Gedanken zu unseren Medien

Durch die Nachdenkseiten wurde ich heute auf eine Umfrage zum Thema Blogs im Vergleich zu professionellen Medien aufmerksam. Die Ergebnisse interessieren mich sehr.
Obgleich ich die meisten Informationen aus dem Internet beziehe und weder Fernsehen noch Radio besitze, gehöre ich noch der Generation an, die die Tagessschau-Melodie noch auswendig kennt und Sonntags des öfteren in der Wochenzeitung geblättert hat, da sie erst in ihrer späten Jugend mit dem Internet konfrontiert wurde. Meine Meinung zu professionellen Medien, insbesondere den deutschen, hat sich seitdem stetig verschlechtert.
Ich habe das Gefühl, von den deutschen professionellen Medien nicht nur quantitativ weniger Informationen, sondern auch ein eingeschränkteres Meinungsspektrum präsentiert zu bekommen. Ich ziehe inzwischen neben Blogs und sozialen Netzwerken auch ausländische Medien zu Rate und habe den Eindruck, dass Al Jazeera, BBC und sogar die chinesische Nachrichtenseiten stärker auf internationale Ereignisse eingehen (und dabei interessante Standpunkte beleuchten), als beispielsweise die ARD. Wie ist dieses Nachlassen der professionellen deutschen Medien zu erklären?

Der Wikipedia-Effekt

Als ich die gymnasiale Oberstufe besuchte, war es bei Hausaufgaben nicht nur verpönt, Wikipedia als Quellenangabe zu nennen (was durchaus verständlich ist), sondern sogar, die Website überhaupt zu Rate zu ziehen. Das hat sich geändert: in meinem Studienumfeld bleibt Wikipedia zwar weiterhin nicht zitierbar. Dass man dort wertvolle und insbesondere aktuelle Informationen beziehen kann, die es noch nicht in gedruckte Enzyklopädien geschafft haben, ist inzwischen jedoch allgemein anerkannt.

Mit dem Wikipedia-Effekt meine ich also: Mehr mitwirkende Menschen haben quantitativ mehr Wissen, dass sie teilen können. Außerdem wird durch die rege Beteiligung die Verbreitung von Unsinn unterbunden, da dieser bald korrigiert wird.
Ähnliches gilt auch für Blogs und Twitter- nicht jedoch für herkömmliche Medien, bei denen eine Handvoll Journalisten einen Internetauftritt pflegen. Man mag nun argumentieren, dass diese Journalisten Experten auf ihrem Gebiet sind und zudem direkteren Zugang zu Informationen haben. Die Revolutionen in arabischen Ländern, bei denen rege Kommunikation über das Internet betrieben wurde, zeigen jedoch das Gegenteil: freie Verfügbarkeit von Informationen und öffentliches Mitwirken führen dazu, dass die breite Masse am Ende mehr weiß.

Die Absicht der Medien

Der Wikipedia-Effekt erklärt zwar, weshalb professionelle Medien quantitativ weniger Informationen anbieten können, nicht jedoch, warum sie qualitativ nachlassen. Es ist verständlich, dass ich über ein Ereignis erst eine Stunde später informiert werde, als der erste Tweet veröffentlich wurde. Was ist jedoch mit all den Themen, die den professionellen Medien zugänglich wären, jedoch völlig ignoriert werden?
Was ist beispielsweise aus unseren so groß angekündigten Milleniumszielen geworden (da ist doch beinahe schon Endspurt)?  Warum erfahre ich von dem heftigen mexikanischen Drogenkrieg, der 2010 immerhin 11k Leben gefordert hat, nicht über die Nachrichten, sondern per Zufall von einem Bekannten, dessen geschäftliche Reise in das Land aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste? Warum ist der Nachfolger Thomas Gottschalks in den „professionellen“ Medien scheinbar genauso wichtig wie die neueste Eskalation in Fukushima? Warum werden überall Diät- und Workout-Tipps veröffentlicht, selten jedoch Studien über die gesundheitlichen Auswirkungen der Finanzkrise?

All diese Informationen sind professionellen Journalisten zugänglich, scheinen jedoch nicht im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen.
Sie entsprechen offenbar nicht den Zielen, die professionelle Medien verfolgen. Während ich als Bloggerin schreiben kann, was mir subjektiv wichtig erscheint, sind Journalisten dazu gezwungen, einer Kundschaft und ihrem Arbeitgeber gerecht zu werden. Aus meinem Bekanntenkreis weiß ich, dass man es als Journalist nicht leicht hat: die Konkurrenz ist hart, und die meisten arbeiten auf freiberuflicher oder befristeter Basis. Journalisten, die mit ihrem Beruf ihre Brötchen finanzieren, sind nicht mehr frei und auch nicht Ziel meiner Kritik.
Sind es also die Leser, die sich nicht für die (meiner Meinung nach) vernachlässigten, oben genannten Themen  interessieren? Kann man Nachrichten über Thomas Gottschalk einfach besser verkaufen als Nachrichten über Drogenkriege? Dafür spricht, dass die BLÖD BILD-Zeitung immerhin die auflagenstärkste deutsche Zeitung ist, und ist wäre ein Armutszeugnis. Dagegen spricht, dass im Internet viele interessante, vielseitige Websites immer mehr Zulauf nehmen, und den traditionellen Medien die Kundschaft klauen.

Es gibt neben der Leserschaft eine zweite Interessengruppe, die den deutschen Journalismus beeinflusst: die Konzerne und die Politik (inzwischen sehr miteinander verwoben). Diese Interessengruppe kann meiner Meinung nach nur zu einer Qualitätsabnahme führen und sollte so schwach wie möglich gehalten werden. Die deutschen Medien werden zunehmend von privaten Konzernen wie der Axel Springer AG oder der Bertelsmann Stiftung kontrolliert. Oft ist dem Leser nicht klar, dass er mit seiner Berliner Morgenpost ein Produkt des gleichen Verlages vor sich liegen hat, der auch die BILD-Zeitung druckt. Noch unklarer ist- selbst dem kristischen Leser- die Beziehung, in der Medienkonzerne und Politiker stehen. Es lässt sich anhand der Inhalte vermuten, dass die Berichterstattung voreingenommen ist. Wie genau, von wem und in welchem Maße Lobbyismus betrieben wird, bleibt zumindest mir schleierhaft.

Auswege?

Das Ergebnis der Umfrage ist noch abzuwarten- in meinem Bekanntenkreis wenigstens gibt es dennoch einige, die wie ich von den professionellen Medien enttäuscht haben. Bleibt es beim Status Quo, so werden diese Medien weiterhin Teile ihres kritisch denkenden Publikums verlieren, was sich kaum positiv auf die Qualität der Berichterstattung auswirken wird.
Das privaten Medienkonzernen entgegengesetzte Extrem, also eine starke zentrale Kontrolle der Medien durch den Staat wie in China, ist sicherlich keine wünschenswerte Alternative.
Für mich liegt ein Ausweg in der Entlastung von Berufsjournalisten, etwa durch Bestimmungen, die ein Mindestmaß an Sicherheit in Arbeitsverträgen festlegen. Noch wichtiger ist Transparenz. Ich möchte wissen, wer hinter der Berichterstattung steht- möglichst in einer Form, die nicht stundenlanger Internetrecherche bedarf. Am besten wäre es, der Tageszeitung direkt ansehen zu können, welche Partei- und Wirtschaftsinteressen sie vertritt. Oder  in Talkshows Statistiken über Redezeiten, eingeladene Gäste und Suggestivfragen zu erheben.

Es gibt Organisationen, die hervorragende Arbeit leisten, um Lobbyismus aufzudecken. Die Existenz vieler kritischer Websites und selbst die Erfolge der Piratenpartei lassen Hoffnung zu, dass viele Menschen ihren Medienkonsum kritisch hinterfragen. Da bleibt also zu sehen, ob der Druck groß genug wird, um auch die herkömmlichen Medien zu beeinflussen…

Nachtrag

Wolfgang Lieb, beziehungsweise die Nachdenkseiten, haben einen sehr lesenswerten Artikel veröffentlicht.

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Ein Kommentar zu “Gedanken zu unseren Medien

  1. Elvira sagt:

    Ich habe vor einigen Wochen einen Leserbrief an die Berliner Zeitung geschrieben, weil mir die subtile Meinungsmache (s.auch hier: http://quilttraum.wordpress.com/2011/10/04/suche-publikation/) einfach auf die Nerven geht. Auf eine Antwort warte ich noch heute.
    Die von mir aufgezeigten Beispiele betreffen nicht die hohe Politik, sind aber ein Indiz für die willentliche Verdummung einer Leserschaft, die nicht mehr wirklich liest, bzw. Ferngucker, die nicht über den Tellerrand sehen sollen.
    Auf der anderen Seite gibt es Journalisten, deren kleine Kolumnen es Wert sind, die ganze Zeitung zu kaufen. Mely Kyak gehört für mich dazu! Eine mutige Frau, die mit ihrer oft unpopulären Meinung viel böse Kritik einstecken muss – wobei sich die Frage stellt, warum ich es in unserem Land für mutig erachte, eine unpopuläre Meinung öffentlich zu vertreten. Ein verstörender Gedanke!

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