Wenn ich groß bin, werde ich Trainee

„Ein Trainee ist ein Hochschulabsolvent, der in einem Unternehmen systematisch als vielfältig einsetzbare Nachwuchskraft aufgebaut wird, üblicherweise durch ein Traineeprogramm mit aufeinander abgestimmten Einsätzen in verschiedenen Abteilungen, Seminaren und Netzwerkveranstaltungen. Umgangssprachlich wird Trainee oft irrtümlich mit Traineeprogramm gleichgesetzt, was zu einigen Verwirrungen führen kann.“

Wikipedia, 25.11.2011

In meinem Studienfach fangen gefühlte 90% der Absolventen als Trainees („Trähnees“) an. Ich vermute, dass es in den reinen Wirtschaftswissenschaften noch mehr sind. Es gibt verschiedene Trainee-Arten: Consulting Trainees, Systems Engineering Trainees, oder Human Resources Trainees. Für die nicht ganz so Englisch-affinen Leser: trainee (von engl. to train) bezeichnet im Englischen einen Auszubildenden oder Lehrling- jemanden, der „trainiert“wird, beziehungsweise für seinen späteren Beruf in der Firma ausgebildet wird. Im Neudeutschen hat Trainee freilich eine andere Konnotation. Nicht umsonst verwenden wir dieses Lehnwort zur linguistischen Abgrenzung des Trainees von dem stinknormalen Azubi:

Trainees haben ein abgeschlossenes Studium und streben eine Führungsposition in dem Unternehmen ein. Sie werden aufwändigst in Assessment Centern anhand ihrer fachlichen Qualifikationen und Soft Skills ausgewählt. Erst, wenn sie sich mit ihrem makellosen Lebenslauf gegen einige Dutzend Konkurrenten durchgesetzt haben, werden sie mit Aussicht auf ein attraktives Gehalt, eine 60-Stunden-Arbeitswoche und eine steile Karriere in ihrem Traumunternehmen eingestellt.
Es besteht also kein Zweifel, dass ein Trainee in einer ganz anderen Liga spielt, als ein „gewöhnlicher“ Azubi. Letzerer hat womöglich nur einen Realschulabschluss- jedenfalls keinen Bachelor- und verdient seit Jahren seine Brötchen mit einer minderwertigen, verantwortungsarmen kaufmännischen Tätigkeit. Soft Skills hat der Azubi bestimmt nicht erworben, und sicherlich weist sein Lebenslauf kein außeruniversitäres Engagement auf! Dafür hat er schließlich im Gegensatz zu uns schlauen Studentenköpfen aufgrund seiner banalen Vollzeittätigkeit keine Zeit. (Ich hoffe, dass die Ironie angekommen ist)

Englische Lehnwörter im Deutschen sind keine Seltenheit. Ich habe jedoch den Eindruck, dass die Lehnwörterdichte, wenigstens im Unternehmenssprech, mit dem Bildungsniveau (und der Arroganz) zunimmt. In meiner Kindheit waren die häufigst gebrauchten Lehnwörter cool, hip und shit– jetzt höre ich viel öfter von Corporate IdentityResearch&Development  und Dress Code.
Ähnlich, wie der Adel einst mit französischen Begriffen um sich warf, scheint heutzutage ein regelrechter Zwang zu bestehen, „schicke“ Berufe mit euphemitisch klingenden englischen Bezeichnern zu versehen. Das finde ich- auch wenn ich früher oder später wohl als Junior Engineer enden werde- bemerkenswert. Englische Bezeichner klingen dynamisch, modern und irgendwie weniger konkret.
Anders als im IT-Bereich (wo oft gar kein angemessener deutscher Begriff existiert) könnten wir durchaus auf Deutsch ausdrücken, welchen Beruf wir ausüben. Vielleicht möchten wir einen Hauch amerikanischer Kultur vermitteln- aber warum? Amerika gibt seine wirtschaftliche Vorreiterrolle mehr und mehr ab- und wir leben in einer Gesellschaft mit vielen durch den amerikanischen Traum Desillusionierten. Auch Englischkenntnisse sind kein Alleinstellungsmerkmal mehr, sondern in den jüngeren Generationen quasi die Regel.

Die Sprache ist stets ein starkes Indiz dafür, wer kulturelle Vorherrschaft ausübt. Hoffentlich ist es lediglich ein Überbleibsel des starken amerikanischen Einflusses (den ich durchaus nicht verachte!), dass wir Studienabsolventen uns mit Stolz als Trainees bezeichnen. Mit der gleichen Logik könnte man folgern, dass demnächst chinesische Lehnwörter in die Mode kommen- dafür sind Deutsch und Chinesisch jedoch zu unterschiedlich.
Ich bin gespannt, wie sich die Verschiebung der wirtschaftlichen Machtverhältnisse auf unseren Sprachgebrauch auswirken wird!

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