Zahnbürsten und Mohnblumen

Die Globalisierung hat auf unseren Alltag beträchtliche Auswirkungen. Das ist allgemein anerkannt und im Bewusstsein der Menschen angekommen- man kann dies besonders gut daran beobachten, dass es das Thema Globalisierung sogar in die Lehrpläne deutscher Schulen geschafft hat.

Wir haben im Englischunterricht den Text The Global Toothbrush analysieren dürfen. Der Text beschreibt, wie die unterschiedlichen Bestandteile einer gewöhnlichen Zahnbürste aus aller Welt kommen, und unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden. Wir haben gelernt: unsere Konsumangewohnheiten und unser kultureller Horizont sind globaler geworden. Wir haben auch gelernt, dass dies auf Kosten der „Verlierer der Globalisierung“ geschehen kann- zum Beispiel auf Kosten der unterbezahlten Kinder, die in Sweatshops schuften müssen, damit wir im Supermarktregal die Auswahl zwischen zehn Hightech-Zahnbürsten haben.
Wir Schüler haben damals alles fleißig für die nächste Klausur gelernt- aber welche Konsequenzen haben wir gezogen?

Während in den britischen Nachtklubs das gleiche nervtötende Poplied läuft, wie ich es aus meiner Schulzeit, aus deutschen Einkaufszentren und aus maltesischen Cocktailbars kenne, wird mir schmerzhaft bewusst, in welch einem „globalisierten“ kulturellen Einheitsbrei ich lebe.
Wir haben zweifelsohne die Freiheit, über den Tellerrand der Populärkultur zu schauen. Dennoch- einmal davon abgesehen, dass dies mit einer Anstrengung verbunden ist, die wir leider oft scheuen, wird uns andernorts jedoch eine ganz und gar nicht globale Denkweise vermittelt:

In dem deutschen Einkaufszentrum konnte man während der Fussballmeisterschaften schwarz-rot-golden verpackte Apfelsinen kaufen. In unserem Englischkurs wurde darüber debattiert, ob ausländische Einwanderer den deutschen Arbeitsmarkt gefährden, und ob die EU ihre Grenzen stärker kontrollieren sollte.
In dem Nachtklub vor meinem Fenster, der mich vom Schlafen abhält, haben sich die Mädchen Mohnblumen aus Kunststoff an ihre Kleidchen geheftet, die hier im Gedenken an britische Kriegsveteranen verkauft werden. Der Remembrance Day, den es im Commonwealth seit dem 11. November 1919 zu Ehren für das Vaterland gefallener Soldaten gibt, wird hier schon Wochen im Voraus mit dem Tragen von Mohnblumen-Ansteckern zelebriert. Bemerkenswert ist, dass insbesondere im britischen Fernsehen seit Wochen kein einziger Moderator ohne Mohnblume aufzutauchen scheint.

Ein nationalen Gedenktag für Kriegsveteranen wird es in Deutschland zwar so bald nicht geben. Fest steht für mich seit der letzten Fußballweltmeisterschaft dennoch, dass Patriotismus wieder in den Vordergrund gerät, auch in Deutschland.

Glaubt man daran, dass Menschen meist nicht schizophren sind, stellt sich mir die Frage:
wie schaffen wir es, globalisiertes Konsumverhalten und einen globalisierten kulturellen Geschmack mit Patriotismus zu vereinen? Was ist richtig deutsch, wenn die Rostbratwürste aus importiertem Schweinefleisch hergestellt und unsere Birkenstockschuhe in Asien zusammengeklebt werden, wenn statt Sankt Martin nun Halloween gefeiert wird und im Radio nur englischsprachige Musik läuft? Bleiben dann tatsächlich nur unsere hervorragenden Politiker, unsere Armee und unsere Fussballmannschaften als Gründe, auf deutsche Interessen zu pochen?

Ich war in der letzten Woche entsetzt über folgenden Artikel (mir sei verziehen, dass ich diese Zeitung hier verlinke). Ich wurde dann im Gespräch darauf hingewiesen, dass die chinesischen Medien nicht immer ausländerfreundlicher seien. Valides Argument. China sieht in den schwächelnden Euro-Ländern Profitchancen, das mag ebenfalls gut sein. Und dass die Euro-Staaten es mit der Angst zu tun bekommen, ist deutlich spürbar.
Da ist freundschaftliche Zusammenarbeit zwar schön und gut- „doch dass wir nun die Griechen aus dem Schlamassel ziehen sollen, ist unfair“. Möglicherweise ist es die Angst, am Ende doch zu den Verlierern der Globalisierung zu gehören, die zu einer scheinbar anti-globalen Haltung führt.

Mit angstgetriebener Politik ist viel zu erreichen (wer dem nicht zustimmt, dem lege ich George Orwell’s 1984 ans Herz). Wenn es sich um eine Angst vor einem konkreten Gegenüber handelt (der Chinese, der unser Land kauft, der islamische Terrorist oder der Grieche, der auf unsere Kosten faulenzt)- umso besser. Mit dieser Angst kann man die Verletzung anderer Prinzipien und verschiedenste Freiheitseinschränkungen ganz prima rechtfertigen.

Angst scheint jedoch zur Zeit in vielen Ländern aufzutreten. Die Wirtschaft kriselt, und es gibt damit einen gemeinsamen Angstfaktor. Warum grenzen wir angesichts dieser Gemeinsamkeit nationale Interessen von denen anderer Staaten ab? Warum haben wir nicht vielmehr Angst vor Moody’s und Monsanto und Facebook und Nestlé- denjenigen multinationalen Parteien also, die selbst scheinbar weder Gesetze, noch Ländergrenzen, noch Politiker fürchten?

Vielleicht sind wir ja doch ein wenig schizophren…

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Ein Kommentar zu “Zahnbürsten und Mohnblumen

  1. global patriotism sagt:

    Vielleicht?
    jaa so ist es mit der Globalisierung…wir lesen gerade ebenfalls den Artikel über die Zahnbürstenproduktion…die Hausaufgaben dazu werden kurz darauf in „Facebookgruppen“ veröffentlicht, damit auch die ganze Nation davon profitieren kann

    Guter Artikel!

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