Remember, remember the Fifth of November

Vor etwa vierhundert Jahren wollte eine Gruppe katholischer Verschwörer das britische Parlament in die Luft sprengen. Dass dieser Anschlag misslang, und die protestantische britische Aristokratie weiter an der Macht blieb, wird bis heute als Bonfire Night gefeiert. Auch wenn dieses Fest denkbar unpolitisch zelebriert wird, feiert man also das Fortbestehen einer Herrschaft, der britischen Einheit, und die Hinrichtung eines Dissidenten.

Ich verbringe nun meinen ersten 5. November – mit Feuerwerk, Kinderfest und feiernden Menschenmassen- in Großbritannien. Es ist ein Tag, an dem vor allem Familien mit Kindern einen Abend im Freien verbringen. Ein schönes Fest- und es liegt mir fern, diese Tradition zu verurteilen.

Spätestens seit dem Comicbuch und Kinohit V wie Vendetta ist Guy Fawkes, dessen Hinrichtung man heute feiert, mehr als nur ein katholischer Aufständler. Er weltweit ist zu einer Ikone des politischen und auch gewaltsamen Widerstands geworden. Politische Aktivisten aller Richtungen tragen (falls ihnen das erlaubt bleibt) Masken in seiner Tradition. Man drückt damit aus, dass man einer Gruppe angehört, die mit dem gesellschaftlichen Status Quo nicht einverstanden ist, und gegen eine unterdrückende Regierung vorgehen will.

Wogegen protestiert wird, unterscheidet sich freilich- Scientology, das Börsenkasino, oder das neueste Reformpaket einer Regierung. Ich konnte nicht umhin, an den Widerstandskämpfer V zu denken, als ich am Ort des Feuerwerks von bewaffneten Polizisten nach durchsucht wurde (ich trug natürlich keine Waffen und keinen Alkohol bei mir, war auch nicht maskiert- kein Problem also).

Eine Guy Fawkes-Maske ist für mich nicht nur ein Zeichen des Widerstands, sondern drückt auch eine gewisse Verzweiflung aus: „ich kann nicht mehr als Individuum für meine politische Meinung einstehen und diese in meinem Namen ausdrücken. Ich muss mich maskieren, da ich sonst aufgrund meiner Ansichten gefährdet bin.“… Was also ist von einer Gesellschaft zu halten, in der Menschen auf diese Weise ihren Protest kundtun?

Wie ist eigentlich zu erklären, dass die Wirtschaft krachen geht, sobald verkündet wird, dass man dem (griechischen) Volk eine wichtige politische Entscheidung überlassen möchte? In der im Anschluss daran dieses Referendum verdammt wird- das zwar demokratisch ist, aber die Wirtschaft gefährden würde? Die Wirtschaft hat ganz offensichtlich und möglicherweise zu Recht kein Vertrauen, dass eine Volksentscheidung ihr zugunsten ausfallen wird. Aber was ist hier eigentlich die Wirtschaft und warum ist sie bei Entscheidungen, die letztendlich das Volk tragen wird, so maßgebend? Und wenn die Wirtschaft für uns alle, unsere Innovation, die Arbeitsplätze und den Konsum so wichtig ist- warum gehen dann an der Wall Street Menschen in Guy Fawkes Masken gegen die Finanzmärkte auf die Straße? Warum werden die G*-Gipfel an von der Öffentlichkeit immer abgeschotteteren Orten ausgetragen? Warum werden im Fernsehen zum Thema Eurokrise ebensoviele Banker wie Politiker zu politischen Fragen interviewt?

Ich bin kein Finanzprofi- und man mag mir das vorhalten. Man mag erklären, das griechische Volk habe nicht die Kompetenz, eine Entscheidung zu treffen und die 99%-Bewegung habe einfach keine Ahnung von dem harten Arbeitsalltag an der Börse. Man kann auch behaupten, ein Mindestlohn zerstöre Arbeitsplätze und die politische Linke sei populistisch- um dann umzuschwenken wie die CDU…und damit ungescholten davonkommen. Diese These- die Mehrheit ist zu doof, um zu entscheiden- macht mich traurig. Sie ist das stärkste Argument gegen Demokratie und ich hoffe und glaube, dass sie nicht wahr ist. Jahrelang wurde verlautet, die Jugend sei zu unpolitisch, zu desinteressiert, zu politikverdrossen. Sind wir zu doof für Demokratie?

„Populistisch“ ist ein Schimpfwort, weil man dem Volk Ideen schmackhaft macht, indem man an Vorurteile und weit verbreitete Meinungen appeliert. Ich wünschte, Politik wäre populistischer. Dahinter steckt nämlich wenigstens die Idee der Berücksichtigung des Volkes. Sicher, die Bürger würden im Zweifel gegen den Euro, gegen die meisten großen politischen Parteien, und gegen Sparpakete votieren. Sicherlich würde das zu Konflikten führen. Sicherlich ist nicht jeder Einzelne imstande, eine fundierte Meinung zu allen Themen zu haben.

Nun wird weltweit protestiert- Desinteresse ist also kein berechtigter Vorwurf mehr. Stattdessen heißt es, die Protestierenden seien schlecht informiert, naiv wie die Globalisierungskritiker, oder im Fall der britischen Jugendlichen, nur auf Randale aus. Nein, ich halte das Anzünden von Kaufhäusern nicht für sinnvoll, genau wie ich eine katholische Monarchie nach einem geglückten Anschlag durch Guy Fawkes wenig besser gefunden hätte, als eine protestantische Monarchie.

Guy Fawkes wurde verbrannt, und danach blieb die britische Herrschaft, wie sie war… unsere politische Situation ist im Umbruch- der Vergleich mag daher unangemessen sein. Interessant bleibt für mich dennoch die Frage, wie wir mit Protesten umgehen- und was dies über unsere Gesellschaft aussagt.

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