalls noch nie üblich war. Man zweifelt viel eher an, dass wirtschaftliche Freiheit ein natürlicherweise erstrebenswertes Ziel sei.
Ich finde, dass diese Debatte gerade jetzt geführt werden müsste. Weshalb ist Graebers Buch der einzige Vorstoß in diese Richtung, von dem ich gehört habe? Selbst wenn Graeber Humbug schreibt, zeigt das Buch für mich, dass man durchaus sinnvolle Standpunkte vertreten kann, die der vorherrschenden Meinung über den natürlich entstandenen Markt widersprechen.

Abschließend ein Ausflug in die Geschichte Madagaskars (ich verlasse mich auf die Informationen des Autors): Während der französischen Kolonialzeit wurde die Währung Franc auf der Insel eingeführt, um die Einwohner kulturell zu assimilieren. Steuern („impôts moralisateur“- erzieherische Steuern) mussten in dieser Währung an die Franzosen gezahlt werden, Gehälter wurden in der neuen Währung gezahlt. Die Kolonialherren bauten auch Geschäfte, in denen neuartige Konsumgüter wie Kosmetika und Mode angeboten wurden. Dennoch beschreibt Graeber, wie sich die Einwohner Madagaskars anfangs gegen diese Währung wehrten: sie gaben ihr Geld nicht in den verlockenden neuen Geschäften aus, sondern kauften davon Vieh, das sie ihren alten Göttern opferten. Könnte es sein, dass dieser Gesellschaft von oben herab ein freier Markt aufgezwungen wurde, obgleich die Bürger es aktiv nicht wollten?
Madagaskar zahlt wegen der für beide Seiten sehr blutigen Aufstände in den 50ern bis heute Reparationskosten an Frankreich. Der Staatshaushalt leidet darunter so sehr, dass bei der letzten Malariawelle nicht genügend Impfstoff bezahlt werden konnte…

Zum schottischen Referendum

Meinen ersten Abend eines längeren Aufenthaltes in Schottland verbrachte ich im Pub mit Kollegen. Durch einen halben Pint Ale hatte ich den Mut gewonnen, mich in das Gespräch einzumischen, und so müssen mir die Worte „You English people…“ herausgerutscht sein. Die Reaktion war keine freundliche. Seitdem weiß ich: die Schotten haben ihren eigenen Stolz.

Nicht ohne Grund gab es lange und blutige Kämpfe (angeführt von schottischem Adel, und auch Proletariat) gegen die englische Herrschaft, die noch heute in Geschichten und Heldensagen weiterleben. Kulturell gibt es einiges, das sie von dem Rest des Vereinigten Königreiches abtrennt: ein anderer Akzent, ein viel beharrlicherer Alkoholkonsum, ja sogar unterschiedliche Pfundnoten (auf denen unter anderem schottische Freiheitskämpfer abgebildet sind).
Dieser schottische „National-„stolz ist mehr ein nostalgisches Überbleibsel, er beschränkt sich nicht nur auf historische Ereignisse.
Junge Menschen fiebern bei eigentlich allen Sportereignissen für das schottische und gegen das englische Team und schwören auf schottische Biere, Musik, sogar auf das Wetter.

Insbesondere ist ein Unterschied in der politischen Einstellung feststellbar. Mein Eindruck war, dass Schotten zwar selten demonstrieren gehen, und von blutigen Racheaktionen im Namen eines Clans schon vor 300 Jahren abgesehen haben- sie sind (wenigstens in ehemaligen Industriestädten wie Glasgow) insgesamt jedoch viel weniger obrigkeitshörig und für die Interessen der „kleinen Leute“.
Die meisten sind nicht für eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich- doch sie sind auch nicht der Meinung, dass das Königreich das Größte ist: die meisten akzeptieren das Königshaus, befürworten es jedoch nicht aktiv- ganz anders als im Süden Englands.

Als David Cameron in der Euro-Krise den Euro-Ländern seine Unterstützung vorenthielt, wurde ich von meinen schottischen Freunden überrascht, die mir nahe legten, dass sie nicht hinter Cameros Politik stünden, und (ich wusste nicht, wie reagieren) Merkel unterstützten. Mir wurde gesagt, ich solle aus der Politik Camerons keine Schlüsse über die Bürger ziehen, denn man schäme sich für den Premierminister.

Nun wird wieder einmal über ein Referendum zur schottischen Unabhängigkeit diskutiert. Es ist nicht die erste solche Diskussion- angesichts der Krise jedoch eine besonders interessante. Ich habe bereits jetzt, da die genauen Konditionen des Referendums unklar erscheinen, von Schotten Unmut über den starken Einfluss gehört, den Cameron zu nehmen scheint.
Dass sich Schottland dadurch abspaltet, erscheint unwahrscheinlich: die Nationale Partei macht dort stets stärkere und schwächere Phasen durch, war jedoch noch nie stark genug, um bei einer Volksabstimmung eine absolute Mehrheit zu erzielen. Höchstens wird das Ergebnis, wenn es denn knapp ausfällt, also ein Indiz sein, das die englischen Politiker nachdenklich stimmen sollte. Cameron will das Ergebnis des Referendums ausschließlich als „Beratung“ wahrnehmen. Es wird sich nicht viel ändern- außer vielleicht, dass sich die Schotten durch dieses Demokratiespektakel nochmals in ihrem Stolz getroffen fühlen.
Was haben beide Parteien davon? Die Londoner Torys können für die nächsten Jahre jede Diskussion über schottische Unabhängigkeit mit Verweis auf das Referendum abwinken. Die schottischen Nationalisten werden über die undemokratische, konservative Vorgehensweise herziehen und ein paar Sympathisanten gewinnen. No big deal.

Hilfe, es weihnachtet sehr

Was ich mir zu Weihnachten wünsche? Sicherlich bin ich nicht die Einzige, die diesen Satzes längst überdrüssig ist.
Leider gebe ich nie die Antwort, die mir auf diese Frage auf der Zunge brennt. Die würde nämlich lauten: Ich wünsche mir, mal ein Weihnachten keine Geschenke einkaufen zu müssen und keinen Schrott geschenkt zu bekommen! oder Ich habe materiell alles, was ich brauche- und was ich noch nicht habe, das kannst du dir ohnehin nicht leisten.
Leider mische ich mich auch dieses Jahr wieder unter die grimmigen Massen, die in den letzten Tagen vor Heiligabend durch Geschäfte rennen, auf der Suche nach einem originellen, persönlichen, von Herzen kommenden und zugleich günstigen Geschenk- um dann in letzter Minute ein fertig verpacktes Kosmetik-Set zu erstehen. (In Mode sind auch nicht-ganz-materielle Geschenke, wie Erlebnistage von Jochen Schweizer. Uns mangelt es nicht an Gegenständen, sondern an Erlebnissen.)
Leider sehe ich mir immer noch diese Nachrichtensendungen an, in denen über die Leistung des Einzelhandels in der Vorweihnachtszeit berichtet wird. Als gebe es keinen Hunger, keine Arbeits- und Chancenlosigkeit, keine Gewalt, keine Probleme außer der deutschen Konjunktur. Als sei ich persönlich für das Schicksal des Einzelhandels verantwortlich, als ginge die Welt unter, würden wir nicht (weihnachtlich gestimmt selbstverständlich) konsumieren, so viel wir uns erlauben können (oder auch nicht).
Leider glaube ich nicht mehr an das Christkind, sondern an die nüchterne Wahrheit, dass der Dezember jeden Jahres vor allem durch einen verschärften Konsumwahn, erhöhte Selbstmordraten, noch unglücklichere Gesichter in den Einkaufsstraßen und noch leerere Geldbeutel gekennzeichnet ist.

Auch werde ich auch nicht mehr an Nächstenliebe glauben, wenn ich lese, wie viele Obdachlose in diesem Jahr wieder erforen sind. Nicht einmal an zeitlich beschränkte, kausal direkt und ausschließlich mit dem Weihnachtsfest zusammenhängende Nächstenliebe…
Was das angeht, glaube ich ebenso wenig an „von Herzen kommende“ Geschenke:
Ich wollte zwei jüngeren Kindern (Leopardenfans) zu Weihnachten eine Tierpatenschaft schenken und recherchierte im Internet nach Möglichkeiten.
In einem Forum hatte jemand genau mein Problem gehabt. Perfekt! Er hatte nach einer guten Institution für solche Patenschaften gefragt, und als Antwort erhalten, er solle doch lieber eine Kinderpatenschaft kaufen, Menschen seien schließlich wichtiger als Tiere und es gebe so viele leidende Kinder.
Ich suchte daraufhin nach Möglichkeiten für Kinderpatenschaften. Diese würden ein etwas weniger hübsches Geschenk abgeben: von WWF bekommt man einen Plüschleoparden zugeschickt…  vom SOS Kinderdorf jedoch sicherlich kein Plüsch-Kind.  Die Internetseiten von Organisationen, die Kinderpatenschaften anbieten, sind sehr informativ: dort bekommt man auf den ersten Blick neben Slogans à la „Schenken Sie Ihren Lieben ein gutes Gewissen“ sofort Hinweise, wie man Patenschaften steuerlich als Spenden absetzen kann. Schenken, dabei etwas Gutes tun, und steuerlich profitieren. Dass ich mir diesen Luxus leisten kann! Den Luxus des Gutseins ganz ohne Schmerzen… ein Kind für eine nicht definierte Weile finanzieren, ohne Verpflichtungen und ohne ihm gegenüber stehen zu müssen, und sein Leid sehen zu müssen…
Ich kaufte keine Patenschaft. Stattdessen ging ich in einen Spielwarenladen und kaufte zwei Schneemänner aus Plüsch ein, die vermutlich von armen Kindern, die niemals eine sorgenfreie Kindheit mit Schneemännern hatten, in schneefernen Regionen dieser Welt zusammengenäht worden waren.

Ich bin nicht immer Weihnachtsmuffel gewesen! Das kindliche Konzept von Weihnachten (Gemütlichkeit und familiäre Geborgenheit) liebte ich- sobald man diesem jedoch, mehr oder weniger gezwungenermaßen, entrinnt (oder dieses nie erlebt hat), ist es vorbei.
In einer Welt, in der ethischer Konsum kaum möglich erscheint, und Weihnachten beinahe auf ein Konsumfest reduziert worden ist, kommt mir die Geschichte vom Jesuskind, das sich für die Menschheit geopfert hat, zunehmend wie eine Farce vor.

An Heiligabend werde ich, zusammen mit den anderen U-Boot-Christen, in der Christmette „auftauchen“ und Macht Hoch die Tür singen. Anschließend werde ich irgend ein antibiotikavollgepumptes und grausam geschlachtetes Geflügeltier essen und Menschen, die mir etwas bedeuten, Plüschtiere und Kosmetik-Sets bescheren…
Warum? Weil es die einzige Auszeit nach wochenlangem Arbeits- und Einkaufsstress ist. Weil Weihnachten, obgleich es wie die Satire einer einst glücklichen Tradition erscheint, eine der wenigen Gelegenheiten zum gemütlichen Beisammensein mit Familie bietet. Weil es sonst keine Möglichkeiten gibt, Menschen durch ein Geschenk zu zeigen, dass sie wenigstens so präsent sind, dass man sich verpflichtet fühlte, ihnen etwas zu schenken… und weil ich wirklich sehr gerne schokolierte Lebkuchen mag!

Frohes Fest!