Im Bildungszoo (Leseempfehlung)

Eine originelle Ideen hatten in dieser Woche russische Demonstranten – sie zeigten Plakate, die eine statistische Gegenüberstellung zeigten:
Die (angebliche) Verteilung der Wahlbeteiligungen in verschiedenen Lokalen (mit einem erstaunlich hohen Anteil hoher Beteiligungen) verglichen mit der erwarteten normalverteilten Gausskurve. Die russischen Demonstranten haben zweifelsohne Recht, was die Dubiosität des Wahlergebnisses angeht- und verwenden das statistische Argument einer gaussschen Normalverteilung korrekt.

Jedes Mal, dass mir etwas mit der berüchtigten Glockenkurve erklärt wird, werde ich dennoch leicht nervös. Das liegt einerseits daran, dass Statistik in der Mathematik nie zu meinen Stärken gehörte. Es gibt jedoch einen zweiten Grund: Glockenkurven werden vielerorts als Entschuldigung für „alternativlose“ unbeliebte Entscheidungen verwendet: von Dozenten beispielsweise, die sich so ihre Klausurnoten zurechtbiegen…
Oder, auf einer höheren Ebene, in unserer Bildungspolitik. Wenn das deutsche Bildungssystem einen klugen Jungen wie Gauss hervorbringen konnte, so scheint die Annahme zu lauten, dann kann man seine Erkenntnisse bei jedem noch so unpassenden Anlass zitieren. Etwa so, zum Thema Bildungsungleichheit: „Intelligenz ist nun einmal gaussverteilt, da muss es Unterschiede geben“.

Ich bin vor kurzen auf einen Artikel von Torsten Bultmann gestoßen, der auf den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Ungleichheit und Bildungsungleichheit (und einiges mehr) eingeht. Der Artikel ist sehr lesenswert (!!) und eine Goldgrube an Erkenntnissen – ich möchte hier nur kurz Ausschnitte zitieren, weil er meine Meinung in vielerlei Hinsicht so treffend auf den Punkt bringt:

„Merke: Wenn das Gleichgewicht zwischen wachsendem gesellschaftlichen Bildungsniveau und Begrenztheit privilegierter Arbeitsplätze erheblich gestört ist und wenn dadurch möglicherweise noch ein zusätzlicher Demokratisierungs- und Legitimationsdruck im Hinblick auf gehobene soziale Positionen entsteht, ändert sich im Regelfall die politische Gefechtslage: das Chancengleichheitsmotiv wird als bidungspolitischer Impuls abgewertet, statt dessen heißt es nun „Mut zur Erziehung!“ (1978), „Mehr Elitenförderung!“, „Mehr Wettbewerb!“.“

„Die anti-pädagogische Fragestellung, wieviel an Bildungsinvestition sich in welchen Menschentyp „lohne“, beschreibt eine – meines Erachtens in dieser Intensität neuartige – Synthese aus betriebswirtschaftlichem Rentabilitätskalkül und erbbiologischen Aftertheorien über „natürliche“ Ungleichheit (s.u.). Gegenwärtig sind etwa alle Bildungseinrichtungen, Schulen und Hochschulen, einem gigantischen Kostensenkungsdruck bei wachsender gesellschaftlicher Beanspruchung ausgesetzt. Der dadurch begünstige Übergang von traditionellen (Selbst-)Verwaltungsstrukturen zu betriebswirtschaftlich ausgerichteten sog. „neuen Steuerungsmodellen“ (Bultmann 1999) produziert strukturbedingt einen selektiven Blickwinkel auf die Bildungsobjekte.“

„Mit anderen Worten: Es ist mal wieder soweit. Immer wenn neue einschneidende Sparmaßnahmen an den staatlichen Bildungsetats ins Haus stehen, werden die verbliebenen Ansätze einer integrativen Bildungspolitik, die sich um eine bessere Bildung für alle bemüht, durch „Begabtenforschung“ und „Begabtenförderung“ verdrängt. (Ulmann 1991, 134). In solchen Zeiten wird (mal wieder) der Elitenbegriff „enttabuisiert“ (Forschung und Lehre 4/1997; DUZ 14/1998)2 und wendige Mainstream-PsychologInnen entwickeln Meßinstrumente, die eine frühzeitige Selektion unterschiedlicher Lebenschancen ermöglichen sollen. Nicht alle Menschen möglichst gut zu bilden, ist dann angesagt, „sondern diejenigen auszuwählen und zu fördern, bei denen ‚es lohnt'“ .“

Torsten Bultmann, Die Eliten und die Massen. Kritik eines bildungspolitischen Stereotyps.

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3 Kommentare zu “Im Bildungszoo (Leseempfehlung)

  1. harzpeter sagt:

    Nicht vergessen werden darf bei den Schlagwörtern wie z.B. „Begabtenförderung“ das Elternhaus. Manche Eltern aus dem – salopp ausgedrückt – „Arbeitermileu“ erkennen selbst nicht die wie auch immer gelagerten Begabungen/Talente/Fähigkeiten ihrer Sprösslinge.

    Noch schlimmer ist es, wenn dort ein gewisses Standes- oder Klassenbewusstsein vorherrscht. Die Eltern wissen zwar um die evtl. sogar überdurchschnittliche „Intelligenz“ ihres Kindes, trotzdem schicken sie es aus „Standesdünkeln“ nicht auf ein Gymnasium: „Gymnasium? Das ist nur was für die Kinder der `besseren´ Leute. Da gehörst du als Arbeiterkind gar nicht hin, auch wenn du noch so `klug´ bist!“.
    Auch aus eigener Erfahrung kann ich hierzu ein Liedlein trällern…

  2. Und genau deshalb bin ich der Meinung, dass die vermeintliche Begabten“förderung“ (-Abgrenzung) nicht so stark klassifizieren und vor allem vom sozialen Umfeld wesentlich unabhängiger sein sollte.

    Eine Maßnahme wären Ganztagsschulen und eine spätere Trennung der Bildungswege: nach der 4. Grundschulklasse, mit 10 Jahren, entscheidet kein Kind hier wirklich selbstständig. Und ist es dann einmal auf der Haupt- oder Realschule gelandet, wird ihm ein Abitur ganz unabhängig von der Begabung wesentlich schwerer zugängig.

    Ein durchlässiges, faires Bildungssystem fängt Unterschiede im Elternhaus ab, ist durchlässig und umfassend- und erst anschließend kann man ernsthaft objektiv Begabungen unterscheiden und das volle Potenzial der Schüler fördern. Da setzt Masse dann vielleicht sogar Klasse voraus.

    Aber wie oben zurecht angesprochen: Begabtenförderung ist ein schöner Begriff; die Fairness dem Kinde gegenüber fällt oft unter den Tisch.

    Ich kann aus meiner Erfahrung wiederrum berichten, dass es auch das andere Extrem gibt: Ehrgeizige Akademikereltern, die sich so sicher sind, dass ihr Kind in einer Richtung hochbegabt sei, dass sie andere Begabungen übersehen, das Kind sozial isolieren und unter enormen Druck setzen…

  3. harzpeter sagt:

    Ich stimme durchaus zu: Der von Eltern aus Akademikerkreisen auf ihre Sprösslinge ausgeübte, manchmal nahezu unmenschliche Druck, ohne Rücksicht auf die tatsächlichen „Begabungen“/Fähigkeiten der Kinder auf Teufel komm raus ebenfalls eine akademische Laufbahn einschlagen zu m ü s s e n, kann u.U. zu schweren psychischen Störungen bei den davon Betroffenen führen. Wenn der krankhafte Ehrgeiz der Eltern über allem steht kann für ihren Nachwuchs dabei nun mal nichts Gutes herauskommen.

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