Brot und Spiele

Für Fußballmuffel wie mich war es eine angenehme, ruhige Zeit, die bald endet: 2012 finden die Europameisterschaften im Herrenfußball statt, und es scheint bereits jetzt Zeit zu sein, vermehrt über dieses Ereignis, das inzwischen weit mehr als nur ein sportlicher Wettbewerb ist, zu berichten. Fußball ist in Europa ein wesentlicher Bestandteil der Populärkultur- und hat sogar (zum Glück) größtenteils seinen Ruf verloren, ein „Proletensport“ zu sein.
Ich persönlich kann mich nicht für den Fußball begeistern, habe jedoch andere Leidenschaften und möchte daher keineswegs über seine Fans oder Sportler urteilen. Auch damit, dass (wenigstens an dem Papiervolumen gemessen) etwa 10% des Geldes, den ich für eine Tageszeitung zahle, in Sportreportagen investiert werden, habe ich mich abgefunden: das ist nun einmal deutsche Kultur.
Fußballmeisterschaften beginnen, mir auf den Nerv zu gehen, sobald die mediale Aufmerksamkeit, die ihnen gewidmet wird, nur zur Verdeckung anderer Probleme zu dienen scheint. Brot und Spiele- eine politische Strategie, die sich seit der Antike bewährt hat!

In Großbritannien wird derzeit über eine Studie diskutiert, der zufolge die GCSE-Abschlussprüfungen wesentlich schlechter ausfallen, wenn sie kurz vor oder nach einem wichtigen Fußballspiel stattfinden. Dass die Studie Recht hat, erscheint, wenn man jemals begeisterte Fußballfans beobachtet hat, wahrscheinlich. Auch, dass besonders Jungen aus weniger wohlhabenden Verhältnissen in der Prüfungsphase durch Fußballspiele abgelenkt werden, glaube ich. Allerdings – und a propos ablenken:
Ist das Problem hier tatsächlich der Fußball? Oder ist es vielmehr eine ungleich schlechtere Betreuung von Kindern, deren Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen? Sicherlich wäre es nachhaltig, in schulische Betreuung und ein gleichmäßigeres Bildungsniveau investieren? Die Reporter von Channel 4 News scheinen der Ansicht zu sein, dass man derartige Maßnahmen durch eine Verschiebung der Prüfungen (in eine fußballfreiere Zeit) ersetzen kann.

„They argue that this measure would be a lot less expensive than most of the policies that have been pursued, or which are advocated, to improve the exam performance of disadvantaged boys – such as the literacy hour in schools, or improving pupil-teacher ratios.“

Kurzum, das Problem der Ungleichheit in der Bildung wird auf den Fußball reduziert. Die Reporter lenken damit von tiefer liegenden Problemen ab, die einer besseren Lösung bedürften. Warum nur habe ich das Gefühl, dass die Fußballmeisterschaften als Vorwand missbraucht werden…?

Ich bin gespannt, wie gut die EM 2012 in Deutschland zur Ablenkung des Volkes fungieren wird.
Werden wir in der Zeit wieder ein paar Überwachungsgesetze untergejubelt bekommen? Wohin auch immer die Eurokrise sich bis dann entwickelt hat- meine Vermutung ist, dass angesichts des wichtigeren Fußballspektakels keine Diskussion über die Krise des Kapitalismus, in der wir stecken, stattfinden wird.
Sicherlich werden auch durch unpopuläre Maßnahmen in Verruf geratene Politiker uns wieder sympathisch sein, wenn sie sich im Stadion dabei filmen lassen, wie sie bei Spielen der deutschen Mannschaft mitfiebern. „Das sind welche von uns, die sind ganz bodenständig.“
Es wird wieder eine Debatte um Patriotismus in Deutschland geben. So kontrovers diese sein mag- Edeka wird wieder schwarz-rot-golden verpacktes Obst verkaufen, und meine Kommilitonen werden wieder in mit Deutschlandflaggen auf der Stirn im Hörsaal sitzen. Werden wir da über globale Herausforderungen nachdenken können, oder wird unsere Aufmerksamkeit vielmehr ganz von „unserer“ Nationalmannschaft eingenommen sein?

Es ist noch ein Weilchen hin bis zur EM 2012, und das werde ich genießen. Doch sogar die Verlosung der Vorrundengruppen ist eine Schlagzeile wert- bald geht das Theater los…

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3 Kommentare zu “Brot und Spiele

  1. harzpeter sagt:

    Ich gebe es zu – ich bin fußballinteressiert! Früher war ich sogar fußballbegeistert, habe mir zu Zeiten eines Ernst Huberty, Werner Zimmer, Adi Furler und Holger Obermann jeden Samstag in der ARD-Sportschau mit Begeisterung die Bundesligaberichterstattung reingezogen. Seit 1970 bin ich bei jeder WM und EM live am TV dabei gewesen – eigentlich sogar schon seit der WM 1966, aber aus alterstechnischen Gründen habe ich davon nicht viel bewusst mitbekommen, auch nicht das ominöse Wembley-Tor – und habe sogar etliche Jahre selbst gegen den Ball (und falls nötig auch mal gegen den Gegenspieler) getreten.

    Mittlerweile beschränke ich mich aber nur noch darauf, mir die „Rosinen rauszupicken“, also mir nur noch die Spiele, die ich persönlich als solche einschätze, anschaue. So gänzlich ohne geht es bei mir also immer noch nicht.
    Zu früheren Zeiten war also auch ich so einer, der sich medial auf diese „Events“ hat lenken lassen und für den es während solcher Ereignisse so gut wie nichts anderes nebenher gab. Aber man ist ja GottseiDank lernfähig und mit zunehmendem Alter habe ich mich dahingehend „gebessert“. Mittlerweile behalte ich trotz medialem Trommelwirbels und Dauerfeuers vor und während dieser Veranstaltungen auch die tagesaktuellen Geschehnisse weiterhin aufmerksam im Blick.

    Aufgrund meiner ehemaligen Fußballbegeisterung sowie der Tatsache, dass ich aus „einfachen Verhältnissen“ komme und bis heute ausschließlich „Kleine Leute“ mein persönliches Umfeld darstellen, versuche ich einfach mal eine Erklärung für die Ablenkungsbereitschaft der „Normalbürger“ bezüglich derartiger „Highlights“ zu finden:

    Der Fußball ist für den Großteil der daran interessierten Menschen aus „kleineren Verhältnissen“ vieles zugleich. Er ist für die einen eine Art Ersatzreligion, für andere eine Fluchtmöglichkeit aus den alltäglichen Sorgen und Nöten, für wieder andere evtl. sogar eine Art von ersatzweiser kriegerischer Auseinandersetzung. Beim Fußball können sie die ganze Palette menschlicher Emotionen ausleben, die sie im normalen Leben zumeist sicher verborgen halten: Freude, Glück, Trauer, Wut, Hass, Nationalismus, usw. Ein Sieg ihres Vereins oder der Nationalmannschaft, vor allem in von ihnen als wichtig erachteten Spielen, freut sie mehr als jedes noch so erfreuliche Ereignis in ihrer Familie und jede Niederlage schmerzt sie evtl. sogar noch stärker als der Verlust eines nahen Familienangehörigen.
    Beim Fußball dürfen sie diese Emotionen – auch öffentlich – rauslassen, während sie ansonsten in ihrem „anderen Leben“ jegliche offen wahrnehmbare Gefühlsregung unterdrücken. Sie trauen sich außerhalb des Stadions bzw. fernab des Fernsehers halt einfach nicht. Die somit aufgestauten Gefühlswallungen werden dann eben beim Fußball entladen.

    Gern begründen sie ihre Fußballverrücktheit mit „Ich habe doch sonst nichts anderes im Leben!“. Es gibt bekanntlich sogar Fans, die sich ihre Eintrittskarten im wahrsten Wortsinne von ihrem eigenem Mund sowie den Mündern ihrer Familienangehörigen absparen. Sie w o l l e n sich eben durch den Fußball ablenken lassen, ihre Ängste, Sorgen und Nöte aus dem Alltagsleben dabei ausblenden können, ihren angesammelten Frust an Spielern der gegnerischen Mannschaft/dem Schiedsrichter auslassen und Glücks- oder gar Triumphgefühle bei Erfolgen ihrer Mannschaft in vollen Zügen genießen.
    Gerade bei denen, die ihr Dasein als täglichen Überlebenskampf empfinden wie z.B. den „echten Malochern“, Geringverdienern aller Art und Arbeitsuchenden fällt das mediale hinlenken auf sportliche Großereignisse auf fruchtbarsten Boden und wird dort dankbar entgegengenommen. Außerhalb ihrer Fußballwelt ist für diese Menschen nun mal alles nur noch die reinste Sch… und von der wollen sie zumindest für 90 (ggf. auch 120 Minuten) oder bei Großveranstaltungen gern auch mal 4 Wochen nichts mehr wahrnehmen müssen. Und nichts anderes soll durch die entsprechende massive mediale Manipulation erreicht werden.

    Im Sommer diesen Jahres sollten wir bekanntlich alle die Frauenfußball-WM toll finden und die nach Möglichkeit niemand verpassen durfte. Da jedoch viele Fußballinteressierte – vor allem männliche Zeitgenossen – mit kickenden Frauen nicht viel am Hut haben (ich übrigens auch nicht, hat aber nichts mit Machogehabe oder Chauvitum meinerseits zu tun!), hielt sich der allgemeine Hype darum Gottlob in halbwegs erträglichen Grenzen. Das Ausscheiden der DFB-Frauen im Viertelfinale tat dazu natürlich sein übriges. Wenn sie weitergekommen wären und evtl. sogar das Finale erreicht hätten – wer weiß wie es dann gekommen wäre.
    Im nächsten Jahr wird es mit Sicherheit anders aussehen. Dann haben wir alle gefälligst wieder für 4 Wochen „Deutschland“ zu sein – je nachdem ob die DFB-Elf nicht frühzeitig scheitert. Und die meisten von uns werden dann auch wieder „Deutschland“ sein, zumindest solange die „eigene“ Mannschaft erfolgreich spielt.
    Interessant hierbei ist übrigens immer schon gewesen, dass bei Siegen stets „wir“ gewonnen haben, bei Niederlagen dagegen immer nur „die“ verloren haben. Das aber nur als Randbemerkung zum Schluss.

    .

  2. Das ist ein interessanter Standpunkt- durchaus sehr nachvollziehbar- der mir nie verstaendlich war, weil mich Fussball einfach nicht fasziniert hat.

    Ablenkungsbereit sind sicherlich viele Leute (ich auch, zum Glueck jedoch nur zeitweise), gerade jene, die unter einem grossen finanziellen oder sozialen Druck stehen. Wenn sie sich dann „bewusst“ oder wenigstens frei fuer den Fussball entscheiden, dann ist das voellig legitim und genauso sinnvoll, wie wenn ich seichte Fantasybuecher zur Zerstreuung lese (auch hier koennte man mir Realitaetsflucht vorwerfen).
    Ablenkung ist okay und fuer die psychische Gesundheit moeglicherweise sogar notwendig.

    …wenn man darueber hinaus bereit ist, sich zu informieren!- und hier glaube ich, dass diese Bereitschaft weitestgehend auch bei Fussbalfans besteht- und wenn man sich auch informieren KANN.
    Da will man schnell die Nachrichten des Tages lesen, hat vielleicht keine Zeit fuer detaillierte Recherche, schlaegt die Tageszeitung auf, und sieht: den Eurovision Song Contest, Fussball, Gottschalk, etc.
    Ich habe daher das Gefuehl, dass die Medien eine kollektive Ablenkungs“richtung“ erzwingen wollen. Und das ist den von oben erzwungenen „Brot und Spielen“ zur Ablenkung des Volkes erschreckend aehnlich.

  3. harzpeter sagt:

    Natürlich streite ich nicht ab, dass bei den Menschen aus den „gesellschaftlichen Schichten unten und untere Mitte“ – egal ob nun Fußballanhänger oder nicht – ebenfalls eine Informationsbereitschaft besteht. Diese erstreckt sich jedoch zumeist, wie bereits im vorstehenden Beitrag angeklungen ist, auf den groben und möglichst schnellen Überblick. Umfassendere Information wird dort eher als zu mühselig empfunden.

    Aus meinem persönlichen Umfeld kenne ich diese „Denke“ nur zu gut. Die „Blöd“ ist dort tägliche Pflichtlektüre, denn die erklären einem ja in einfachen Worten ganz schnell die Welt und im TV wird RTL aktuell geschaut oder auch mal kurz in die Tagesschau gezappt. In meinem Bekanntenkreis verfügt jede(r) über einen Internetzugang, doch auch diejenigen, die ausreichend Zeit hätten, weigern sich schlicht und ergreifend selbigen zur weitergehenden Information zu nutzen. Für sie dient das Internet ausschließlich der Unterhaltung und zur „Schnäppchenjagd“. Sie w o l l e n sich nun mal nicht mit Zusatzinformationen, ausführlicheren Hintergründen und anderen Meinungen als denen der Mainstreammedien belasten.

    Ich weiß nicht, wie oft ich in meinem Umfeld in den letzen 3 Jahren schon Seiten/Blogs wie die nachdenkseiten, den Spiegelfechter, ad-sinistram, usw. „beworben“ habe – bislang sind meine Bemühungen bei ihnen jedenfalls wirkungslos verpufft. Durch „Blöd“ und RTL aktuell fühlen sie sich umfassend und korrekt informiert, mehr brauchen sie nicht und können somit auch mitreden. Praktisches Beispiel dazu: Vor kurzem erst musste ich bei einer kleineren Familienfeierlichkeit vernehmen: „Also der Steinbrück, das ist schon ein fähiger Mann. Hoffentlich wird der Kanzler!“. Daraufhin uneingeschränkte Zustimmung allerorten. Ich habe dann versucht, ein wenig auf die nicht unerhebliche Mitverantwortung des Herrn Steinbrück für die Entstehung der sog. Finanzkrise hinzuweisen. Erfolg: Gelangweiltes allgemeines abwinken plus vereinzelte Vorwürfe der Klugscheisserei. Mir wurde übrigens neulich aus dieser Richtung auch schon mal entgegnet: „Lies du nicht mehr so viel deine nachdenkseiten, die verkleistern dir da nur dein Gehirn!“. Tja, die Jungs und Mädels w o l l e n eben ihre Meinung gebildet und verzehrfertig auf den Teller gelegt bekommen, selbst wenn sie noch so viel Zeit hätten, ihr „Meinungsmenü“ noch ein wenig selbst zu verfeinern.

    Das RTL aktuell mittlerweile die Tagesschau hinsichtlich der Einschaltquoten als Nachrichtensendung Nummer eins abgehängt hat spricht für sich. Und das die „Blöd“ trotz der immer wieder darin erscheinenden Hetzkampagnen gegen ALG II-Berechtigte von gerade eben jenen trotzdem von den paar Kröten, die sie zur Verfügung haben, gekauft wird, ebenfalls. Die deutschen Michels und Michelinen neigen anscheinend stark zum Masochismus…

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