Die beste Prophylaxe gegen Burnout

Obgleich mir das öffentlich-rechtliche Fernsehen derzeit nur eine Sendung bietet, die ich regelmäßig sehe und schätze,  bin ich eine brave Bürgerin und zahle auf mein Notebook GEZ-Gebühren. Damit diese sich auch lohnen, habe ich die letzten beiden Folgen der Sendung „Neues aus der Anstalt“ nachgeholt. Darin wurde unter anderem zu zivilem Ungehorsam als „beste Prophylaxe“ gegen Burnout aufgerufen, woraufhin es auch prompt einige sehr kreative Vorschläge aus dem Publikum gab.
Ziviler Ungehorsam klingt in der Tat sehr gut: Da kann man quasi ohne Aufwand im Alltag politisch aktiv werden. Man erlebt das lausbübische Vergnügen, gegen eine Norm zu verstoßen, jedoch ohne Schuldbewusstsein; schließlich handelt man aus guter Überzeugung und gegen politische Misstände! Ich musste über die Vorschläge zu zivilem Ungehorsam schmunzeln und halte einige darunter für sehr verlockend. Auch an ihrer Wirksamkeit zweifle ich nicht- selbst kurzfristige rein symbolische Effekte sind besser als Untätigkeit.

„Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“
Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, Henry Thoreau

Die Idee des zivilen Ungehorsams ist keine Neue; zu ihren prominenten Vertretern zählen beispielsweise Mahatma Gandhi und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung.
Kann ich mich also in den Fußstapfen Gandhis wägen, wenn ich beispielsweise ein Girokonto bei der ingDiba eroeffne, nur um es wieder zu schliessen und das Begrüßungsgeld zu spenden? Oder wenn ich von Facebook meine Daten-CD anfordere?
Vermutlich nicht. Zum Einen verstoße ich gegen kein Gesetz, sondern hoechstens gegen eine gesellschaftliche Norm. Auf keinen Fall gehe ich ein Risiko ein, bestraft oder verletzt zu werden.  Schließlich lebe ich nicht in einem Land, in dem Facebook oder die ingDiba legislative oder jurisdikative Authorität haetten!
Die meisten Vorschläge richten sich gegen Konzerne oder Behoerden. Und gerade weil sie der Definition zivilen Ungehorsams als Ungehorsam dem Staat gegenüber nicht ganz genügen, finde ich, dass man über sie nachdenken sollte.
Es gibt für uns keinerlei Verpflichtung, den Vorstellungen eines Konzerns von einem guten Verbraucher gerecht zu werden. Dennoch haben wir den Eindruck, ungehorsam zu sein! Konzerne scheinen eine zu große, nirgends formalisierte Authorität auf unser Leben auszuüben.
Ich bin der Ansicht, dass gegenüber Parteien, die uns beeinflussen (denen wir jedoch nichts schuldig sind), „ungehorsames“, oder vielmehr nicht erwartungsgemäßes Verhalten viel selbstverständlicher sein sollte.
Um zum Abschluss auf ein weiteres Beispiel aus der oben genannten Vorschlagsliste einzugehen: Es gibt kein Gesetz, gegen das man verstößt, wenn man sich bei Zeitarbeitsfirmen bewirbt und sich über schlechte Arbeitszustände beschwert! Es handelt sich dabei nicht um zivilen Ungehorsam, sondern um eine vernünftige, eigenständige Handlung.

Ich werde jedenfalls weiterhin die GEZ-Gebühren zahlen (für „Neues aus der Anstalt“) und gleich voller Vorfreude meine Facebook-CD anfordern…

Advertisements

3 Kommentare zu “Die beste Prophylaxe gegen Burnout

  1. Frau Momo sagt:

    Die Idee mit der IngDiba hat mir ja gut gefallen. Und wem ich das Geld spenden würde, wüßte ich auch schon.
    Manchmal denke ich aber auch, es wäre einfach gar kein ziviler Ungehorsam nötig, wenn wir einfach durch unser Verhalten bestimmte Firmen auflaufen lassen würden, in dem wir konsequent da nicht kaufen, auch wenn´s noch so billig ist, wenn wir unseren Konsum überdenken, unsere Gier zügeln und einfach mal etwas über den Tellerrand gucken würden. So schwer ist das gar nicht.
    Ich bin seit einem Jahr glückliche Kundin einer kleinen aber feinen „etwas anderen“ Bank, ich überlege, was ich wirklich brauche und kaufe möglichst da, wo ich es vor mir vertreten kann. Das ist zugegebenermaßen schwierig und oft auch teuer.
    Viele kleine Menschen mit vielen kleinen Schritten verändern die Welt heißt es sinngemäß in einem afrikanischen Sprichwort. Nur muß jeder bei sich anfangen.

  2. Elvira sagt:

    „Es gibt für uns keinerlei Verpflichtung, den Vorstellungen eines Konzerns von einem guten Verbraucher gerecht zu werden. Dennoch haben wir den Eindruck, ungehorsam zu sein!“

    Ich frage mich, woher diese Schuldgefühle kommen? Da fängt Frau (ich rede hier nur für mich) irgenwann an Unwohlsein zu entwickeln, wenn ihr ein Polizist entgegenkommt. An dieser Stelle gebe ich etwas Anonymität auf, denn hier wird klar, dass ich nicht mehr ganz jung sein kann, weil mir heute so gut wie nie Polizisten entgegenkommen. Die sehe ich nur noch auf Demos, für die ich wiederum noch nicht alt genug bin.
    Mein Verhalten als Verbraucher betrachte ich ambivalent. Ich bemühe mich darum aufgeklärt und bewusst einzukaufen. Viele Informationen finde ich in manchen Blogs. Dafür bin ich sehr dankbar.
    Mit dem Ungehorsam habe ich noch Probleme.

  3. Frau Momo- ditto!… ein vernünftiges Konsumverhalten würde viel bringen.
    Man muss es sich jedoch auch leisten können. Besonders für Geringverdiener ist es nicht möglich, von (angeblich) fair gehandelten Nahrungsmitteln satt zu werden. Es ist schon traurig, wie „ethisch sinnvoller“ Konsum nur den etwas wohlhabenderen vobehalten bleibt…

    Zudem sind wir uns teils gar nicht mehr bewusst, was wir wirklich brauchen- und was wir wegen dem Glücksgefühl kaufen, ein Schnäppchen gemacht zu haben, oder ein Stück Lebensstil erworben zu haben. Ich wäre gerne mal in der Werbebranche tätig, einfach um die volle Ladung psychologischer Manipulation einzusehen, die wir da täglich mitbekommen.
    Da ist der Tellerrand, über den man schauen muss, teils echt hoch…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s